Dienstag, 27. Juni 2017

Angsthasen in der Bundeswehr

Am 27.Juni veröffentlichte die FAZ im Feuilleton ein interessantes Interview. Auskunft über den Zustand der Truppe gibt der seit 2008 im Ruhestand befindliche Generalmajor a.D. der Bundeswehr, Christian Trull. Man liest, warum Soldaten gekämpft habende Vorbilder brauchen, auch wenn diese einst der Wehrmacht angehörten."Der Kämpfer von morgen braucht den Kämpfer von gestern", so Trull. Der Armee sei heute die "Drecksarbeit" überlassen, aber diese Drecksarbeit müsse demokratisch legitimiert sein. "Dieser Staat hält sich Streitkräfte, aber die sollen nach Möglichkeit so sein wie der Rest der Gesellschaft. Das geht nicht. Ein Panzergrenadier oder Fallschirmjäger sieht eben anders aus als ein Sozialpädagoge". 
Der Soldat müsse sich an Werte halten, "die von der Zivilgesellschaft zurückgewiesen werden". Trull sieht vor allem einen Dissens zwischen der höchsten Führungsebene im Bendlerblock des Verteidigungsministeriums und der kampferfahrenen Truppe, die eine gemeinsame Wertebasis habe, aber bei  der politischen Leitung nicht durchdringe: Truppe und Führung hätten sich voneinander entfernt.
Ob diese Analyse stimmt, kann ich nicht beurteilen. Mir scheint, Ursula von der Leyen hat durch ihre Aktionen einen lange bestehenden Frust aufgedeckt und nicht erzeugt. Dieser Frust ist ein Dauerthema, weil die Bundeswehr seit vielen Jahren unter Kosteneinsparungen, schlechtem Material, zu teuren Beschaffungen und gescheiterten Ministern leidet. Die zahlreichen Auslandseinsätze haben ihren Tribut gefordert. Das ist nicht neu, und wohl kaum die Schuld der erst seit dreieinhalb Jahren amtierenden Verteidigungsministerin. Neu ist für mich, dass die kampferprobten Soldaten sich fürchten, offen ihre Meinung zu sagen. Laut Herrn Trull halten sich viele aktive Soldaten mit öffentlicher Kritik zurück, weil sie Sanktionen befürchten: "Würde heute ein höherer Offizier aufstehen und protestieren, wäre das wahrscheinlich beruflicher Selbstmord."

Oje. Ich muss mich doch sehr wundern: So viele Angsthasen in der Bundeswehr? Angeblich gärt es doch in der ganzen Armee? Trull weiß warum: "Das höhere Offizierkorps ist zu Konsens und Selbstreduktion erzogen worden. Nicht seit gestern, sondern seit vorgestern." 

In der Tat. Unter den zahlreichen offensichtlich von Soldaten geschriebenen Leserbriefen zu meinem letzten Kommentar in der WELT findet sich kein einziger, der mit vollem Namen zeichnet. Das ist nun wirklich merkwürdig. Wenn es so schlimm um die Truppe steht, warum hat keiner den Mut, seine Kritik öffentlich zu äußern? Oder gibt es so etwas wie eine stille Post, wo die Gerüchte an den zurückkommen, der sie als erste gestreut hat? Ein Tipp: Wenn die Angst eines einzelnen zu groß ist, dann mögen sich die Herrn doch zusammenschließen: Und nicht den Bundeswehrverband vorschicken, sondern beispielsweise eine Unterschriftenliste aufsetzen. Überschrift: "Frau UvL, wir fordern Sie auf...." Die Ministerin ist ja nun seit Wochen unterwegs und sucht das direkte Gespräch mit den Soldatinnen und Soldaten. Da könnte man ihr ja mal so eine Liste überreichen. Oder gibt es gar nicht so viele, die sich einem rechtsradikalen "Generalverdacht" ausgesetzt sehen?

Alles was die Ministerin veranlasst hat, ist wohl ziemlich sicher im engeren Kreis der obersten Führung besprochen worden. Diesem obersten Führungskreis wirft Trull letztlich vor, sich von der Truppe entfernt und ihr Vertrauen verloren zu haben.
Ich frage mich: Hat irgendjemand darauf hingewiesen, dass die Suche nach Wehrmachtsgegenständen das Vertrauen der Truppe in die Führung gefährden könnte? Angeblich haben wir ja eine totale Vertrauenskrise. Oder hat die Lagebeurteilung zu den kritisierten Aktionen geführt? Eine bewusste Entscheidung also? Oder sitzen die eigentlichen Angsthasen im Bendlerblock?
Der ranghöchste Soldat Volker Wieker ist seit 2010 Generalinspekteur der Bundeswehr, also länger im Amt als Ursula von der Leyen. Hat er vor solchen Aktionen gewarnt, oder hat er sie unterstützt? Sicher letzteres. Und der Mann hat Erfahrung.
Wenn schon keiner öffentliche Kritik äußern mag, dann sollte wenigstens die oberste Führung den Mumm haben, die Ministerin öffentlich zu unterstützen.

Die Bundeswehr hat seit ihrer Gründung das Prinzip der "Inneren Führung". Trull meint, das Konzept des Staatsbürgers in Uniform habe sich bewährt, sei aber veraltet: "Das ist so, als ob man mit den Führungsgrundsätzen von 14/18 in den Koreakrieg gezogen wäre."

Trull sieht inzwischen eine "verheerende Konsenskultur". Nun ja, dann streitet mal öffentlich für eure Ansichten, werte Soldatinnen und Soldaten, statt euch hinter Pensionären und Medien zu verstecken.








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