Sonntag, 28. Januar 2018

Joe Kaeser: Trumps Huldiger in Davos

Das Bild geht mir nicht aus dem Kopf: Der Vorstandsvorsitzende von Siemens, Joe Kaeser, neben Trump in Davos. Auserwählt von amerikanischen Präsidenten durfte er wie die anderen europäischen Vorstandsvorsitzenden vortragen, wie gerne er in den USA investiert. Wie viele Menschen er in den USA beschäftigt und dass er dort demnächst Gasturbinen produzieren will, deren Produktion er gerade in ostdeutschen Werken abbaut. Die FAZ schreibt dazu: "Kaeser hatte ... den amerikanischen Präsident Donald Trump für dessen Steuerreform beglückwünscht und erklärt, angesichts der erfolgreichen Reform habe Siemens entschieden, eine neue Generation von Gasturbinen in den Vereinigten Staaten zu entwickeln. Die Gasturbinen gehören zur Kraftwerkssparte, in der Siemens weltweit wegen Nachfrageschwäche und Preisverfall rund 6900 Arbeitsplätze abbauen will, davon etwa die Hälfte in Deutschland."

Hätte Kaeser auch etwas anderes sagen können? Beispielsweise folgendes:

"Sehr geehrter Herr Präsident, ich danke Ihnen für die Einladung und die Gelegenheit, einmal offen meine Meinung über Sie auszusprechen. Dass wir in den USA investieren, hat nichts mit Ihrer Präsidentschaft zu tun. Im Gegenteil, wir investieren trotz Ihrer Präsidentschaft, die uns hier in Europa allen größte Sorge macht. Wir begrüßen Ihre Steuerreform, aber als internationales Unternehmen sehen wir Ihre diversen Äußerungen zum Thema Migration äußerst kritisch. Wir wissen nicht, ob Sie wirklich von "Drecksländern" gesprochen haben, aber die Summe Ihrer öffentlichen Äußerungen ist menschenverachtend und zum Teil rassistisch im Tonfall. Das ist beleidigend für unsere internationale Belegschaft. Während andere versuchen Mauern einzureißen, bauen Sie neue Mauern auf und spalten die amerikanische Gesellschaft.
Obwohl wir selbst für die Energiewirtschaft produzieren, halten wir es für skandalös, dass Sie den Umweltschutz in zahlreichen Gebieten zurückdrehen, dass Sie Naturschutzgebiete für Ölbohrungen freigeben. Ihr Kampf gegen die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung ist für uns nicht nachvollziehbar. Hier in Europa ist es eine Selbstverständlichkeit, dass jeder Mensch krankenversichert ist. Es wäre besser, Sie kämpften gegen den freien Verkauf von Waffen, der immer wieder zu schrecklichen Taten führt. Ihre kindische Auseinandersetzung mit dem nordkoreanischen Diktator Kim, Ihre Aufkündigung des Atomvertrages mit dem Iran, ihre protektionistischen Drohungen und ihre Missachtung der eigenen Justiz - all das muss die freie Welt mit Misstrauen und Sorge erfüllen. Ich appelliere an Sie: Denken Sie nicht nur an "America first", sondern an Ihre Verantwortung für Weltfrieden, freien Handel und die Menschenrechte. Definieren Sie "America first" neu: Wir wollen Vorbild für Demokratie, freiheitliches Denken und liberalen Handel sein."

Wahrscheinlich hätte Trump Herrn Kaeser nicht ausreden lassen, vielleicht hätte er ihn sogar rausgeschmissen. Aber das Statement hätte als Pressemitteilung rund um die Welt gehen können, als Youtube-Aufnahme in die Geschichte eingehen können. Und würde Siemens dadurch Geschäft verlieren? Natürlich nicht!

Wie peinlich war stattdessen das devote Verhalten von Top Managern in Davos. Und die Medien? Nicht besonders kritisch, muss man sagen. Man erlebte die Journalisten eher als Teil der Davos-Elite denn als kritische Betrachter dessen, was da vorging.

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