Mittwoch, 26. Juli 2017

Handelsblatt kauft Euroforum: Kann das funktionieren?

Spannende Nachrichten aus Düsseldorf: Die Verlagsgruppe Handelsblatt heißt künftig "Handelsblatt Media Group". Und übernimmt ihren Veranstalter Euroforum. Am 31.10. soll die Transaktion vollzogen sein, dann liegen 81 Prozent der Anteile beim Handelsblatt.
Kann das funktionieren?

Euroforum wickelt schon jetzt für das Handelsblatt rund 200 zum Teil hochkarätige Veranstaltungen im Jahr ab, etwa 40% aller Aufträge, das Handelsblatt kauft also auch Fremdgeschäft dazu. Die langjährige Zusammenarbeit hat offenbar so gut funktioniert, dass sich die Sache lohnen könnte.

Tatsache ist: So konsequent hat noch kein deutscher Verlag die Chancen genutzt, seine Marke für eine gewinnbringende Eventkommunikation zu nutzen, also Zusatzgeschäft zu generieren. In den USA war Forbes der Vorreiter für diese Markenstrategie. Früher waren Events "Nebengeschäft" (sic!) - und das bis heute in den meisten Verlagen. Das Handelsblatt macht Events neben Print und Digital zu einem gleichwertigen, dritten publizistischen Unternehmensbereich.

Verlagsgeschäftsführer Gabor Steingart:

„Bei uns gibt es Journalismus in drei Darreichungsformen – auf Papier, digital und live. Es geht insbesondere bei letzterem um die Verbindung von Information und Inspiration. Vom Denken über das Fühlen zum Handeln. Mit der operativen Übernahme von Euroforum investieren wir neben dem traditionellen Printgeschäft und dem weiterhin stark expandierenden Digitalgeschäft kraftvoll in den Bereich des Live-Journalismus.“

Es als "Live-Journalismus" zu beschreiben, ist nicht nur eine clevere Idee, die Redaktionskolleginnen und -kollegen mehr motiviert als "Eventkommunikation." Ich kann mich gut erinnern, wie ungern Capital-Journalisten über die eigenen Veranstaltungen schrieben. Mit der Einführung eines Live-Journalismus ändert sich die Betrachtungsweise. Es öffnet sich tatsächlich ein von fast allen Verlagen unterschätztes, journalistisch begründetes Wachstumsfeld.

Da werden Fragen und Antworten auf der Bühne zelebriert und alle Teilnehmer erleben Interviews und Reden live. Niemand kann Zitate abstimmen,  bevor sie gesagt werden. Gesagt ist gesagt und alle Teilnehmer sind Zeugen. Emotion wird nicht mehr unterdrückt. Fachwissen hat die Chance, wahrgenommen zu werden.  In einer Zeit, in der öffentlich-rechtliche Fernsehjournalisten nur banale Verbrauchersichtweisen vertreten und keine Ahnung von Unternehmen haben, ist das Handelsblatt-Format tatsächliche eine neue, zeitgemäße Form des Live-Journalismus.

In der Vergangenheit haben viele Unternehmen, Institutionen und Verbände ihre eigenen Events organisiert und dafür "Medienpartner" gesucht und je nach Bedeutung auch gefunden. Nun werden die Medienpartner selbst zu Veranstaltern und laden die Unternehmer ein.

Wenn alle in eine Richtung fahren, müssen Disruptoren in die Gegenrichtung denken. So funktioniert übrigens "Laterales Denken", mit dem Edward de Bono in den siebziger Jahren Aufsehen erregte.  (Ein Beispiel waren die Olympischen Spiele in Los Angeles, die ersten Spiele ohne finanzielles Defizit. Der Erfolg kam, weil Organisator Peter Ueberroth der erste war, der die Spielabläufe und -zeiten konsequent an der Optimierung der Fernsehrechte ausrichtete: Die Zuschauer im Stadion wurden unwichtig, die weltweiten Fernsehzuschauer hatten Vorrang.) 

Tatsächlich öffnet sich mit dem "Live-Journalismus"  viel mehr Potential als man im ersten Augenblick wahrnimmt: Zum einen die Internationalisierung großer Events, bei der im Moment angelsächsische Unternehmen marktführend sind. Mit der stetig wachsenden Global Edition des Handelsblatts ist der Grundstein gelegt. Zum andern liefern die Veranstaltungen eine Fülle von Inhalten, die als bewegte Bilder vielfältig nutzbar sind. Inhalte sind das wertvollste Gut jedes Verlages, und Veranstaltungen produzieren Inhalte! Noch besser: Es ist kostenloser Content, der sich viral verbreiten und vermarkten lässt und die Reichweite des Handelsblatts massiv vergrößern kann.

Wer solche Veranstaltungen einmal selbst organisiert hat, weiß, dass sie kein Selbstläufer sind. Sie sind konjunkturabhängig und verlangen zahlungskräftige Teilnehmer, prominente Redner und spendierwillige Sponsoren. Sie müssen unter hohem Erfolgsdruck permanent verkauft und mit Inhalten gefüllt werden. Das ist keine leichte Aufgabe. Dafür gibt es das wichtigste kostenlos: Die Inhalte liefern die eingeworbenen Redner meist honorarfrei. Die hauseigenen Journalisten moderieren live und ebenfalls honorarfrei und manche Volontäre schreiben bei größeren Veranstaltungen dann doch auch noch schöne Berichte. So kann eine runde Sache daraus werden.

Kurzum: Heute gebe ich Gabor Steingart mal die Note eins.






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