Freitag, 24. August 2018

Marketing-Strategie: Kunden für dumm verkaufen

Ich bin eigentlich konservativ und schon gar nicht Kategorie Verbraucherschützer. Ich liebe die Wirtschaft und bewundere deutsche Unternehmen. Aber eine Sache missfällt mir seit Jahren: Kunden für dumm zu verkaufen als Marketingstrategie.
Entschuldigen Sie diesen Ausdruck, aber ich glaube, dass ich vielen aus der Seele spreche, wenn ich sage: Telekommunikationsunternehmen, Strom- und Gasanbieter, und Vergleichsportale scheuen keine Mühe, Kunden über den Tisch zu ziehen. Sie rufen dich ungefragt an, und wenn sie dich einmal in ihren Fängen haben, lassen sie dich nicht mehr los. Sie verstecken Kündigungsmöglichkeiten und setzen auf Intransparenz. Sie locken mit Einstiegsboni und erhöhen nach einem Jahr drastisch die Preise.
Beispiel Stromio, mein Stromanbieter, der alles online abwickelt."Wir stehen für verlässliche Stromversorgung zu fairen Preisen", steht auf der Website.  Hier kann man lesen, wie das Unternehmen von Verbraucherorganisationen wirklich beurteilt wird.
Man muss sich einloggen, um Nachrichten, Vertragsänderungen und Dokumente zu empfangen.
Der bis dahin für mich günstige Anbieter teilte mir im Mai mit, dass er für meinen Tarif "Easy12" die Preise erhöhen müsse. Nicht etwa in einer Email, sondern mit den Worten "Für Sie liegt ein Dokument bereit". Im Mai erwartete ich keine Dokumente, also habe ich auch nicht nachgesehen. Ein Fehler, denn so verpasste ich die Kündigungsfrist. Erst als plötzlich im Juli von meinem Konto 143€ statt 59 € Abschlag eingezogen wurden sah ich mir dieses Dokument an.
Der Arbeitspreis solle von 25  auf 30,4 Cent steigen, der Grundpreis von 170 auf 270 €. Ich sah mir die Jahresabrechnung an: Bei einem Jahresverbrauch von 3220 KWh betrug die Rechnung  862,02€. Darin enthalten war ein Bonus von 127,83 €. Ohne diesen Bonus also 989,85 €.

Nun wollte ich wissen, wie Stromio auf diese neue Abschlagssumme von 143 € gekommen ist.
12 mal 143€ sind 1.716 €. Dieser Betrag ist um 467,12 € höher als ein Jahresbetrag mit den neuen Preisen: 30,4 Cent mal 3220 KW sind 978,88 € plus 270 € neuer Grundpreis sind 1248,88 €.

Abgesehen davon, dass mir hier eine unverschämte Preissteigerung von über 44,% (!) oder ohne Bonus von 26% untergeschoben wurde, - die Antwort im Callcenter verblüffte mich. "Es handelt sich um eine Prognose Ihres Verbrauchs. Hat unser System errechnet."
Stromio hat konkret eine Erhöhung meines Stromverbrauchs von 3220 KWh auf 4757 KWh prognostiziert - weiß der Teufel wie.
Doch dahinter steckt System. So beschafft sich Stromio Liquidität. Zwar bekommen die Stromverbraucher den überzahlten Beitrag mit der nächsten Abrechnung zurück. Aber bis dahin kann Stromio mit dem Geld arbeiten. Bei einer Insolvenz wäre das Geld weg.

Leider kann ich die Kundenzahl nicht im Internet finden, aber wenn der zuletzt ausgewiesene Umsatz des verschachtelten Unternehmens 2014 bei rund 480 Millionen Euro lag und der durchschnittliche Verbrauch eines Haushalts bei etwa 3000 kWh liegt, dann wären das etwa 160.000 Kunden. Wenn alle Kunden nach der Preissteigerung die gleiche "Prognose" wie ich erhielten, dann wären das übers Jahr gerechnet 160.000 mal 467,12 = 74.739.200 Millionen Euro. Jeden Monat also etwa 6,2 Millionen Euro.

Als ich das im Stromio-Callcenter monierte, hieß es: Kein Problem, wir senken den Abschlag auf 83 €. Und das ist ein Betrag, der meinem letztjährigen Verbrauch nach Preiserhöhung in etwa entspricht. Ich wechsle jetzt zum Stromanbieter LIDL, der in den Vergleichen recht gut abschneidet und mir den Kündigungskram abnimmt. Ich lasse mich doch nicht verarschen.


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