Freitag, 8. März 2019

Die Krise der Zeitungen

Diese Nachricht hat die ganze Branche wirklich aufgeschreckt: Der Verlag DuMont stellt seine renommierten Zeitungen (Kölner Stadtanzeiger, Express, Berliner Zeitung) zum Verkauf. Er folgt damit dem Vorbild des Axel Springer Verlages, dessen Vorstandsvorsitzender 2013 neben einigen Magazinen das Hamburger Abendblatt und die Berliner Morgenpost an die Funke-Mediengruppe verkauft hat. Im jüngsten Spiegel spricht Markus Brauck in seinem Leitartikel von einer demokratiegefährdenden "Pressedämmerung". Die Krise der Zeitungen ist dramatisch. Schon jetzt gibt es in vielen Städten nur noch eine einzige Zeitung. Das bedeutet vielfach Meinungsmonopole.
Wenn dann noch die einzige Zeitung wegfällt, entfällt damit auch jegliche Kontrolle kommunaler Mißstände. In Deutschland gab es 2018 noch 327 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von 14,7 Millionen. 1991 hatten die Zeitungen noch eine Auflage von 27,3 Millionen. Ihr Anteil am Werbemarkt liegt bei etwa 15%.

Über die Ursachen der Zeitungskrise ist viel geschrieben worden: Drastische Rückgänge der Anzeigen durch den Wegfall des Rubrikengeschäfts und die Konkurrenz durch Google-Werbung, Desinteresse junger Leser, Informationskonkurrenz durch kostenlose News im Internet und so weiter.
Aber sind die Probleme nicht auch hausgemacht?

Matthias Döpfner, der Journalist an der Spitze des Axel-Springer-Verlages, hat der Neuen Züricher Zeitung kürzlich ein Interview gegeben. Darin geht er selbstkritisch mit seine Branche um. Viele Journalisten schrieben nicht für die Leser sondern für ihre eigene Gattung, Und dann heißt es an einer Stelle:

"Es ist klar, dass Journalisten grösstenteils dem linksliberalen Meinungsspektrum zuzuordnen sind. Das ist kein Klischee, es ist durch Umfragen und Forschung belegt. Zum Beispiel zitiert Professor Hans Mathias Kepplinger, einer der bekanntesten deutschen Kommunikationsforscher, in einem Medienseminar der Bundeszentrale für politische Bildung eine Statistik, nach der die Parteipräferenzen deutscher Journalisten zu 36 Prozent bei den Grünen und zu 25 Prozent bei der SPD, aber nur zu 11 Prozent bei der CDU/CSU und nur zu 6 Prozent bei der FDP liege
n."

Die Parteipräferenzen von Journalisten liegen danach weit abseits von den Parteipräferenzen der Bevölkerung. Döpfners Schlussfolgerung: es führe zu einer Entkoppelung, wenn Medien "so verzerrt" die Bevölkerung repräsentierten.

Das ist eine sehr interessante These, und es ist verwunderlich, dass sich weder die eigenen noch die konkurrierenden Medien damit auseinandersetzen. Aber vielleicht liegt hier - neben den durch Google und Facebook verursachten Einbrüchen bei der Werbung - eine der Hauptursachen der allgemein zu beobachtenden Krise der Verlage.
Wie man hört, ziehen derzeit viele Verleger die Reißleine bei ihren Zeitungen und Magazinen. Sie fürchten die abflauende Konjunktur in einer ohnehin desolaten Lage. Zugleich schreitet die Monopolisierung digitaler Werbung durch Google und Facebook in Siebenmeilenstiefeln fort, und die Hoffnung der Verlage, die Anzeigenverluste im Printbereich durch digitale Werbung kompensieren zu können, schwindet immer mehr. Warum soll man Banner in einem Portal von Printmedien  schalten, wenn die Werbung über Google und Facebook durchschlagenden Erfolg bringt?
Auch Paywalls sind kein wirklicher Ausweg, wie sich zunehmend zeigt. Schließlich: Die Erhöhung der Vertriebspreise lässt sich auch nicht unendlich fortsetzen. Sie hat dazu geführt, dass jüngeren Lesern das Zeitunglesen zu teuer geworden ist. Es gibt online genug kostenlose Angebote. Die Verlage stecken in einer Falle, aus der ein Entkommen kaum möglich erscheint. Aber es ist nicht nur das kaufmännische, was Sorgen machen muss. Es sind die Produkte, denen die Kunden davonlaufen, also die Inhalte.
Der sogenannte Qualitätsjournalismus, für den Leser bitte zahlen sollen, ist eine gern gepflegte Illusion der Branche. Die "schöne Geschichte" ist ein journalistischer Begriff, den Leserinnen und Leser nie benutzen. Hunderte von Journalistenpreisen - zum Teil hochdotiert - werden jedes Jahr verliehen und in der Jury sitzen dann nicht Leser, sondern natürlich Journalisten. So liegt der unschöne Verdacht nahe, dass manche "schöne Geschichte" einer Jury, also den Kollegen gefallen soll. Der Eifer, mit dem Bewerbungen eingesendet werden, spricht für die Eitelkeit mancher Bewerber. Im Kern ist es ein Hinweis für Döpfners These: Manch einer schreibt, um den Kollegen zu gefallen.

Tatsächlich ist der Fall Relotius aus meiner Sicht längst nicht aufgearbeitet. Wie auch? Es ging dabei ja nicht nur um gefälschte oder erfundene Teile von Reportagen. Es ist eine je nach Redaktion ausgeprägte Erwartungshaltung der journalistischen Führungskräfte, die manche Geschichte schöner scheinen lässt als sie ist. So werden Überschriften zugespitzt und manche Themen aufgeblasen. Es ist eine besondere Kunst, Überschriften zu generieren, die korrekt sind und doch den Leser neugierig machen. Die Branche muss an ihren Inhalten arbeiten. Es geht nicht nur um möglichst viel Digitalisierung. Es geht darum, was der Leser wirklich braucht, was ihn berührt, was er wissen will.

Ein Blick auf die Nachrichtenportale zeigt das Problem: Die Hauptnachrichten sind alle gleich: Es ist offensichtlich egal, auf welcher App ich Nachrichten lese. Ich sehe im Fernsehen Nachrichten, die ich schon überall gelesen habe. Warum soll ich dann für irgendeine Geschichte zahlen? Es ist Wahnsinn, dass gerade die Regionalzahlungen ihr Heil in einer Paywall suchen. Ich spreche hier nicht von digitalen Abos, sondern vo, Zwangsbezahlen  für einzelne Artikel. Man sieht ja, dass es nicht funktioniert. Immerhin heißt es beim Handelsblatt, dass man durch die Paywall Roboter und Querulanten ausschließt und die Umwandlung in Abos durch die Relevanz von Geschichten wichtiger ist als die Zahl der Klicks. Immerhin eine Strategie, kann man so machen.
Trotzdem glaube ich, dass Paywalls der falsche Weg sind.

Interessant ist, das einzelne Journalisten sehr erfolgreich eigene Blogs und Portale entwickelt haben. Beispielsweise hat der frühere Chefredakteur von Finanztest, Herman-Josef Tenhagen das Verbraucherportal "Finanztipp" aufgebaut und in relativ kurzer Zeit über 400.000 Abonnenten gewonnen. Oder der frühere FTD-Journalist Heinz-Roger Dohms, der mit "Finanz-Szene" einen Fachdienst für Banking betreibt, der inzwischen Tausende erreicht, weil Dohms stets gut informiert ist und täglich Neues zu bieten hat. Oder der frühere Wirtschaftswoche-Chefredakteur Roland Tichy, der mit "Tichys Einblick" das rechte Meinungsspektrum offenbar erfolgreich abdeckt, ob es einem nun gefällt oder nicht. Oder das lokale Portal Merkurist, das durch Einbeziehung der Bürger schneller als andere von lokalen Ereignissen erfährt.
Meine Lokalzeitung, die der SPD zugeneigte Mainzer Allgemeine Zeitung "AZ", hat gerade wieder gezeigt, wie fern mancher Journalist von den Bürgern ist: Mit großer Empörung wird  eine halbe Seite heuchlerische  Empörung der CDU-Vorsitzenden Kramp-Karrenbauer gewidmet, weil sie sich in einer Büttenrede über das dritte Geschlecht lustig gemacht hat. Meine Güte. Wird jetzt auch noch die Fastnacht zensiert?
Sicher wusste AKK, was sie da sagte. Die Bürger haben andere Probleme als die dritte Toilette für das dritte Geschlecht. Leben und Leben lassen ist hier die bessere Antwort als bemühte Skandalisierung und Empörung.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen