Freitag, 21. September 2018

Keineswegs tot: Die Financial Times Deutschland

12 Jahre hat sie ununterbrochen Verluste produziert, bis sie am 7. Dezember 2012 letztmals erschien: Die Financial Times Deutschland. 250 Millionen Verlust hatten sich aufsummiert. Rund 300 Arbeitsplätze wurden gestrichen. Die zuletzt gemeldete Auflage erreichte knapp über 100.000, aber über 40.000 davon bestanden aus wenig lukrativen Sonderverkäufen. Das Anzeigengeschäft war über die Jahre eingebrochen. Der Vertrieb erreichte nicht die gesetzten Ziele. Viele redaktionelle Fehler prägten die Anfangszeit. In ruhigere Bahnen kam die mit dem Handelsblatt konkurrierende Wirtschaftszeitung erst unter ihrem Chefredakteur Steffen Klusmann, der nach der Schließung als erstes "Trauerarbeit" annoncierte. Man könne nach so einer Erfahrung nicht zur Tagesordnung übergehen, sagte er dem NDR.
Die dauernden wirtschaftlichen Schwierigkeiten führten am Ende zu einem strategischen Fehler: Die G+J Wirtschaftsmedien unter Vormundschaft der FTD zu einer Redaktion zusammenzulegen. Capital, Impulse. Börse Online und FTD standen von da an auf der Visitenkarte jedes Redakteurs. Markenvermischung funktioniert nie, aber das war natürlich nicht der entscheidende Grund für das Aus der FTD. Die FTD war in einer vom Neuen Markt getriebenen euphorischen Börsenphase gegründet worden, die dann zusammenbrach. Sie litt trotz eigenen sehr guten Online-Angebots unter der Ausbreitung des kostenlosen Internets. Sie fiel in eine Zeit, in der alle Wirtschafts-Printausgaben permanent an Auflage verloren. Und sie hatte natürlich im Handelsblatt einen stark aufgestellten Konkurrenten, der mit Gründung der FTD enorm investierte.

Doch so tot, wie man denken könnte ist die FTD nicht. Sie lebt fort in der professionellen Arbeitsweise und in den Köpfen ihrer ehemaligen Angehörigen. Die FTD war als ganzes immer investigativ und ihre ehemaligen Redaktionsmitglieder haben diesen Geist zu ihren neuen Arbeitsplätzen mitgenommen. Sie prägen bis heute den Geist einer wirtschaftlich gebeutelten, aber redaktionell selbstbewussten Wirtschaftspresse. Es ist wie ein Marsch durch die Institutionen. Bis heute gibt es eine verschworene FTD-Gemeinschaft, die sich jedes Jahr im Dezember trifft und mehr ist als ein banales Klassen- oder Alumnitreffen. Diese Leute lieben sich. Die rosafarbene Schleife, die sie am letzten Erscheinungstag alle trugen, hat jede/r zuhause aufbewahrt.
Ich treffe in meiner Branche oft auf ehemalige FTD-Redakteurinnen und Redakteure und erlebe sie  immer gerade aus, sachlich in der Auseinandersetzung, unbestechlich  in jeder Hinsicht (zur Klarstellung: ich habe auch nie versucht, einen Journalisten zu bestechen!), und absolut news-minded. Die jahrelange harte Klusmann-Schule in einem schnellen Blatt hat die anfänglichen Fehler ausgebügelt und hervorragende Journalisten hervorgebracht, die teamorientiert arbeiten konnten und sich gegenseitig mochten und schätzten.

Was ist aus den FTD-Kolleginnen und Kollegen geworden? Obwohl der Markt für Wirtschaftsjournalisten durch das generell eingebrochene Anzeigengeschäft wenig viel versprechend war, haben doch viele FTDler zum Teil leitende Funktionen in anderen Medien gefunden, was für die besondere Qualität dieser Journalisten spricht, die mit zahlreichen Journalistenpreisen ausgezeichnet wurden. Nicht wenige landeten auch in Kommunikationsberufen, manche machten sich selbstständig.

Als ich am 20.9. den "Deutschen Journalistenpreis" besuchte, traf ich wieder ehemalige FTD-Redakteure, die heute für andere Medien arbeiten und Preise absahnten. Sie sind bis heute stolz auf ihre Zeit bei der "FTD". Wer auf Xing "FTD" eingibt, findet sie fast alle, auch die vielen, die heute gute Arbeit in der Kommunikationsbranche leisten.

Klusmann wurde 2013 Chefredakteur des Manager Magazins als Nachfolger von Arno Balzer, der heute Herausgeber von "Bilanz" ist.  Dorthin holte er auch seinen Stellvertreter Sven Clausen. Zum Jahresende wird Klusmann als Primus Inter Pares die Chefredaktion des Spiegel übernehmen. Horst von Buttlar, der das Ressort "Agenda" verantwortet hatte übernahm die Chefredaktion des Wirtschaftsmagazins CAPITAL.

Hier ein paar weitere, willkürlich gewählte Beispiele der "Hall of Fame" mit FTD-Vergangenheit:

Christian Kirchner steht heute für das Frankfurter Büro von Capital. Tim Bartz war für das Manager Magazin in Frankfurt und ist dort heute Frankfurter Finanzkorrespondent des SPIEGEL. Harald Ehren ist heute Chefredakteur der Verkehrszeitung. Mark Böschen, ehemaliger FTD Volontär schreibt heute die Geldgeschichten beim Manager Magazin. Michael Gassmann ist heute WELT-Korrespondent in Düsseldorf, Stefan Kaiser bei Spiegel Online. Volker Votsmeier ist heute im Investigativ-Team des Handelsblatts und sein Kollege Martin Murphy Chefreporter beim Handelsblatt. Jens Tönnesmann schreibt für die ZEIT, Lutz Knappmann leitet das Online-Team der Wirtschaftswoche. Daniel Rettig ist Ressortleiter "Erfolg" bei der Wirtschaftswoche. Joachim Dreykluft ist Chefredakteur in Flensburg bei  shz.de. Daniel Saurenz, auch Bilanz-Kolumnist, hat ein Research-Institut gegründet. Bernd Mikosch ist Chefredakteur von Fonds Professionell. Jennifer Lachman ist Chefredakteurin von "Xing Klartext". Matthias Brügge Ressortleiter in Springers Autoverlag. Antonia Götsch ist Chefredakteurin von Impulse, Meike Schreiber Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung. Tim Höffinghoff arbeitet in der Chefredaktion der Schweizer "Handelszeitung". Max Smolka ist heute bei der FAZ. Ruth Fend war die letzte Chefredakteurin des eingestellten Magazins "Neon" und Marc Schürmann arbeitet als Textchef beim SZ-Magazin der Süddeutschen Zeitung.
Und natürlich gibt es auch in der WELT-Gruppe prominente Ex-FTDler: Claudia Kade (Politik-Chefin), Ileana Grabitz (Wirtschafts-Chefin), Olaf Gersemann (Wirtschafts-Chef), Christoph Keese. Nachfolger des ersten FTD-Chefredakteurs Andrew Gowers bis 2004 (Ex-Wams-Chef, Geschäftsführer Hy!) und Romanus Otte (Head of Axel Springer Global Network).

Die eindrucksvolle Hinterlassenschaft eines großen Projektes. Respekt!






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