Dienstag, 26. September 2017

Einheitsfeier in Mainz: Was gibt es eigentlich zu feiern?

Am kommenden Wochenende feiert Deutschland die Wiedervereinigung, den "Tag der Deutschen Einheit" in Mainz, weil Rheinland-Pfalz den Vorsitz im Bundesrat hat. Wer in der Nähe wohnt, darf nicht mehr dort parken. Wer dort einen Laden besitzt, wird seit Tagen nicht mehr beliefert - Zufahrt gesperrt. Die Anwohner freuen sich nicht wirklich auf diese Feier, die den ganzen Innenstadtbereich wochenlang lahmlegt. Und vielleicht geht es dem ganzen Land so nach diesen Wahlen.

Selten war eine Feier vom Timing her so unpassend. Selten waren wir so wenig wieder vereinigt wie jetzt. Die Bundestagswahlen haben gezeigt, dass es in Ostdeutschland Tendenzen zur Entwiedervereinigung gibt. Dass die AfD in Ostdeutschland solche Zustimmungswerte und in Sachsen sogar die meisten Zweitstimmen erhält, ist eine Zumutung für alle Demokraten.

Die immer wieder gezeigten Fernsehbilder von ostdeutschen Dörfern vermitteln den Eindruck, als ob dort auf dem Land nur Hinterwäldler leben. Dabei haben auch dort die allermeisten Menschen Arbeit, und in den Städten ist einiges los. Leipzig hat im letzten Städteranking den zweiten Platz erreicht. In Sachsen ist die Arbeitslosenquote fortlaufend gesunken, im August waren es nur noch 7,8 Prozent. Selbst in Mecklenburg-Vorpommern, das den schlechtesten Wert hat, sind es nur noch 11,3 Prozent - soviel wie in ganz Italien. In Frankreich sind es 9,6 Prozent. Ostdeutschland liegt also in seinen strukturschwächsten Gebieten immer noch im  Durchschnitt unserer Nachbarländer.

Wieso wählen dann so viele die AfD? Der Spiegel berichtet in seiner aktuellen Online-Ausgabe über einen Ort namens Wilsdruff. 13.900 Einwohner, 10 Asylbewerber . Und 36 Prozent wählen die AfD. Nicht zu fassen. Sachsen hat die niedrigste Ausländerquote und die größte AfD-Wählerschaft.

Es gibt offensichtlich immer noch eine DDR-Nostalgie, die vergisst, wieviele Menschen der DDR-Diktatur zum Opfer gefallen sind. Diese Vergangenheit mit 700.000 Stasi-Spitzeln wurde ja nie aufgearbeitet, geschweige denn bewältigt. 
Bei einer Umfrage im Auftrag des MDR fragte Infas 2014 nach den "besonderen Stärken" der DDR. Die DDR punktete mit "Schutz vor Kriminalität"(66%), Gleichberechtigung von Mann und Frau (69%) und mit "Sozialer Absicherung" (75%). Lebensstandard. 

Viel Geld ist von West nach Ost geflossen. Das Dresdner Ifo-Institut hat den Netto-Transfer allein zwischen 1991 und 2013 auf 1.800 Milliarden Euro geschätzt. Dankbarkeit muss man dafür nicht erwarten. Aber wenigsten Vernunft statt Anti-Merkel-Geschrei.

Freitag, 22. September 2017

Warum ich FDP wähle

Der Wahlkampf geht in die Zielgerade. Wir haben zahlreiche Auftritte der Spitzenkandidaten gesehen, ein sogenanntes "Duell", Bürger-Arenen, Talkshows und Interviews.
Welches Resumee kann man ziehen?
Am schlimmsten war das Aufeinandertreffen von Angela Merkel und Martin Schulz. Allein 40 Minuten haben die Fragesteller - alles Top-Journalisten der Fernsehsender - Fragen zum Thema Flüchtlinge gestellt. Für die Zukunft gab es dann kaum noch Zeit.
Die einzige Partei, die sich offensiv und ausführlich mit der Zukunft befasst, ist aus meiner Sicht die FDP, und deshalb werde ich sie am Sonntag wählen. Wir brauchen endlich wieder eine liberale Stimme in der Regierung.

Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Mainz vorgestern Abend mit Christian Lindner  hielt der rheinland-pfälzische Landesvorsitzende Volker Wissing (hier eine ähnliche Rede vor dem Landtag) für mich die beste Rede, die ich im Wahlkampf gehört habe. Er schilderte, wie gut es unserem Land geht, wie wir darauf aufbauen können. Die FDP setzt auf digitale Bildung auf unsere global orientierte Industrie, auf Gründer und Startups, moderne Arbeitszeitmodelle, Mobilität statt Festlegung auf Motoren.
Am meisten beeindruckt hat mich jedoch sein Bekenntnis zu Europa als Friedensprojekt. Wissing erinnerte daran, dass Europa aus der Versöhnung Frankreichs mit Deutschland hervorgegangen ist, erst als Montanunion, dann als EWG und heute als EU. Europa mit all seinen Fehlern und Schwierigkeiten ist ein großartiges Projekt von Völkern, die nach zwei fürchterlichen Weltkriegen nie wieder Krieg wollen. Über 70 Jahre Frieden, das gab es in der europäischen Geschichte noch nie. Das darf nicht durch Nationalismus, Abgrenzung und Ressentiments aufs Spiel gesetzt werden.
Übrigens: Das Wort Flüchtlinge kam bei Wissing kein einziges mal vor. Geradezu wohltuend!

Viele Medien, die SPD und die Linke, reden in Deutschland immer nur von zwei Minderheiten: Von den Reichen und den Armen. Niemand redet über die Mitte, ohne die weder reich noch arm hier leben könnten. Selbst das ZDF bringt wenige Tage vor der Wahl eine "Dokumentation" zur besten Sendezeit, die nichts als Klischees wiederholt, den Neid anstachelt und kein Wort über die Mitte verliert. "Der große Vermögenscheck", seit einem halben Jahr gedreht und 5 Tage vor der Wahl gesendet. Die eigentliche soziale Ungerechtigkeit ist, dass Durchschnitts- und Besserverdiener , mittelständische Unternehmer und Freiberufler die Melkkühe sind, die permanent mit Steuern und Sozialabgaben belastet werden, um 1000 Milliarden an jährlichen Sozialtransfers zu finanzieren, wie ich hier schon dargelegt habe.
Die SPD hat den großen Fehler gemacht, mit "sozialer Gerechtigkeit" ein Programm für eine Minderheit zu propagieren. Falsche Zielgruppe, kann man da nur sagen. Den meisten Deutschen geht es gut, warum sollen sie zur einer Jammerpartei wechseln? Martin Schulz wird deshalb nach den Wahlen in der Versenkung verschwinden. Mit 100 Prozent der SPD-Delegiertenstimmen gewählt, als Teppichvorleger mit 21 Prozent gelandet, was für ein Desaster.
Die einzige Chance für die Grünen, ihr abblätterndes Profil zu erhalten, besteht in einer Jamaika-Koalition, also schwarz, gelb, grün. Das wäre für mich eine vernünftige Koalition aus Stabilität (CDU), digitaler Zukunftsorientierung (FDP) und Nachhaltigkeit (Grüne). Die SPD als Oppositionsführer wäre mir dreimal lieber als die AfD.  Die AfD war in den Umfragen bis zum "Duell" der Kanzlerkandidaten schon weit zurück gefallen.
Mit den Themen "soziale Gerechtigkeit" und "Flüchtlinge" haben insbesondere die Fernsehleute AfD-Anhänger mobilisiert. Die beiden Themen sind eben dramatischer zu bebildern als Zukunftsthemen wie die Digitalisierung. So wird die AfD wohl zweistellig in den Bundestag einziehen, wie peinlich für unser Land.
Deutschland als global orientiertes, weltoffenes Exportland darf sich dann in Zukunft bei jeder rassistischen Rede eines AfD-Bundestagsabgeordneten schämen. Aber vielleicht braucht es diese Öffentlichkeit, um den Wählern vor Augen zu führen, welche Pandora-Büchse sie da geöffnet haben, um irgendwann zu erkennen: Nie wieder AfD.

Dienstag, 19. September 2017

Chaos am Himmel - hat das Methode?

In der Rheinischen Post lese ich heute, dass Flugexperten eine ganz andere Theorie für die zahlreichen Annullierungen der letzten Wochen haben.
"Das Unternehmen bereite sich nach seiner Einschätzung auf den möglichen Fall vor, dass die insolvente Air Berlin ihren Flugbetrieb aus Geldmangel vorzeitig einstellen muss, sagte Gerald Wissel von der Beratungsgesellschaft Airborne am Montag der Deutschen Presse-Agentur."
Sollte Air Berlin den Flugbetrieb einstellen, müssten die begehrten Start- und Landerechte vom zuständigen Koordinator der Bundesrepublik sofort neu vergeben werden, so Wissel. Die begehrten Slots bekommt jedoch nur, wer entsprechende Flugkapazitäten vorweisen kann,
Ich lese mit Staunen: "Dafür wolle Ryanair einige Maschinen in der Hinterhand haben, sagte Wissel." Könnte es sein, dass deswegen 2000 Flüge gestrichen wurden?

Das wäre dann allerdings ein Riesenskandal, und es wundert mich, dass die Wirtschaftspresse, soweit ich sehe, darauf noch nicht massiv eingestiegen ist. Wenn das so sein sollte, und die Logik spricht dafür, dann haben sich einige Fluggesellschaften auf Kosten der Passagiere übelst verhalten. Die EU will die Ursachen für die Annullierungen wohl näher prüfen. Mal sehen, was dabei herauskommt.

Ich höre seit Wochen von zahlreichen Privatfliegern und Geschäftsleuten, deren Flüge einfach annulliert wurden. Ein Freund wollte mit der Lufthansa von Düsseldorf über München nach Athen fliegen. Morgens um fünf stand er mit 300 Menschen in einer Schlange vor dem Check In, als er per SMS die Nachricht erhielt, dass der Flug nach München annulliert worden war. Seine Frau hatte einen Flug am Samstag nach Lyon mit Eurowings gebucht - annulliert! Sie konnte erst am Sonntag fliegen. Jeder kennt inzwischen solche Beispiele, und im Netz haben sich diverse Firmen darauf spezialisiert, Entschädigungen einzutreiben.

Ich meine, hier sind radikalere Konsequenzen gefragt: Es sollte verboten werden, Flüge aus Kostengründen zu annullieren außer bei technischen Problemen, besonderen Wetterlagen oder unvorhersehbaren Ereignissen. Die Busse in jeder Stadt fahren auch dann, wenn sie leer sind, richtig?

Sonntag, 17. September 2017

Middelhoff zum Zweiten: Das Buch von Massimo Bognanni

Knapp zwei Wochen nach Middelhoffs Autobiografie ist die Biographie des Handelsblatt-Redakteurs Massimo Bognanni erschienen. Er gehört zum Investigativ-Team der Wirtschaftszeitung, das ihn bei den Recherchen unterstützt hat.
Ich habe dieses Buch direkt nach der Lektüre von Middelhoffs "A115-der Sturz" gelesen. Sozusagen im "Zweierpack". Dazu hat man ja selten Gelegenheit.
Bognanni listet Middelhoffs berufliche Karriere mit all ihren Sprüngen und Rissen minutiös auf, immer aus der Sicht eines außenstehenden Beobachters, der mit dem Delinquenten nicht gesprochen hat. Ihm war angeboten worden, das Buch gemeinsam mir Middelhoff zu verfassen, aber Bognanni hat sich darauf zu Recht nicht eingelassen. Dazu ist seine Sichtweise viel zu weit von Middelhoffs Selbstdarstellung entfernt. Middelhoff konnte er daraufhin nicht mehr sprechen.

Der zu drei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilte einstige Topmanager hat sich in seinem Buch nur am Rande mit den Ereignissen auseinander gesetzt, die zu seiner Verurteilung führten. Er sieht bis heute keine Verfehlungen, seine Kritik gilt den schlimmen Zuständen einer Untersuchungshaft, seine Selbstkritik gilt immerhin dem Narzismus, den er rückblickend für sich konstatiert - heute als "anderer Mensch". Das habe ich in meinem letzten Blog ausführlich kommentiert: Man muss wirklich einmal diskutieren, wie eine Untersuchungshaft die Menschenwürde beachtet, egal wer einsitzt. Schließlich ist der Häftling noch nicht verurteilt. Middelhoff wurde gleichwohl wie ein gefährlicher, überdies flucht- und suizidgefährdeter Schwerverbrecher behandelt.

In einem ist sich Middelhoff mit Bognanni einig: Der Handelsblatt-Reporter zeigt an vielen Beispielen auf, wie dieser in allen Phasen seiner letzten Managerjahre unter dem Druck litt, bedeutungslos zu werden, und immer wieder die Nähe zu Journalisten suchte, sie zu sich nach Hause einlud, immer im Glauben, die Medien überzeugen zu können, um am Ende doch ihr Opfer zu sein. Insbesondere die Recherchen und Veröffentlichungen des Spiegel haben ihn im Verlauf geradezu waidwund geschossen und sicher auch ihren Einfluss auf seine Richter gehabt.  Der Vorsitzende Martin Schmitt behauptete, er hätte noch nie jemanden erlebt, der vor Gericht so viel gelogen hätte. Allerdings ist von den zahlreichen Vorwürfen am Ende recht wenig übrig geblieben. Umso heftiger war die Kritik an dem extrem harten Urteil. Doch der Bundesgerichtshof hatte in der Revision nichts daran auszusetzen.
Während Middelhoff sehr emotional die Demütigungen und den krankmachenden Schlafentzug im Untersuchungsgefängnis zum Gegenstand des Buches macht - im Grunde ist die Bezeichnung "Autobiographie" falsch - nimmt Bognanni die nüchterne Perspektive des unabhängigen Wirtschaftsjournalisten ein.
Er beschreibt akribisch die permanenten - und oft nicht eingehaltenen - Versprechungen und Ankündigungen Middelhoffs im Verlauf der Karstadtkrise gegenüber Journalisten. Das zu lesen, macht schon nachdenklich. Karstadt war offensichtlich ein Loch ohne Boden und Middelhoff versuchte während der Krise das Unternehmen als Holding namens "Arcandor" neu auszurichten und riesige Finanzlöcher zu stopfen. Die Quelle-Erbin Schickedanz, die ihr Vermögen von der damaligen Privatbank Sal. Oppenheim verwalten ließ, hatte er wohl zum Aktieneinstieg überredet. Als es bergab ging, verlangte sie von ihm, das Ruder in die Hand zu nehmen. Doch die Banken zweifelten immer mehr. Es war dann am Ende das Bankhaus Sal. Oppenheim, das  den letzten Kredit vor der Insolvenz gab und dadurch beinahe selbst in die Insolvenz ging, hätte die Deutsche Bank das alteingesessene Unternehmen nicht übernommen. Im Ergebnis verlor Madeleine Schickedanz ihr ganzes Vermögen. Später ging es dann weiter mit der Gründung eines Private Equity Unternehmens gemeinsam mit Florian Lahnstein und Roland Berger. Middelhoff stieg dann aus, bezahlte aber seine Ausstiegskosten nicht. So machte er sich Roland Berger zum Feind. Bognanni beschreibt diese Dinge recht präzise, ob sie alle stimmen, kann ich nicht beurteilen.
Man erfährt an diversen Beispielen, wie ungern Middelhoff seine Rechnungen bezahlte. Etwa bei der Festschrift für Mark Wössner. Der Dienstleister, der diese Festschrift produziert hatte, hatte die Rechnung an den Privatmann Middelhoff mit der sinngemäßen Bezeichnung "Honorar Festschrift" geschickt. Der leitete die Rechnung an die Arcandor-Buchhaltung weiter, die sich jedoch weigerte, die Rechnung zu bezahlen, weil die Rechnungsanschrift nicht auf Arcandor lautet. Daraufhin wurde die Rechnung neu an Arcandor ausgestellt mit der sinngemäßen Begründung "diverse redaktionelle Arbeiten". Und bezahlt, wobei Middelhoff privat rund 30.000 Euro beisteuerte. Kein Wunder, dass der Richter hier einen Fall von Untreue gesehen hat, obwohl sich Middelhoff darauf berief, dass Wössner als Quelle-Aufsichtsrat dem Unternehmen verbunden war.
Bognanni beschreibt schließlich ausführlich das viel kritisierte Luxusleben Middelhoffs und dessen kaum zu glaubenden Ausgaben dafür.  Middelhoff fühlte sich reich, er war es aber nicht wirklich. Zwar hat er bei Bertelsmann und später viel Geld verdient, es aber auch mit vollen Händen ausgegeben. Bognanni erklärt das verblüffend: Durch seine Abfindung bei Bertelsmann sei er plötzlich zu so viel Geld gekommen, dass er nicht wusste, was er damit machen sollte. So kam er auf den mit Sal.Oppenheim verbandelten Projekt-Initiator und gelernten Maurer Joseph Esch, dem er sein ganzes Vermögen anvertraute. Der investierte das Geld in diverse Immobilienfonds, unter anderem in solche, die durch Vermietung an Karstadt verdienten. Esch kaufte ihm die Villa in St.Tropez und seine 33-Meter.Motoryacht "Medici". Villa und Yacht durften sich dann Vorstände, Geschäftspartner und Journalisten ansehen. Reiche Familien kommunizieren nicht, wie sie ihr Geld ausgeben - da war Middelhoff ganz anders.

Es gibt eine Regel im Finanzgewerbe: Mache nie Geschäfte mit deinem eigenen Geld. Middelhoff scheint sich das vollständig zu eigen gemacht zu haben: Was er kaufte, wurde laut Bognanni meist mit Schulden finanziert, seine Reputation machte es möglich.
Spannend ist zu lesen, wie sein Vertrauter  und langjähriger Anwalt Fromm mit diversen Offshore-Firmen in Verbindung gebracht wird, die nach Middelhoffs Privatinsolvenz möglicherweise einen Teil des Middelhoff-Vermögens vor dem Zugriff Gläubigern schützen - was allerdings in dem Buch nicht nachgewiesen wird.

Bei Bertelsmann hatte Middelhoff Großes geleistet: Ihm ist die Übernahme von RTL zu verdanken, das heute regelmäßig die Hälfte des Bertelsmann-Gewinnes reinspült.  Er hat den Verleger des berühmten Random-Buchverlages überzeugt, die Mehrheit abzugeben, beim Verkauf von AOL-Anteilen spülte er Milliarden in die Kassen des Gütersloher Medienkonzerns.
Bognannis Buch hat Middelhoffs Welt mit größtmöglicher Objektivität aufgezeichnet. Das ist verdienstvoll und letztlich ein wichtiger Beitrag zur deutschen Wirtschaftsgeschichte. Im Vergleich der beiden Bücher finde ich allerdings Middelhoffs "Sturz" aufregender, einfach deshalb, weil es außerordentlich authentisch erscheint.
Es wäre interessant zu wissen, wie "Big T" das Konkurrenzbuch kommentieren würde. Aber vielleicht sollte er einfach einen Schlussstrich ziehen und der Sache nicht mehr nachgehen. Managern großer Konzerne sollte der Fall Middelhoff zu denken geben: Hochmut kommt vor dem Fall und Prominenz verschärft die Strafen für Verfehlungen.

Mittwoch, 13. September 2017

Zu Middelhoffs Buch "A115 - der Sturz"

Ich habe mir dieses Buch sofort gekauft und es in zwei Tagen verschlungen.
Wenige Monate vor dem Urteil am 14.November 2014 hatte mich Dr. Thomas Middelhoff noch angerufen und sich optimistisch gezeigt: "Alle Vorwürfe sind in sich zusammengefallen, es geht jetzt nur noch um Reisekosten". Er und seine Anwälte waren fest davon überzeugt, dass ihn ein Freispruch erwartete, auch am Tag des Urteils. Stattdessen wurde er zu drei Jahren ohne Bewährung verurteilt und noch im Gerichtssaal wegen angeblicher Fluchtgefahr verhaftet. Was für ein Drama. Vom Gerichtssaal direkt ins Untersuchungsgefängnis, ohne die Chance, sich von der Familie zu verabschieden, erst nach Tagen gelang der erste Kontakt zu seinen Anwälten.

Was er im Untersuchungsgefängnis erlebt hat, ist der mitreißend erschreckende erste Teil des Buches. Hier wurde ein Mensch ohne Todesurteil gnadenlos hingerichtet. Am schlimmsten war die wochenlange Folter, der er nachts ausgesetzt war. Wegen angeblicher Suizidgefahr (die ärztliche Gutachten ausgeschlossen hatten) schaltete ein Beamter jede Viertelstunde das Neonlicht in der Einzelzelle an, um zu sehen, ob Middelhoff noch lebte. Wenn er sich nicht bewegte, musste er den Arm als Lebenszeichen hochheben. Dieser folternde Schlafentzug hat offenbar zu einer unheilbaren, lebensgefährlichen Autoimmunkrankheit geführt, die der Anstaltsarzt wochenlang stur als Fußpilz diagnostizierte, obwohl die körperlichen Schäden immer sichtbarer wurden, und Middelhoff wochenlang falsch behandelte. Erst als es der Familie gelang, die Untersuchung durch einen renommierten Professor durchführen zu lassen, der die sofortige Einlieferung in eine Fachklinik veranlasste, wurde Middelhoff umfassend untersucht und seine Krankheit fachmännisch bekämpft. Im Krankenzimmer wurde er dann zusammen mit einem frisch Operierten  rundum die Uhr bewacht, und seine Bewacher im Krankenzimmer sahen sich nachts Filme auf dem Laptop an, die ein ständiges Flimmern im Zimmer verursachten. Blutende Finger, geschwollene Gelenke - bis hin zu einer Herzoperation, das waren die fatalen Folgen dieser Autoimmunkrankheit. Bis heute ist dieser Vorfall ohne Konsequenzen für die Verantwortlichen geblieben. Dieser ganze Vorgang wird von unglaublicher Anstaltsbürokratie und Ignoranz des Anstaltsarztes und der Gefängnisleitung behindert.
Wir lesen jeden Tag in der Zeitung, wie Kriminelle oder Autofahrer, die Menschen überfahren haben, mit Bewährungsstrafen davon kommen. Middelhoff, nicht vorbestraft, wurde wie ein Schwerverbrecher behandelt und ohne Bewährung verurteilt. Und nun machen sich manche Medien darüber lustig, dass er seinen Kapiteln Zitate aus Kafkas "Prozess" oder Bonhoeffer-Briefen voranstellt. Wie kleinkariert! Darf ein Mensch, der so behandelt wurde, keine Gefühle offenbaren, bloß weil er mal Topmanager war?
Middelhoff zeigt weder Reue noch Einsicht. Man muss tief einsteigen um beurteilen zu könne, ob es sich bei den Vorwürfen wirklich um Untreue handelte oder nicht. Da sind zum einen die Privatflüge zu Lasten des Arcandor-Konzerns (früher z.T. Karstadt): von über 600 Flügen mit einem Privatjet soll er 27 privat genutzt und dem Konzern belastet haben.  Hierzu schreibt Middelhoff, für private Nutzungen habe er über 2 Millionen € selbst gezahlt und selbst wenn es in einigen Fällen versehentlich falsch abgerechnet worden sei, so habe es auch Flüge gegeben, die er privat bezahlte, obwohl er sie dem Unternehmen hätte in Rechnung stellen können. Nun ja, man erinnert sich an Einladungsreisen von Landespolitikern (Späth, Streibl, Stoiber), die teilweise mit Rücktritten aber nie mit Gerichtsurteilen bestraft wurden.
Der andere Vorgang, die Kostenübernahme einer Festschrift zum 70.Geburtstag von Mark Wössner (seinem Vorgänger im Amt bei Bertelsmann) durch Arcandor, begründet er mit der Funktion von Wössner im Aufsichtsrat von Quelle(deren Eigentümerin Schickedanz bekanntlich bei Arcandor vor der Insolvenz eingestiegen war) und diversen geschäftlichen Beziehungen, wobei er selber 32.000 von den 200.000 € Kosten gerade deshalb privat bezahlt habe, um den Anschein privater Interessen zu vermeiden. Im übrigen sei alles mit den zuständigen Gremien besprochen worden.
Nun ja, aus einer Broschüre wurde ein dicker Band, und irgendjemand (nicht Middelhoff) muss daran gut verdient haben. "Big T" so sein früherer Spitzname, stellt dann lediglich die berechtigte Frage, ob er die Ausweitung der Kosten von ursprünglich geplanten 30.000 € auf 200.000 € nicht hätte bremsen müssen. Das alles kann man durchaus als Ausflüchte in Frage stellen und dem Richter in seiner über 400-seitigen Urteilsbegründung folgen. Dafür dann aber 3 Jahre ohne Bewährung zu geben, fand ich von Anfang an krass und skandalös - siehe meine Kolumne von 2014.

Vor diesen Ereignissen hatte ich Middelhoff einmal gefragt, warum er diesem Joseph Esch vertraut, dem gelernten Maurer, der mit seinen geschlossenen Fonds wie eine Spinne im Netz agierte. "Es gibt in Deutschland niemanden, der soviel Rendite erwirtschaftet", war seine Antwort. Irgendwo war also auch Geldgier im Spiel. Später bezeichnete es Middelhoff es als seinen größten Fehler, diesem Esch vertraut zu haben.

Der BGH hat die Revision zurückgewiesen, weshalb es relativ sinnlos ist, weiterhin das Urteil in Frage zu stellen. Wichtiger ist, dass unser abgeschotteter Justizvollzug einmal näher untersucht wird - das wünscht sich der Autor. Schließlich geht es dort vielen Gefangenen so wie dem einstigen Top-Manager. Die Insassen schreiben keine Bücher über ihre täglichen Demütigungen, die Bedrohungen durch andere Häftlinge, die Hygienezustände und die unvorstelle Anstaltsbürokratie, und niemand hat eine Ahnung, wie die Zustände in den Gefängnissen wirklich sind.
Ganz besonders muss es um unsere Untersuchungsgefängnisse gehen, in denen viele länger sitzen als erlaubt, gerade bei Wirtschaftsdelikten. Vielleicht sollte sich ein Wallraff einmal in die Gefängnisse einschleichen und seine Erfahrungen veröffentlichen. Middelhoff hat seine Strafe bald abgesessen. Als Manager, so schreibt er, sei er "verbrannt". Ich hoffe, er bleibt gesund und findet nach seiner Freilassung wieder einen Weg in die Normalität und zu seiner Familie zurück.