Mittwoch, 28. Februar 2018

Dieselhysterie

Ich habe noch nie einen Diesel besessen. Ich bin deshalb auch kein Betroffener, und trotzdem nervt mich diese Diesel-Hysterie.
Ein technischer Experte bin ich schon gar nicht. Wer soll da noch durchblicken?Als Dieselautos noch schwarze Rauchwolken ausstießen, konnte ich mir gut vorstellen, dass das ungesund ist. Dann lernten wir, dass Dieselautos einen geringeren Verbrauch und damit einen niedrigeren CO2-Ausstoß hatten. Zudem war Diesel immer billiger als Benzin, weil auf Dieselöl weniger Steuern zu zahlen waren - es war der Staat, der Diesel immer gefördert hat. Dafür waren Dieselautos wesentlich teurer als Benziner.
In der Landwirtschaft ist Diesel bis heute noch billiger, weil die Bauern halb soviel Steuern auf Diesel zahlen müssen wie Otto Normaldieselverbraucher. Auch hier ist es der Staat, der den Treibstoff Diesel fördert.
Dann kam die Abgasaffäre. Weil die Autohersteller Grenzwerte nicht einhalten konnten, setzten sie eine Schummelsoftware ein. Die Amerikaner kamen den Deutschen auf die Schliche. Sie wollten sich ohnehin die lästige Konkurrenz vom Hals halten. Dafür sitzt ein jetzt ein VW-Manager in einem amerikanischen Gefängnis, der Rest läuft frei herum.
Und jetzt das: Ein hohes Gericht erlaubt den Städten ab sofort Dieselfahrverbote.
Es geht um die angeblich zu hohe Stickoxidbelastung in einigen Städten. Da gibts dann eine lange Städteliste, in der ein Grenzwert von 40 mg pro Kubikmeter zum Beispiel in meiner Stadt Mainz um 7 Mikrogramm überschritten wird. Meine Güte. In den neunziger Jahren war der offizielle Richtwert  noch 60 MG.
Dass jeder normale Arbeitsplatz ein vielfaches dessen an Stickoxidbelastung aushalten muss, was auf de Straßen normal ist, wird schon seit Jahren propagiert. Aber weil es keiner geglaubt hatte, mussten die armen Affen ran. Wer diesen Tierversuch in Auftrag gegeben hat, muss vorher mehrmals vom Affen gebissen worden sein. Wahnsinn. Der Shitstorm war vorhersehbar.
Nun also das Thema Dieselfahrverbote. Ist schon wieder jemand vom Affen gebissen worden, diesmal ein Richter? In Deutschland gab es 2017 etwas mehr als 15 Millionen Dieselautos. Die sollen nun aus den Städten verbannt werden? Heute las ich dass ein mit der Materie vertrauter Medizinprofessor die Studien zu den Gesundheitsgefahren der Stickoxidbelastung für unseriös hält. Könnte es sein, dass die seit 8 Jahren geltenden EU-Grenzwerte zu niedrig angesetzt sind?
Irgendwie sind mir Statistiken im Kopf, dass unsere Lebenserwartung permanent steigt. Die Luft wird ja nicht schlechter, sondern seit vielen Jahren besser. Wie roch es im Verkehr, als es noch keine Katalysatoren und kein bleifreies Benzin gab? Wie roch es, als noch stinkende Trabbis über die DDR Autobahn fuhren? Wie war das noch mit dem Waldsterben?
Den Diesel-Motor hat bekanntlich der Deutsche Rudolf Diesel erfunden. Er ist niedrig im Verbrauch, produziert weniger CO2 und ist unverwüstlich im Verkehr. Bei den Elektroautos werden Lithium und Kobalt gebraucht, Rohstoffe, die in Entwicklungsländern unter erbärmlichen Umständen abgebaut werden. Ansonsten kommt der Sprit aus der Steckdose. Sinn macht das nur bei abgasfreier Stromerzeugung. Ob da wohl der Strom reicht, wenn alle Kernkraftwerke abgeschaltet werden? Leider ist auch die Brennstoffzellentechnik noch nicht serienreif - Sprit aus Wasser scheint ja die allerbeste Lösung zu sein. Unsere sechs U-Boote sind alle mit der Brennstoffzellentechnik ausgestattet. Allerdings sind sie derzeit bis auf eines nicht einsatzbereit. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Irgendwie ist hier ein unvertretbarer Aktionismus ausgebrochen, den die umstrittene Organisation "Deutsche Umwelthilfe" mit gerademal 274 Mitgliedern (2017) ausgelöst hat. Die Autoindustrie ist immer noch einer der wichtigsten Arbeitgeber unseres Landes. Sie hat viel an Glaubwürdigkeit verloren, aber wollen wir deshalb die Arbeitsplätze aufs Spiel setzen? Vielleicht sollten Wissenschaft, Staat und Autoindustrie einen langfristigen Entwicklungsplan aufsetzen (wie früher einmal die Japaner), in dem nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht, sondern eine gemeinsame Strategie zur mobilen Zukunft aufgesetzt wird? Die Zeit dafür scheint gekommen.








Sonntag, 25. Februar 2018

Merkels Offensive

Es ist schon erstaunlich, wie wacker Angela Merkel alle Anfeindungen an sich abprallen lässt und jetzt gerade im richtigen Augenblick in die Offensive geht. Dass sie eine erfolgreiche Ministerpräsidentin überreden konnte, Generalsekretärin zu werden, ist ein echter Scoup, der in den Medien durchweg positiv aufgenommen wurde. So etwas gab es noch nie.
Mit Annegret Kramp-Karrenbauer, deren Namen Chinesen nicht aussprechen können, wie die Sonntags-FAZ am 25.2. herausgefunden hat, hat Merkel das ewige Nachfolgethema erst einmal vom Tisch. Und sie hat mit der Saarländerin ihrer CDU eine Zukunftsdiskussion eröffnet, die diese Partei mehr als nötig hat.
Nun hat sie auch ihre Kabinettsliste für den Fall einer Großen Koalition vorgestellt - wieder mit einigen Überraschungen: Drei Frauen, drei Männer, kein zusätzlicher Ossi. Den repräsentiert sie selbst. Sympathische, vor allem kommunikativ talentierte Politiker allesamt, die in Talkshows eine gute Figur machen: Julia Klöckner, Peter Altmeyer, Ursula von der Leyen und Jens Spahn. Der angeblich "schärfste Merkel-Kritiker" Jens Spahn wird von den Medien derzeit aufgebaut als konservativer Repräsentant, obwohl er das nicht wirklich ist. Mit dem Gesundheitsministerium hat Angela Merkel ihn ein schwergewichtiges Ministerium anvertraut. Sich dort zu profilieren ist allerdings nicht so leicht.
Die erste Medienreaktion: Merkel bringt neue Gesichter und "opfert" Hermann Gröhe und Thomas de Maziére. Nun ja, Gröhe ist nicht besonders aufgefallen und De Maziére ist eben auch ersetzbar. Merkel hat mit diesem "Opfer" den CSU-internen Machtkampf und die CSU beruhigt - und damit die Voraussetzung für das Gelingen der Großen Koalition geschaffen.
Diese personelle Neu-Aufstellung ist ein Signal auch an den künftigen Koalitionspartner SPD. Stimmt die Basis zu, muss auch die SPD-Führung Personalentscheidungen treffen, die ihr Profil langfristig stärken. Auch die SPD wird drei Männer und drei Frauen einbringen - wer, ist noch offen, aber die SPD muss mit Merkel gleichziehen.
Sigmar Gabriel würde gerne Außenminister bleiben, aber die SPD wird ihn nicht lassen. Wen dann? Fest steht, dass Olaf Scholz in eine Regierung eintreten würde. Damit wäre er auch lästige Nachwirkungen des G-20-Gipfels los. Er dürfte Finanzminister werden. Andrea Nahles sollte sich auf den Fraktionsvorsitz konzentrieren und kein Amt anstreben. Als Arbeitsministerin war sie die größte Feindin des Mittelstands. Und ihre unrühmliche Rolle bei der Schulz-Pleite ist nicht vergessen.
Die SPD könnte neben Olaf Scholz zwei Ministerpräsidentinnen einbringen: Malu Dreyer und Manuela Schwesig.
Schlau wäre, Malu Dreyer zur Außenministerin zu machen, sie ist Sympathieträger, hat großes diplomatisches Talent und die größte Ausstrahlung in der Parteispitze. Dieses Amt könnte allerdings auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil übernehmen.
Manuela Schwesig wird nicht von ihrem Amt als Ministerin zurückkehren, die sie schon einmal war. Barbara Hendricks und Thomas Oppermann werden zu den Verlierern der Kabinettsbildung gehören. Sie sind "von gestern". Die Zukunft wird kommunikativsten Talenten wie Heiko Maas und Katarina Barley. gehören. Sie können jedes Ministerium und geben der SPD ein eher junges Profil.
Am Ende dürfte Angela Merkel die Bildung einer neuen Regierung gelingen. Wird dann die Republik untergehen? Wohl kaum.


Dienstag, 20. Februar 2018

Wo bleibt Christian Lindner?

"Im Wendekreis des Eigenlobs" titelte vor einigen Tagen die FAZ über Christian Lindner. Zitat:
"Die FDP verschickt derzeit eine Menge Pressemitteilungen. Ihr Inhalt ist dabei immer derselbe. Christian Lindner ist phantastisch. Alle anderen sind alt oder blöd."
Wie peinlich ist das denn? Als FDP-Mitglied stehen mir die Haare zu Berge. Wo ist Lindner? Wo ist seine Stimme zur Weltpolitik. Wo war seine Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz? Ich habe ihn im Fernsehen nicht gesehen. Welche außenpolitischen Kommentare zu einer unsicheren Lage ließ der Fraktionsvorsitzende der FDP verlautbaren? Ich habe keine bemerkt. Türkei? Syrienkonflikt? Brexit? Frankreich? Macron? 

Stattdessen werden seine "lukrativen Reden" thematisiert, wie im Berliner Tagesspiegel: "Insgesamt hat Lindner seit dem Zusammentreten des Parlaments im Oktober bei neun Auftritten zwischen 52.500 Euro und 111.000 Euro eingenommen." Wohlgemerkt, von ihm pflichtgemäß offen gelegt.

Es passiert jetzt genau das, was nach dem Abbruch der Jamaika-Gespräche zu erwarten war: Die FDP begibt sich in eine bedeutungslose Oppositionspräsenz im Bundestag. Die Themen werden von anderen gesetzt. 
Christian Lindner hat die Partei sensationell zurück in den Bundestag geführt: 1,36 Millionen CDU-Wähler hatten die FDP gewählt, um ein Bündnis mit Kanzlerin Angela Merkel zu unterstützen. 450.000 kamen von SPD-Wählern und selbst von den Wählern der Grünen kamen 110.000 Stimmen. Was für ein großer Erfolg! Und was wurde daraus gemacht? Nichts. Jetzt sitzen 80 Liberale im Bundestag herum - ich kenne kaum einen - und drehen erst einmal Däumchen. Sie müssen dann alles an Gesetzen lesen, die eine neue - wahrscheinlich schwarz-rote Regierung einbringen wird, dürfen dann Reden halten und sich wieder setzen, ohne irgendetwas erreicht oder verhindert zu haben.
 
Die Enttäuschung der FDP-Wähler zeigt sich in der letzten INSA-Umfrage vom 19.Februar, bei der die AfD erstmals die SPD überholt hat: Die FDP (9%)  liegt nicht nur weit hinter Union (32%) und SPD (15,5%); sondern auch hinter der Linken (11%), den Grünen (13%) und der AfD (16%). 

"Lieber nicht regieren als falsch regieren?" Hörte sich gut an, war aber ganz falsch. Lindner hat übersehen, dass die FDP Wähler an sich gezogen hat, die ganz schnell wieder weg sind, wenn sich Enttäuschung breit macht. Standhaftigkeit hätte die FDP in einer Jamaika-Regierung zeigen können und müssen.
Sie hätte die Steuerpolitik zugunsten der Mittelschicht beeinflussen, die Digitalisierung in die Hand nehmen und das ordnungspolitische Erbe des Grafen Lambsdorff übernehmen können.
Bis heute begreife ich diesen strategischen Fehler der FDP nicht. Wie man es macht, hat Volker Wissing in Rheinland-Pfalz vorgemacht: Kurz und zügig verhandelt, das Wirtschaftsministerium übernommen und nach kurzer Zeit schon den Ruf eines vernünftigen, an der Sache orientierten Machers errungen. Sein Ministerium beschäftigt mit den untergeordneten Behörden weit über 5000 Menschen. Die Wirtschaft ist mit Wissing mehr als zufrieden. Die Umfrageergebnisse zeigen einen leichten Zuwachs -  trotz der negativen Beeinflussung durch die Bundes-FDP.
In Deutschland stehen so viele Herausforderungen an. Da hätte ich von Lindner erwartet:"Wir packen die Themen an" statt: "Wir spielen nicht mehr mit". Offenbar sind ihm die Nebeneinnahmen wichtiger als eine Regierungsbeteiligung. Ist ja derzeit auch nicht viel zu tun im Deutschen Bundestag. Ein Schelm der böses dabei denkt.
 



 

Die Welt wird immer besser, sagt endlich mal einer.

In Spiegel Online gibt es ein Interview mit dem renommierten Harvard-Psychologen Steven Pinker.
Zum Lesen muss man bezahlen, aber das lohnt sich - versprochen!
Pinker ist laut Spiegel einer, der nur den tatsächlichen Daten glaubt und das alles in einem Buch zusammengefasst hat: Ste­ven Pin­ker: „En­ligh­ten­ment Now – The Case for Re­a­son, Sci­ence, Hu­ma­nism and Pro­gress“. Die deut­sche Aus­ga­be er­scheint im Herbst.
Der Spiegel zitiert fünf Beispiele seiner Aussagen, und das Buch ist wohl voll davon. Im Interview erläutert Pinker auf spannende Weise, warum Menschen unter dem Einfluss der Medien das Gefühl haben, alles gehe bergab, während die tatsächliche Datenlage das krasse Gegenteil davon ist.

Hier die fünf Beispiele: 

‣ „Die Welt ist heu­te etwa hun­dert­mal so reich wie vor zwei Jahr­hun­der­ten, und der Reich­tum wird gleich­mä­ßi­ger auf Län­der und Men­schen ver­teilt.“

‣ „Der An­teil der Men­schen, die pro Jahr in Krie­gen um­kom­men, liegt heu­te bei etwa ei­nem Vier­tel ge­gen­über den Acht­zi­ger­jah­ren, ei­nem Sechs­tel ge­gen­über den frü­hen Sieb­zi­ger­jah­ren, ei­nem Sech­zehn­tel ge­gen­über den frü­hen Fünf­zi­ger­jah­ren.“

‣ „Vor 100 Jah­ren setz­ten ver­mö­gen­de Län­der etwa ein Pro­zent ih­res Reich­tums zur Un­ter­stüt­zung von Ar­men, Kin­dern und Al­ten ein, heu­te sind es rund 25 Pro­zent.“

‣ „An­fang der Neun­zi­ger­jah­re gab es nur 52 De­mo­kra­ti­en auf der Welt, heu­te gibt es 103 da­von.“

‣ „2016 war be­kannt­lich ein schreck­li­ches Jahr des Ter­ro­ris­mus in West­eu­ro­pa mit 238 To­ten. 30 Jah­re zu­vor aber war es noch viel schlim­mer, es gab 440 To­des­op­fer.“

Montag, 19. Februar 2018

Kühnert, der Totengräber der SPD

Heute gab es die erste Umfrage, in der die AfD die SPD überholt hat. Bis zum 4.März können die Mitglieder für oder gegen eine Große Koalition stimmen. Dieser Tag wird zum Schicksalstag für die SPD. Denn egal, wie der Mitgliederentscheid ausgeht: Die Probleme der SPD sind damit nicht beendet.  Mit ihrer Glaubwürdigkeit haben die Sozialdemokraten dank Martin Schulz auch ein Stück ihrer Seele verloren.

Der soziale Gerechtigkeits-Wahlkampf des Gescheiterten hat viele mobilisiert, aber auch unerfüllbare Erwartungen erzeugt. Er hat abgelenkt von den Themen, die die Mehrheit der Bürger wirklich interessieren, insbesondere die Begrenzung der Flüchtlingszahlen und die innere Sicherheit. Hier hat sich die SPD in ihrem gutgemeinten Bemühen um Humanität ähnlich wie Angela Merkel positioniert. Etwa 500.000 SPD-Wähler wechselten bekanntlich nach rechts zur AfD.
Wenn man dann die Fernsehberichte über den Diskussionen in Ortsvereinen verfolgt fällt eines auf: Hier sind nicht die Vertreter von Startups zuhause, sondern die "Mühselig und Beladenen", die sich mehr soziale Gerechtigkeit erhofft haben und denen Schulz versprochen hatte: "Ich will euch erquicken" (Matthäus 11.28). Dass er seine Gefolgsleute in der Opposition erquicken wollte - ähnlich wie FDP-Lindner - brachte ihn und die ganze SPD in eine fatale Sackgasse, über die er stolperte, als er auch noch sein zweites Versprechen brach, nicht in ein Merkel-Kabinett eintreten zu wollen.

Nun, da Schulz weg vom Fenster ist, stellt sich die Frage welches Problem die SPD jetzt noch zu lösen hat: Es sind zwei Herren, die in der SPD permanent zündeln. Der eine heißt Sigmar Gabriel. Mit seinen Interviews hat er es sich mit dem gesamten SPD-Vorstand verdorben. Zum Außenminister wird es mit Sicherheit nicht mehr reichen. Dieses Amt können auch andere Politiker. Das Problem ist quasi schon gelöst. Gabriel hat sich selbst ins Abseits gestellt. Nun gibt es aber einen zweiten Herren, der nicht minder aktiv ist, die Partei zu spalten und bislang von der Parteiführung viel zu nett behandelt worden ist: Kevin Kühnert.

Der erst im November gewählte, von den Medien gefeierte junge Politstar Kevin Kühnert ist in Wahrheit ein echter Populist: Die Parole "NoGroKo" banalisiert nicht nur das Bemühen um eine handlungsfähige Regierung und macht die Führungsspitze der SPD lächerlich. Sie berührt auch demokratische Grundprinzipien, abgesehen davon, dass auch der Mitgliederentscheid über eine Regierungsbildung höchst fragwürdig ist.  Kühnert wühlt die Basis mit wenigen Schlagworten auf. Das kommt an. Aber wohin er will, hat er bisher nicht wirklich offengelegt. "Die SPD muss sich erneuern", heißt es gebetsmühlenartig, und sogleich beschwichtigend hinzugefügt. "Es geht jetzt nicht um Personalien." Die SPD-Führung geht in ihrer ersten Allgemeinen Verunsicherung viel zu konziliant mit Kühnert um. Sie lobt die Diskussionsfähigkeit der Partei und lässt damit zugleich das Chaos zu.  Nahles und Scholz trauen sich nicht zu sagen, was man sagen müsste: "Kevin, Sie sind der Totengräber unserer auf Solidarität basierenden Partei".
Frühere Juso-Vorsitzende profilierten sich durch linke, antikapitalistische Parolen, Kühnert profiliert sich durch schleichendes Spaltungs-Gift, das er der Partei eingeflösst hat.
Man mag angesichts der Glaubwürdigkeitsdiskussion nach den gebrochenen Versprechen gute Motive voraussetzen. Im Ergebnis aber muss eine Partei daran interessiert sein, Streit zu vermeiden. Allen Studien zufolge ist Streit innerhalb einer Partei die wichtigste Ursache für die Abwanderung von Wählern. Wer den Streit schürt, schadet der Partei.
Aber sicherlich kann man für eine Sache kämpfen, auch für die eigene Karriere. Nur sollte man dann nicht so tun, als ginge es nicht auch um die eigene Karriere. Es schmeichelt, jeden Tag in den Medien präsent zu sein. Aber dann sollte Kühnert weiter gehen und öffentlich den Parteivorsitz anstreben. Das wäre besser, als an der Basis mit Schlagworten zu zündeln, ohne die Katze aus dem Sack zu lassen. Wenn ein Kurz in Wien Kanzler werden kann, sollte das auch einem Youngster wie Kühnert möglich sein. Das könnte dann der Beginn einer linken Bewegung sein, ganz im Sinne von Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine.


Dienstag, 13. Februar 2018

Quo Vadis Handelsblatt?



"Der präsenteste Herausgeber aller deutschen Medien heißt derzeit Gabor Steingart".

Das habe ich im Oktober 2016 geschrieben. Eineinhalb Jahre später ist er wieder in aller Munde - zumindest in journalistischen Kreisen: Völlig überraschend für die Branche und die eigenen Medien hat sich Verleger Dieter von Holtzbrinck von diesem Tausendsassa getrennt.  Warum der Verleger die Reißleine gezogen hat, obwohl er selbst zum Abschied voll des Lobes über Steingart war, und auch dieser seine weiter bestehende Freundschaft zu Holtzbrinck betont hat, ist bislang nicht bekannt."Das Multitalent Gabor Steingart", so Holtzbrinck,  "hat in wenigen Jahren zunächst das Handelsblatt, danach die gesamte Handelsblatt-Gruppe auf großartige Weise weiterentwickelt und erneuert, was höchsten Respekt und größten Dank verdient.“ Warum also dann die Trennung?
Keines der Fachmedien hat bisher herausgefunden, was mit den "wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen" gemeint ist, die der Verleger als einen der Hauptgründe genannt hatte. Angeblich wollte Steingart in drei Jahren ohnehin den Verlag verlassen. Vorzeitig aufgeflogen war die Trennung, weil sich Dieter von Holtzbrinck bei Martin Schulz für einen Beitrag Steingarts entschuldigt hatte - ein in der Medienbranche einmaliger Vorgang, der die Redaktionen der Gruppe schockiert hat. 

Steingart hatte in seinem "Morning-Briefing" geschrieben: "

"Innerhalb der SPD hat ein bizarrer Machtkampf begonnen. Der mittlerweile ungeliebte Parteichef Martin Schulz will den derzeit beliebtesten SPD-Politiker, Außenminister Sigmar Gabriel, zur Strecke bringen und an dessen Stelle im Ministerium Quartier beziehen. Das Duell wird nach den Regeln des Parteienkampfes ausgetragen, also im Verborgenen. Besondere Raffinesse wird dabei vor allem von Schulz verlangt, da er sich nicht beim Mord an jenem Mann erwischen lassen darf, dem er das höchste Parteiamt erst verdankt. Der Tathergang wird in diesen Tagen minutiös geplant. Der andere soll stolpern, ohne dass ein Stoß erkennbar ist. Er soll am Boden aufschlagen, scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Wenn kein Zucken der Gesichtszüge mehr erkennbar ist, will Schulz den Tod des Freundes aus Goslar erst feststellen und dann beklagen. Die Tränen der Schlussszene sind dabei die größte Herausforderung für jeden Schauspieler und so auch für Schulz, der nichts Geringeres plant als den perfekten Mord."
Aber laut Holtzbrinck war das starke Stück nicht der Hauptgrund für die Trennung.

"Kerstin Jaumann, Pressesprecherin der Verlagsgruppe wird auf der Website des Verlags mit dem Satz zitiert: "Transparenz und Offenheit sind wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kommunikation." Wie recht sie hat. 
Die Handelsblatt-Gruppe ist nun wirklich kein Vorbild für Transparenz. Die Finanzen der Gruppe sind ein gut gehütetes Geheimnis. Was die einzelnen Aktivitäten zum Verlagserfolg beisteuern, weiß außer dem engeren Kreis der Geschäftsführung niemand.
Man muss also spekulieren, um diesem Ereignis auf die Spur zu kommen.
Steingarts Leistung ist unbestritten. Ich weiß nicht, wo der Mann die Zeit hernahm, morgens ein Morning-Briefing zu verfassen, und dann neben seinen Auftritten im Handelsblatt - "Wirtschaftsclub", diversen Talkshows und zahlreichen Euroforum-Veranstaltungen auch noch ein Weltbeben-Buch zu schreiben. Und auf der Buchmesse sein Buch vorzustellen, was dem Handelsblatt dann nach einem Vorabdruck nochmal eine ganze Seite wert ist. Die Dynamik, die er in die früher sehr behäbige Verlagsgruppe eingebracht hat, ist beeindruckend. Er schreckte vor keiner Idee zurück.
Ein großes Handelsblatt-Team wurde in USA geschickt, wo er einst Spiegel-Korrespondent war, um über die Präsidentschaftswahlen zu berichten. Ein teures Unterfangen. Auch der Brexit war ihm diesen Aufwand wert. 
Mit dem Digitalpass hat Steingart ein offenbar gut funktionierendes Vertriebsinstrument eingeführt, das dem Wettbewerb zwischen Print und Online den Druck genommen hat. Mit dem Wirtschaftsclub bindet er die Leser stärker ein. Mit etwa 200 Veranstaltungen des Eventspezialisten Euroforum, an dem die Verlagsgruppe inzwischen eine Mehrheit übernommen hat - konnte er eine solide Erlösquelle an sich binden. Über den Preis der Beteiligung ist allerdings nichts bekannt.  "Journalismus Live" war sein Motto, und dieses Motto haben viele Redakteure trotz erheblicher Zusatzbelastungen begeistert angenommen.
Es tut jedem Verlag gut, einen durchsetzungsfähigen, nach vorne blickenden Journalisten an der Spitze der Geschäftsführung zu haben. Zu viele Verlage leiden unter Managern, denen Kosten wichtiger sind als verlegerische Visionen, die langfristig Gewinn bringen. Aber es gibt eben nur wenige Journalisten, die auch als Manager erfolgreich sind. 
Eigentlich hatte Holtzbrinck geplant, sich nach der Aufspaltung des Konzerns zurückzuziehen. 2009 verkaufte er seine Anteil an der Gruppe an seinen Halbbruder Stefan und seine Schwester Monika Schoeller, im Gegenzug dafür übernahm er ZEIT, Tagesspiegel und die Verlagsgruppe Handelsblatt, die er in einer neuen Mediengruppe "Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH" zusammenfasste und offenbar begann, die Eigentümerschaft schrittweise in eine Stiftung zu überführen.

Über eine eventuelle Nachfolgeregelung weiß man nichts. Der 77jährige Verleger hat mit seiner geschiedenen Frau drei Kinder, die mit Sicherheit ein Wörtchen mitreden wollen, wenn es um die Zukunft der DvH geht. 2006 hat er einmal geäußert, seine Kinder hätten kein Interesse an einer verlegerischen Tätigkeit. Dass Gabor Steingart an den Kindern vorbei in so eine Art Nachfolge schlüpfen würde, war eigentlich nicht zu erwarten. 

Christian Meier, ein in Medien Fragen recht gut informierter Journalist, schreibt in der Welt
"Steingart und sein Förderer Holtzbrinck hätten sich kulturell letztlich zu stark unterschieden, heißt es in Hintergrundgesprächen mit der WELT. Steingart habe bis zum Anschlag in den Ausbau der Mediengruppe investiert, habe sich aber seinerseits undankbar gegenüber seinem väterlichen Verleger gezeigt, so eine weitere Interpretation.
Erfolge habe er für sich verbucht und entsprechend inszeniert, die Verantwortung für geschäftliche Misserfolge dagegen von sich geschoben. Eine dritte Deutung der Trennung geht eher in die Richtung, dass dem Verleger das Veränderungstempo der digitalen Transformation der Verlagsgruppe zu hoch, mithin zu risikoreich war."

Aber was hat das mit gesellschaftsrechtlichen Fragen zu tun? 

Ich glaube, im Zentrum dieser Fragen stehen die Kosten seiner Geschäftsführung.
  • Ziemlich sicher hatte der angebliche "Ziehsohn" Holtzbrincks in der Umgebung des recht schüchternen Verlegers Neider, die ihm den Erfolg nicht gegönnt haben.  Solche netten Menschen gibt es in jedem Verlag, das weiß ich aus eigener Erfahrung.
  • Vielleicht wollte Steingart dem Verleger einen Börsengang zur Finanzierung seiner Expansionspläne schmackhaft machen? Mit so einem Vorschlag hat sich auch ein Thomas Middelhoff bei Bertelsmann-Chefin Liz Mohn die Zähne ausgebissen.
  • Vielleicht hat er aber auch ein ähnliches Modell vorgeschlagen, wie es Springer-Chef Matthias Döpfner Friede Springer schmackhaft machen wollte: Eine Rechtskonstruktion, die es leichter macht, Investoren zu gewinnen, ohne die Stimmenmehrheit abzugeben. Friede Springer hat Döpfner bekanntlich mit diesem Vorschlag auflaufen lassen.
Letztlich glaube ich, dass Steingart, um den es in den letzten Monaten auffällig ruhig geworden war , die ausufernden Kosten seiner vielen Initiativen um die Ohren geflogen sind. Für ihn muss es nur zwei Wege gegeben haben: Entweder drastisch Kosten einzusparen, oder den Weg für Investoren freizumachen. Ein Kostensparer war er im Gegensatz zu Holtzbrinck nie. 

Die Frage ist jetzt, wohin die Verlagsgruppe steuert. Quo Vadis Handelsblatt? Ich tippe darauf, dass sich Dieter von Holtzbrinck einen energischen Kostensparer ins Haus holt. Und das wird kein leichter Gang für die Redaktionen nach all der Aufbruchstimmung, die Steingart verbreitet hatte.











Der SPD bleibt nur noch die GroKo



Das Drama der SPD hat alle Züge einer griechischen Tragödie. In Wikipedia lese ich dazu:

"Das Ziel einer Tragödie war gemäß Aristoteles der Sinneswandel beim Zuschauer: so sollte eine „Reinigung“ (Katharsis) von bestimmten Gefühlen eintreten. Durch das Durchleben von Jammer/Rührung und Schrecken/Schauder (von griechisch éleos und phóbos, von Lessing etwas irreführend mit Mitleid und Furcht übersetzt) erfährt der Zuschauer der Tragödie eine Läuterung seiner Seele von diesen Erregungszuständen."

Wie passend! Ja, die SPD braucht jetzt eine Läuterung ihrer Seele von diesen Erregungszuständen!
Bei diesem Schauspiel ist so ziemlich alles schief gelaufen, was schieflaufen konnte. Oder es war eine große, geplante Intrige, wie der vor einigen Tagen entlassene Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart in seinem letzten "Morning-Briefing" glaubte. 
Das Problem der SPD heißt jetzt nicht mehr Martin Schulz - siehe hierzu meinen kürzlichen  Kommentar in "Bilanz".  
Vielmehr geht es jetzt darum, zu überleben. Neuwahlen würden die SPD möglicherweise zu Steigbügelhaltern der AfD machen - was für eine Vorstellung!
Die SPD kann sich jetzt keinen weiteren Fehler mehr leisten. Erst recht vor dem Hintergrund der angelaufenen Mitgliederbefragung, deren Ergebnis wohl Anfang März vorliegt.
Es macht jetzt keinen Sinn, erneut Personalrochaden vorzunehmen, um dem anschwellenden Juso-Zeitgeist gefällig zu sein. Es macht auch keinen Sinn, das Außenministerium mit jemand anderem zu besetzen als mit Sigmar Gabriel. Das einzige, was jetzt noch Sinn macht, ist die Große Koalition anzunehmen. Nur so kann sich die SPD von dem unerhörten Tief erholen, in dem sie sich jetzt befindet. Wenn das die Mitglieder nicht begreifen, dann gute Nacht SPD.
Es ist besser, in der Mitte der Legislaturperiode Neuwahlen anzusetzen, die dann vielleicht mit einem Abgang von Angela Merkel verbunden sind.

Mittwoch, 7. Februar 2018

Merkels Erfolg und die Hektik der Berliner Medien

Der Medienbetrieb in Berlin hat manchmal bizarre Züge. Kaum ist die Tinte des 177-seitigen Koalitionsvertrages trocken, schreiben die einen bereits, wie man das neue Baukindergeld bekommt, die anderen vermissen den großen Aufbruch und die dritten verkünden bereits, wie sich der Vertrag auf die Wirtschaft auswirkt. 

Ich würde gerne einmal wissen, welcher Journalist diesen Vertrag schon gelesen oder gar analysiert hat, bevor er sich dazu äußert. Das gilt erst recht für die Lieferanten von Zitaten. Da fragt man als erstes Sarah Wagenknecht und kennt schon die Antwort. Jetzt darf sich auch die AfD-Frau Alice Weidel äußern, und auch hier kennt man schon die Antwort. Natürlich darf auch der Juso-Chef nicht fehlen.
Man hat fast das Gefühl, die kritischen Schnell-Berichterstatter hoffen geradezu darauf, dass die SPD-Mitglieder den Eintritt der SPD in eine große Koalition ablehnen:  Das wäre dann mal eine richtige Sensation, ein personelles Chaos, Neuwahlen und wer weiß, was danach kommt. Coole Sache! So erzeugt man Politikverdrossenheit.
Schon während der Sondierungsgespräche konnte man in den Talkshows - beispielsweise vom Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart - die Frage nach dem "großen Wurf", dem großen "Aufbruch" den Visionen usw. hören. Ja mei! 
Wir wissen, was Helmut Schmidt von Visionen gehalten hat: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen". Wir brauchen eine stabile Regierung, keine blauäugigen Visionäre.
Dass in einem Koalitionsvertrag jeder einzelne Satz Bedeutung und einen  Rattenschwanz von Folgen hat, dass die Beamten all diese Pläne erst einmal in Gesetze und Ausführungsbestimmungen übersetzen müssen, dass in vielen Fragen die Bundesländer mitbestimmen können, das wird als eher lästiges Beiwerk gesehen. Es geht ja darum, der Schnellste zu sein und nicht um die sorgfältige Analyse aller Vereinbarungen.
Nun, man muss die Journalisten natürlich auch verstehen. In Berlin arbeiten, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, über 10.000 Medienvertreter, deren Redaktionen Stoff brauchen, Quotes, Meinungen, Fakten und Bilder. Ein wahnsinniger Konkurrenzkampf, bei dem jeder darauf schaut, was der Kollege oder die Kollegin daraus macht.
Ich erinnere mich an meine Berliner Zeit als Parlamentsberichterstatter. Ich hatte dort einen Kollegen bei der Berliner Morgenpost, der jedesmal einen Jubelschrei ausstieß, wenn  der Tagesspiegel als Konkurrent die gleiche Geschichte als Aufmacher hatte. Dabei wäre es viel wichtiger, sich von anderen zu unterscheiden. Und das könnte man heute mit einem dicken Lob für die Mitglieder der Verhandlungskommissionen und ihre Anführer. Frau Merkel und die Herren Seehofer und Schulz haben gute Arbeit geleistet. Man muss nicht alle Ergebnisse mögen, aber es ist gut, dass sie sich Ihrer Verantwortung gestellt haben. Ich würde mir wünschen, dass dieser Vertrag von den Mitgliedern der SPD akzeptiert und nicht sabotiert wird.






Montag, 5. Februar 2018

Wie entstehen Spekulationsblasen?

Bitcoinblase, Immobilienblase, Aktienblase, Anleihenblase - die Blasenberichterstattung nimmt wieder zu, gefolgt von Crashpropheten, die mit Angstmache absahnen wollen.  Und tatsächlich platzt immer mal wieder eine echte Blase. Was steckt für ein Mechanismus dahinter und wie kann man sich davor schützen?

Warum laufen so viele Anleger wie Lemminge den Bitcoins hinterher? Der Grund liegt zum einen in der Hoffnung auf schnelle Gewinne, zum anderen aber in einem Mechanismus, der von den Medien verstärkt wird: Da man keine eigenen Informationen hat oder die zugrunde liegenden Fakten nicht versteht (Stichwort "Blockchain"), verlässt man sich darauf, dass andere ihrem Tun und Handeln solide Informationen zugrunde gelegt haben - was selten stimmt. Wenn manche Medien die Blockchain-Technologie erklären, beginnt der Satz meist mit den Worten: Es ist eigentlich ganz einfach. Und dann folgen Erklärungen, die keine versteht.Aber der Leser glaubt, dass der Journalist es verstanden hat und vor allem die, die damit arbeiten.

Der Nobelpreisträger George J. Stigler hat das einmal an einem einleuchtenden Beispiel beschrieben, das er "Informationskaskade" nannte: Man denke sich zwei Restaurants A und B , die zur gleichen Zeit mit gleicher Speisekarte nebeneinander öffnen. Der erste Gast kommt, vergleicht die Speisekarten und stellt keinen Unterschied fest. Er hat aber Hunger und setzt sich in Restaurant A - Motto: Ist ja egal. Der zweite Besucher kommt, vergleicht wieder beide Speisekarten, stellt ebenfalls keinen Unterschied fest. Er sieht aber einen in A sitzen und denkt sich: Der hat eine Information, die ich nicht habe, wahrscheinlich ist der Koch in A besser. Also setzt er sich auch in A. Am Ende ist Restaurant A voll, Restaurant B leer. Und der Besitzer von B kann es nicht fassen.

Wenn es bei Spekulationsblasen um überhöhte Preise geht, greift ein ähnlicher Mechanismus. 
Denn bei der Frage, was eigentlich überhöht ist und was nicht, gibt es in der Regel keine mathematischen Beweise. Es zählt, was verkauft wird. Jeder schaut, was andere machen, die Medien berichten und die Lemminge folgen. Aber wenn alle an weitere Preis- oder Kurssteigerungen glauben, warum soll dann eine Blase platzen? Das erklärt ein anderes theoretisches Beispiel.
Nehmen wir an, die ganze Finanzwelt sitzt in einem Raum versammelt. Alle erwarten steigende Kurse bei Ölaktien. Marktprognosen unterstützen den Trend. "Die Ölpreise werden steigen". Doch sie steigen nicht, sondern fallen zur Überraschung aller. Weil sich alle in der gemeinsamen Hoffnung auf steigende Preise eingedeckt haben. Nun sitzen sie da und warten, dass die Kurse der Ölaktien steigen. Sie steigen aber nicht, denn alle sind ja bereits eingedeckt - es gibt keinen Käufer zu den aktuellen Kursen mehr. Dann sagt sich der erste: Wenn es keinen Käufer mehr gibt, verkaufe ich und nehme Preisabschläge in Kauf. Die anderen sehen das und glauben, er hätte Informationen über fallende Kurse. Immer mehr folgen ihm, die Preise der Wertpapiere sinken, mit immer größeren Abschlägen. Die Blase platzt. Im nächsten Schritt kommt es zu panischen Verkäufen.

Als ich noch Capital-Chefredakteur war, und die ersten Medien einen Crash am Neuen Markt voraussagten, zitierte der Spiegel meine Kolumne "Crash nein danke". Ich wollte einfach nicht glauben, dass die anschwellenden Zweifel über die Kurse am Neuen Markt zu einer self-fulfilling-prophecy wurden. Gerade war es nach dem Telekom-Börsengang gelungen, die Deutschen für Aktien zu begeistern. Sie kauften alles, was irgendwie mit dem Internet zu tun hatte, um es so schnell wie möglich wieder mit Gewinn zu verkaufen. Unsere Geldredakteure waren fest davon überzeugt, dass die Rallye weitergehen würde.  Kurz vor dem Crash erschien das meistverkaufte Heft von Capital "Die Perlen des Neuen Marktes": Wir verkauften 330.000 Hefte, allein 130.000 im Einzelverkauf. 

Unsere ganze damalige Redaktion ist wie andere Finanzmedien reingefallen auf all die Analysten, Berater und Marktteilnehmer, die an jedem Börsengang des Neuen Marktes prächtig verdienten und immer weiter steigende Kurse prognostizierten. "Cash Burn" war die Falle, in die alle reinliefen: Wer im Internet erfolgreich sein wolle, der müsse erst einmal Geld verbrennen, um eine kritische Massen an Kunden zu gewinnen. Mit diesem Argument wurde jeder Zweifler zum Nörgler abgestempelt.
Die Anleger dagegen schauten in die Röhre und verloren viel Geld, die Wirtschaftspresse erlebte ihren größten Kotau, verlor an Glaubwürdigkeit und geriet in eine Depression, von der sich viele nicht erholten. Dabei konnte man damals auch einiges richtig machen, wenn man sich nicht an den Lemmingen, sondern an langfristig vernünftigen Konzepten orientiert hätte, die es auch im Internet immer gegeben hat. 
Im Mai 1997 ging Amazon mit einer Erstnotiz von 18 Dollar an die Börse, heute ist die Aktie bei 1138 Dollar. Jahrelang hatte Jeff Bezos riesige Verluste angehäuft, um dann irgendwann gigantische Gewinne zu kassieren. Heute macht Amazon einen Großteil seiner Gewinne mit der Vermietung von Cloud.Kapazitäten. Aktionäre die durchgehalten haben, konnten sensationell verdienen. Im August 2004 ging Google zum Preis von 80 Dollar an die Börse. "Viel zu teuer" schrieben zahlreicher Kritiker damals. Heute steht der Preis von Google (heute Alphabet) bei über 880 Dollar. Ähnliches bei Facebook: Beim Börsengang lag der Kurs bei 38 Dollar, vier Monate später nur noch bei 17,5 Dollar, weil sich Analysten einig waren, dass Facebook keine Perspektive habe. Heute notiert der Kurs bei 152 € und Facebook scheffelt gigantische Gewinne.
Was kann man daraus lernen: Finger weg immer dort, wo schnelle Gewinne versprochen werden. Denn der schnelle Schnitt ist ein typisches Blasenphänomen. Wenn alle einer Meinung sind, besondere Vorsicht walten lassen - in der Zustimmung wie in der Ablehnung. Die in den Wirtschaftsmedien veröffentlichten DAX-und Dollar-Prognosen von Banken liegen fast immer daneben. 
Erfolg hat, wer sich immer einen Schuss Skepsis gegenüber der allgemeinen Meinung von Analysten bewahrt und sich an eine Regel hält: Streuen und langfristig anlegen. Das ist die beste Gegenstrategie gegen platzende Blasen. Die Umsetzung kann man bei größeren Beträgen einem guten Vermögensverwalter anvertrauen, der alle Kosten offenlegt.