Montag, 5. Februar 2018

Wie entstehen Spekulationsblasen?

Bitcoinblase, Immobilienblase, Aktienblase, Anleihenblase - die Blasenberichterstattung nimmt wieder zu, gefolgt von Crashpropheten, die mit Angstmache absahnen wollen.  Und tatsächlich platzt immer mal wieder eine echte Blase. Was steckt für ein Mechanismus dahinter und wie kann man sich davor schützen?

Warum laufen so viele Anleger wie Lemminge den Bitcoins hinterher? Der Grund liegt zum einen in der Hoffnung auf schnelle Gewinne, zum anderen aber in einem Mechanismus, der von den Medien verstärkt wird: Da man keine eigenen Informationen hat oder die zugrunde liegenden Fakten nicht versteht (Stichwort "Blockchain"), verlässt man sich darauf, dass andere ihrem Tun und Handeln solide Informationen zugrunde gelegt haben - was selten stimmt. Wenn manche Medien die Blockchain-Technologie erklären, beginnt der Satz meist mit den Worten: Es ist eigentlich ganz einfach. Und dann folgen Erklärungen, die keine versteht.Aber der Leser glaubt, dass der Journalist es verstanden hat und vor allem die, die damit arbeiten.

Der Nobelpreisträger George J. Stigler hat das einmal an einem einleuchtenden Beispiel beschrieben, das er "Informationskaskade" nannte: Man denke sich zwei Restaurants A und B , die zur gleichen Zeit mit gleicher Speisekarte nebeneinander öffnen. Der erste Gast kommt, vergleicht die Speisekarten und stellt keinen Unterschied fest. Er hat aber Hunger und setzt sich in Restaurant A - Motto: Ist ja egal. Der zweite Besucher kommt, vergleicht wieder beide Speisekarten, stellt ebenfalls keinen Unterschied fest. Er sieht aber einen in A sitzen und denkt sich: Der hat eine Information, die ich nicht habe, wahrscheinlich ist der Koch in A besser. Also setzt er sich auch in A. Am Ende ist Restaurant A voll, Restaurant B leer. Und der Besitzer von B kann es nicht fassen.

Wenn es bei Spekulationsblasen um überhöhte Preise geht, greift ein ähnlicher Mechanismus. 
Denn bei der Frage, was eigentlich überhöht ist und was nicht, gibt es in der Regel keine mathematischen Beweise. Es zählt, was verkauft wird. Jeder schaut, was andere machen, die Medien berichten und die Lemminge folgen. Aber wenn alle an weitere Preis- oder Kurssteigerungen glauben, warum soll dann eine Blase platzen? Das erklärt ein anderes theoretisches Beispiel.
Nehmen wir an, die ganze Finanzwelt sitzt in einem Raum versammelt. Alle erwarten steigende Kurse bei Ölaktien. Marktprognosen unterstützen den Trend. "Die Ölpreise werden steigen". Doch sie steigen nicht, sondern fallen zur Überraschung aller. Weil sich alle in der gemeinsamen Hoffnung auf steigende Preise eingedeckt haben. Nun sitzen sie da und warten, dass die Kurse der Ölaktien steigen. Sie steigen aber nicht, denn alle sind ja bereits eingedeckt - es gibt keinen Käufer zu den aktuellen Kursen mehr. Dann sagt sich der erste: Wenn es keinen Käufer mehr gibt, verkaufe ich und nehme Preisabschläge in Kauf. Die anderen sehen das und glauben, er hätte Informationen über fallende Kurse. Immer mehr folgen ihm, die Preise der Wertpapiere sinken, mit immer größeren Abschlägen. Die Blase platzt. Im nächsten Schritt kommt es zu panischen Verkäufen.

Als ich noch Capital-Chefredakteur war, und die ersten Medien einen Crash am Neuen Markt voraussagten, zitierte der Spiegel meine Kolumne "Crash nein danke". Ich wollte einfach nicht glauben, dass die anschwellenden Zweifel über die Kurse am Neuen Markt zu einer self-fulfilling-prophecy wurden. Gerade war es nach dem Telekom-Börsengang gelungen, die Deutschen für Aktien zu begeistern. Sie kauften alles, was irgendwie mit dem Internet zu tun hatte, um es so schnell wie möglich wieder mit Gewinn zu verkaufen. Unsere Geldredakteure waren fest davon überzeugt, dass die Rallye weitergehen würde.  Kurz vor dem Crash erschien das meistverkaufte Heft von Capital "Die Perlen des Neuen Marktes": Wir verkauften 330.000 Hefte, allein 130.000 im Einzelverkauf. 

Unsere ganze damalige Redaktion ist wie andere Finanzmedien reingefallen auf all die Analysten, Berater und Marktteilnehmer, die an jedem Börsengang des Neuen Marktes prächtig verdienten und immer weiter steigende Kurse prognostizierten. "Cash Burn" war die Falle, in die alle reinliefen: Wer im Internet erfolgreich sein wolle, der müsse erst einmal Geld verbrennen, um eine kritische Massen an Kunden zu gewinnen. Mit diesem Argument wurde jeder Zweifler zum Nörgler abgestempelt.
Die Anleger dagegen schauten in die Röhre und verloren viel Geld, die Wirtschaftspresse erlebte ihren größten Kotau, verlor an Glaubwürdigkeit und geriet in eine Depression, von der sich viele nicht erholten. Dabei konnte man damals auch einiges richtig machen, wenn man sich nicht an den Lemmingen, sondern an langfristig vernünftigen Konzepten orientiert hätte, die es auch im Internet immer gegeben hat. 
Im Mai 1997 ging Amazon mit einer Erstnotiz von 18 Dollar an die Börse, heute ist die Aktie bei 1138 Dollar. Jahrelang hatte Jeff Bezos riesige Verluste angehäuft, um dann irgendwann gigantische Gewinne zu kassieren. Heute macht Amazon einen Großteil seiner Gewinne mit der Vermietung von Cloud.Kapazitäten. Aktionäre die durchgehalten haben, konnten sensationell verdienen. Im August 2004 ging Google zum Preis von 80 Dollar an die Börse. "Viel zu teuer" schrieben zahlreicher Kritiker damals. Heute steht der Preis von Google (heute Alphabet) bei über 880 Dollar. Ähnliches bei Facebook: Beim Börsengang lag der Kurs bei 38 Dollar, vier Monate später nur noch bei 17,5 Dollar, weil sich Analysten einig waren, dass Facebook keine Perspektive habe. Heute notiert der Kurs bei 152 € und Facebook scheffelt gigantische Gewinne.
Was kann man daraus lernen: Finger weg immer dort, wo schnelle Gewinne versprochen werden. Denn der schnelle Schnitt ist ein typisches Blasenphänomen. Wenn alle einer Meinung sind, besondere Vorsicht walten lassen - in der Zustimmung wie in der Ablehnung. Die in den Wirtschaftsmedien veröffentlichten DAX-und Dollar-Prognosen von Banken liegen fast immer daneben. 
Erfolg hat, wer sich immer einen Schuss Skepsis gegenüber der allgemeinen Meinung von Analysten bewahrt und sich an eine Regel hält: Streuen und langfristig anlegen. Das ist die beste Gegenstrategie gegen platzende Blasen. Die Umsetzung kann man bei größeren Beträgen einem guten Vermögensverwalter anvertrauen, der alle Kosten offenlegt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen