Sonntag, 29. Januar 2017

Trump und die Neurechten

Heute habe ich mir mal in der WELT Leserkommentare zum Thema Trump angesehen. Es ist unglaublich, wie viele deutsche Trump Fans sich hier anonym und tumb tummeln und dafür auch noch viele Likes bekommen. Es gibt tatsächlich Leute, die sich einen deutschen Trump wünschen. ich kann es kaum glauben, siehe hier (vorher anmelden).
Wie prophetisch war das verfilmte Buch "Er ist wieder da"! Als ich diesen Film gesehen habe, musste ich kurz vor Schluss abschalten. Ich konnte es nicht ertragen. Was witzig anfing, ein auferstandener Führer in Wehrmachtsuniform, steigerte sich zu realer Unzumutbarkeit: Der Führer, entdeckt von einem Fernsehreporter, tritt auf Veranstaltungen auf und redet wie damals. Die Zuschauer reagieren etwa so: "Er ist zwar ein Spinner, aber was er sagt, ist nicht falsch". Genauso reagieren viele Leute auf Trump. Sie kennen seine Lügen, aber was er sagt, finden sie "nicht falsch". So entsteht eine braune Soße, die langsam aus den Löchern fließt.
Interessant, dazu noch einmal Botho Strauss zu lesen. Der "anschwellende Bocksgesang", ein SPIEGEL-Essay von 1993, scheint mir einer der intellektuellen "Vorfühler" dessen, was man heute in "Tichy´s Einblick" liest: Der neurechte Kampf gegen die Kulturdominanz der Linken und Liberalen. Man sagt wieder, was man denkt, was die linksintellektuelle Mehrheit einen angeblich nicht sagen ließ. Es wäre schön, wenn daraus ein demokratischer Diskurs werden könnte, doch das wird nicht passieren. Denn die neurechten Strömungen halten Vernunft nicht aus. Wer sich öffentlich dagegen stellt, erntet eine Flut von Beschimpfungen. Fremdenfeindlichkeit, Aggressivität in der Sprache und Intoleranz sind Markenzeichen der Neurechten. Das macht die Sache so gefährlich.

Wer´s noch nicht gemerkt hat: Donald Trump ist ein notorischer Lügner, dem man nicht trauen kann. Mit ihm endet das Zeitalter der Aufklärung. Vernunft wird abgeschaltet. Schlimm, dass er mit Dekreten soviel Unheil anrichten kann. Hoffentlich bieten ihm weitere Gerichte Einhalt. Der Mann ist ein Psychopath. Er cancelt mit wenigen Federstrichen den Klimaschutz,  Er droht befreundeten Ländern mit Importzöllen, Er greift Honeckers Maueridee auf, er schafft Obamas Krankenversicherung wieder ab. Das Einreiseverbot ist die dümmste Maßnahme gegen den Terrorismus, die man sich ausdenken kann. Längst überprüfte friedliche Muslime und eine ganze Religion werden unter Generalverdacht gestellt. Tausende Mitarbeiter amerikanischer Unternehmen wie Google werden vor den Kopf gestoßen. Das wird Folgen haben. Die Demonstrationen werden zunehmen, hoffentlich. Und zwar weltweit. Es ist gut, dass sich Angela Merkel heute klar gegen den Einreisestopp geäußert hat.

Freitag, 20. Januar 2017

Die Zukunft der Wirtschaftspresse

Ich mache mir Sorgen um die Wirtschaftspresse. Die Auflagen sinken insgesamt weiter, das Anzeigengeschäft reicht weder zum Leben noch zum Sterben.
Warum ist gerade die Wirtschaftspresse dermaßen eingebrochen?
Am meisten interessieren mich natürlich die Magazine, bei denen ich gearbeitet habe.
Capital verkaufte zu seinen besten Zeiten 330.000 Hefte, davon 130.000 im Einzelverkauf. Heute verkauft das Magazin im Einzelverkauf weniger als 5.000 Hefte, die Abos sollen nur noch bei 40.000 liegen. Auch die Wirtschaftswoche hat nach meinen Informationen nur noch 60.000 Abos, früher waren es mal über 110.000.
In ihrer Not melden alle Magazine Mond-Auflagen, die weit entfernt sind von den echten Verkäufen, also ohne Lesezirkel, Fliegerhefte und sonstige Sonderverkäufe.
Die gemeldeten Brutto-Umsätze der Anzeigenabteilungen verschleiern die hohen Rabatte, die gegeben werden müssen. Am Ende erzielt kaum ein Verlag ausreichende Renditen in seinem Kerngeschäft. So versucht man dann die Marken auf andere Weise zu monetarisieren. Das Handelsblatt verdient inzwischen mit Veranstaltungen mehr als mit Anzeigen. Rund 20 Millionen Euro soll der Umsatz mit Events inzwischen betragen. Andere verleihen Preise und suchen ihr Heil im Verkauf von Best-Logos. Nebengeschäfte dominieren das eigentlich Produkt: journalistische Inhalte.
Digitalisierung als Ausweg? Die digitalen Ausgaben arbeiten mit unterschiedlichem Erfolg. Sie können kaum die Printeinbrüche kompensieren. Selbst das reichweitenstärkste Portal, handelsblatt.com (6 Mio. Visits im Dezember 2016) erreicht nicht die Zahlen von Onvista (11.2 Mio.) oder Finanzen.net (28 Mio. ), wenn man laut Statista den wirtschaftsrelevanten Teil ("Anzahl der Visits ausgewählter Webseiten der Themenkategorien Wirtschaft, Finanzen, Job, Karriere") nimmt (die Gesamtzahl der Visits von Handelsblatt.com lag bei 17 Millionen).
Die Zahlen der einstigen Institutionen Capital und Wirtschaftswoche kann man erst recht vernachlässigen.
Die Stroer-Gruppe ist inzwischen mit über 29% Markanteil größter mobiler Werbevermarkter in Deutschland. Ihre Plattformen, darunter T-Online, bieten Reichweite in einem Sammelsurium von Portalen ohne echten Journalismus. Die ehemaligen Plakatkleber dominieren damit ein Werbesystem, das zwar Content braucht, aber keine "guten Geschichten".

Tatsächlich ist es die Relevanz, an der sich die Wirtschaftspresse die Zähne ausbeißt. Ein Magazin namens "Landlust"  muss sich nicht die Frage zu stellen, ob man es braucht. Ein Wirtschaftsmedium muss man brauchen.
Nur: News im Wirtschaftsbereich bekommt man meist umsonst. Nutzwert wird von Portalen wie "Check24" abgedeckt. Börsentipps gibt es in unendlichen Mengen im Internet.

Ist also Qualitätsjournalismus in der Wirtschaft nicht mehr gefragt?
Nach meinen Erfahrungen lesen Manager und Unternehmer nach wie vor jeden Tag, was in der Welt passiert. Doch die neue Generation liest anders, sie scrollt sich morgens auf dem Smartphone durch die Nachrichten, liest am Vorabend die Epaper-Ausgaben und auf dem Flughafen die kostenlosen Zeitungen aller Couleur. Die Kostenlos-Kultur ist gerade in der Wirtschaft weit verbreitet, sie wird verstärkt durch nachrückende junge Generationen. Die Wirtschaft liebt die Kostenlos-Kultur. Selbst reiche Unternehmer freuen sich, wenn sie eine Flasche Bordeaux zum Schnäppchenpreis ergattern. Top-Manager lassen sich den Parkschein abstempeln, wenn sie ein paar Euro sparen können. Und wenn sie bei BILD die kostenpflichtige Bild-Plus Version abonnieren sollen, um das Trump-Interview lesen zu können, schalten sie eben um auf die kostenlose Times-Version.
Ein Dilemma für alle Verlage.
Doch Informationen sind für jedes Unternehmen nach wie vor lebenswichtig. Manager, die sich nicht informieren, sind ungebildet und machen Fehler.
Schon vor zwanzig Jahren, als Capital und Manager Magazin in Spitzenzeiten 500 Seiten Umfang hatten, hieß es: Wer soll das alles lesen? Trotzdem meldeten die Magazine hohe Auflagen und irrsinnige Werbeumsätze. "Wer soll das alles lesen" gilt heute mehr denn je. Das Internet überschwemmt die Menschheit mit Informationen und Desinformationen, die totale Fragmentierung der Informationswelt ist Realität geworden. Sie ist der Feind klassischer Medien.

Reichweite ist für die Werbung heute wichtiger als Qualität. Junge Marketing-Manager reden nur noch von Content, nicht mehr von Inhalten. Content-Fabriken verderben die Preise des klassischen Journalismus. Inhalte werden fürs Google-Ranking präpariert, nicht für die Leser.
Die Medienbranche ist dem härtesten Wettbewerb ausgesetzt, den man sich überhaupt nur vorstellen kann. Einen Ausweg gibt es nicht. Selbst die starken Marken leiden unter langsamer Auszehrung.

Was also tun?
Nachrichten sind inzwischen ein homogenes Gut. Sie sind überall kostenlos erhältlich, warum soll irgendjemand dafür bezahlen? Zahlende Leser gewinnt man nicht durch Nachrichtenjournalismus, sondern durch den Blickwinkel der eigenen Marke.
Zu den nach wie vor erfolgreichen Medien gehört die ZEIT. Sie hatte früher mit Gräfin Dönhoff, später mit Helmut Schmidt renommierte Herausgeber und mit Giovanni di Lorenzo den besten Chefredakteur in Deutschland. Die ZEIT ist ein Autorenmedium, ohne Hektik, ohne Schaum vor dem Mund, gründlich und umfassend. Meinungsstark, aber nicht bevormundend. Von ihr kann man viel lernen.

Mein Rat an Wirtschaftsmedien, die auch in Zukunft erfolgreich sein wollen:

  1. Autorität und Relevanz schaffen: Voraussetzung dafür sind namhafte Herausgeber, brillante Kolumnisten, überzeugende Analysen. 
  2. Meinung und Kommentierung durch erfahrene Journalisten stärken. Kindergesichter sind dafür (noch) nicht geeignet.
  3. Leuchtturmgeschichten in jeder Ausgabe schaffen. Journalisten auch mal mehrere Wochen Zeit für Recherchen geben. 
Wenn diese drei Bedingungen erfüllt sind, können und müssen alle Register der Digitalisierung gezogen werden. Nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich. Facebook kann zum Instrument der Kundenbindung werden, denn es führt gleiche Interessen zusammen. Facebook könnte die gemeinsamen Interessen aller FAZ-Leser herausfinden. Das kann man als Filterblase kritisieren, für Verlage kann es aber ein höchst nützliches Instrument werden, zumal die Entwicklung ja nicht stehen bleibt. Leser zu binden, ist schließlich die wichtigste Herausforderung jedes Mediums.

Das alles kostet allerdings Geld. Wer als Verleger erfolgreich sein will, muss investieren, und zwar in journalistische Qualität, nicht in Content.


Montag, 16. Januar 2017

Trump in BILD und Times - was ist die Botschaft an uns?

Mit dem Trump-Interview ist Kai Diekmann kurz vor seinem Ausscheiden bei Springer ein echter Scoop gelungen, das muss man ihm lassen. Gleiches gilt auch für Michael Gove von der ehrwürdigen britischen Times. Dort liest man übrigens - anders als bei BILD - das Original-Interview kostenlos, wenn man sich registriert.
Nun feiert sich BILD erwartungsgemäß über die Maßen: "BILD-Interview bewegt die Welt."
CNN durfte Trump nicht fragen, BILD und Times durften. Eine selektive Auswahl, die sicherlich andere Medien vor Neid erblassen lässt.
Aber was sagen uns die Inhalte?

Nun, ich habe mir die ausführliche englische Komplettfassung in der Times durchgelesen.
Interessant zunächst das dazu veröffentlichte Bild mit einem überladenen Schreibtisch, wie man ihn eher bei Redakteuren vermutet. Trump mag Ordnung, sagt er. Aber sein Schreibtisch sieht nicht danach aus.
Vielleicht war das Absicht. Es soll vielleicht den Berg von Arbeit vermitteln, der auf den künftigen Präsidenten Amerikas wartet. Vielleicht sieht seine Politik so aus. Das wäre die üblere Variante.

Dann das Interview. Immer die gleiche Masche: Alles was Trump kritisiert, ist eigentlich "great". Merkel ist great, sie hat nur den einen "katastrophalen Fehler" gemacht, illegale Flüchtlinge ungeprüft ins Land zu lassen. die Nato ist great, nur sollte sie von allen 22 Mitgliedsländern und nicht von fünf finanziert werden. Germany is great, aber sein Handel mit Amerika ist unfair. Mexiko ist great, aber wenn BMW dort Autos für den Export nach USA baut, soll es 35 Prozent Einfuhrzoll bezahlen. Alle sind great, nur Amerika noch nicht, das soll ja erst kommen.
Das hat irgendwie System. Die besten Deals macht man, wenn der Dealpartner - ob Freund ob Feind - verunsichert ist. Trump sieht sich als Kartenspieler, der seine Karten nicht aufdeckt, auch um zu bluffen.
Nato obsolet, Importzölle für deutsche Autos, Iran-Abkommen als "worst deal ever", "katastrophale Flüchtlingspolitik" - alles Schlagworte, die es in die Headlines der Medien schafften. Und dann ist Merkel a "great, great leader". Die Nato keineswegs obsolet, nur falsch finanziert. Der Brexit ist great und er ist stolz darauf, ihn vorausgesagt zu haben, aber den Namen der neuen Premierministerin hat er nicht parat. Den von Juncker schon gar nicht.

Mit diesem Interview hat Trump sich nicht offenbart, sondern nach seinem Wahlkampf eine erste Einschüchterungsrunde aufgemacht. Das allgemeine Erschrecken ist groß. So wird dann alles, was nicht durchgesetzt werden kann, Erleichterung auslösen. Gut für die Börse.

Je konkreter seine Ankündigungen sind, desto mehr Widerstand wird sich regen. In den USA, aber auch weltweit, vor allem in China und in Europa. Trump wird den Gegenwind bald zu spüren bekommen. Auch aus den eigenen Reihen.

Was bleibt als beste Botschaft dieses Interviews? Eindeutig die Bekämpfung des IS. Die bisherige Nahost-Politik der USA war ein einziges Desaster, da hat Trump völlig Recht. Hier wird es ohne Kooperation mit Russland und den Europäern nicht gehen.
Wie er es besser machen will, wird man sehen. Die Zeit der Ankündigung von Aktionen ist für ihn beendet. Ein Kartenspieler legt eben seine Karten nicht offen.