Mittwoch, 7. Februar 2018

Merkels Erfolg und die Hektik der Berliner Medien

Der Medienbetrieb in Berlin hat manchmal bizarre Züge. Kaum ist die Tinte des 177-seitigen Koalitionsvertrages trocken, schreiben die einen bereits, wie man das neue Baukindergeld bekommt, die anderen vermissen den großen Aufbruch und die dritten verkünden bereits, wie sich der Vertrag auf die Wirtschaft auswirkt. 

Ich würde gerne einmal wissen, welcher Journalist diesen Vertrag schon gelesen oder gar analysiert hat, bevor er sich dazu äußert. Das gilt erst recht für die Lieferanten von Zitaten. Da fragt man als erstes Sarah Wagenknecht und kennt schon die Antwort. Jetzt darf sich auch die AfD-Frau Alice Weidel äußern, und auch hier kennt man schon die Antwort. Natürlich darf auch der Juso-Chef nicht fehlen.
Man hat fast das Gefühl, die kritischen Schnell-Berichterstatter hoffen geradezu darauf, dass die SPD-Mitglieder den Eintritt der SPD in eine große Koalition ablehnen:  Das wäre dann mal eine richtige Sensation, ein personelles Chaos, Neuwahlen und wer weiß, was danach kommt. Coole Sache! So erzeugt man Politikverdrossenheit.
Schon während der Sondierungsgespräche konnte man in den Talkshows - beispielsweise vom Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart - die Frage nach dem "großen Wurf", dem großen "Aufbruch" den Visionen usw. hören. Ja mei! 
Wir wissen, was Helmut Schmidt von Visionen gehalten hat: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen". Wir brauchen eine stabile Regierung, keine blauäugigen Visionäre.
Dass in einem Koalitionsvertrag jeder einzelne Satz Bedeutung und einen  Rattenschwanz von Folgen hat, dass die Beamten all diese Pläne erst einmal in Gesetze und Ausführungsbestimmungen übersetzen müssen, dass in vielen Fragen die Bundesländer mitbestimmen können, das wird als eher lästiges Beiwerk gesehen. Es geht ja darum, der Schnellste zu sein und nicht um die sorgfältige Analyse aller Vereinbarungen.
Nun, man muss die Journalisten natürlich auch verstehen. In Berlin arbeiten, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, über 10.000 Medienvertreter, deren Redaktionen Stoff brauchen, Quotes, Meinungen, Fakten und Bilder. Ein wahnsinniger Konkurrenzkampf, bei dem jeder darauf schaut, was der Kollege oder die Kollegin daraus macht.
Ich erinnere mich an meine Berliner Zeit als Parlamentsberichterstatter. Ich hatte dort einen Kollegen bei der Berliner Morgenpost, der jedesmal einen Jubelschrei ausstieß, wenn  der Tagesspiegel als Konkurrent die gleiche Geschichte als Aufmacher hatte. Dabei wäre es viel wichtiger, sich von anderen zu unterscheiden. Und das könnte man heute mit einem dicken Lob für die Mitglieder der Verhandlungskommissionen und ihre Anführer. Frau Merkel und die Herren Seehofer und Schulz haben gute Arbeit geleistet. Man muss nicht alle Ergebnisse mögen, aber es ist gut, dass sie sich Ihrer Verantwortung gestellt haben. Ich würde mir wünschen, dass dieser Vertrag von den Mitgliedern der SPD akzeptiert und nicht sabotiert wird.






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