Freitag, 11. November 2016

Die Kaperung der Unternehmen durch Legals: Alles kontrollieren, nichts verantworten

Heute ist die neue, sehr lesenswerte Ausgabe des Magazins "Return" erschienen, das Unternehmensführung und Sanierung zu seinem Schwerpunkt macht.  Dort habe ich folgenden Beitrag zur "Übermacht der Legals" veröffentlicht:

Wer einen neuen Kunden gewinnt, schließt mit ihm einen schriftlichen Vertrag, zumindest dann, wenn es sich nicht um den Gemüseeinkauf auf dem Wochenmarkt handelt. Üblicherweise werden die Verträge dann von internen oder externen Juristen akribisch geprüft. Da wird dann jedes Wort umgedreht, jede Eventualität eingebaut. Über die Zeit werden Verträge immer länger, weil alte Textbausteine mit neuen Vertragsbestandteilen  zu Monstern kumuliert werden, die Wissensmacht sichern, aber in Wahrheit viele redundante Teile enthalten.

Zu Beginn einer Geschäftsbeziehung hat man beim Lesen von Vertragsentwürfen fast das Gefühl, ein für alles haftender Feind, und nicht ein gewinnbringender Freund zu sein. Von Jean Paul Getty stammt der Satz: „Wenn man einem Menschen trauen kann, erübrigt sich ein  Vertrag. Wenn man ihm nicht trauen kann, ist ein Vertrag nutzlos.“ Da ist was dran.

Wenn wir die großen Unternehmens-Skandale der letzten Jahre betrachten, fragen wir uns: Warum haben die Juristen (und die Wirtschaftsprüfer) das nicht verhindert? Wenn über die Vergangenheitsbewältigung großer Geldhäuser geschrieben wird, fragt kaum einer nach der Rolle der Hausjuristen und ihnen zuarbeitender großer Kanzleien, die selbstverständlich jedes neu Produkt, jeden Wertpapierprospekt, jeden neuen Vertrag, manchmal auch steuerliche Fragestellungen umfassend abgearbeitet und letztlich abgenickt haben.
Wer regelmäßig mit Juristen zu tun hat, weiß, warum: Juristen sind definitionsgemäß rein formale Bedenkenträger, sie wollen zwar alles wissen, halten sich aber vor allem bei jeder Beurteilung ein Hintertürchen offen - und sind letztlich für nichts verantwortlich.

So wird das auch bei den Skandalen gewesen sein: Wenn ein Konzern erst einmal in den Schlagzeilen ist, unterwerfen sich die Kommunikationsverantwortlichen und ihre Chefs meist vollständig den Legals. Nichts darf dann mehr ohne Freigabe der Juristen öffentlich gesagt oder kommuniziert werden. Und nichts verbessert sich dadurch.

Wahr ist: Die „Legals“ haben ihre Macht in den Konzernen – auch durch Einschaltung externer Kanzleien – allzusehr massiv ausgebaut, obwohl sie in der Vergangenheit erhebliche Mitverantwortung an unternehmerischen Fehlentscheidungen trugen. Das ist nicht falsch, ganz besonders angesichts zunehmender Regulierung, aber es ist auch ungesund. Die Kultur eines Unternehmens ähnelt dann sehr schnell autokratischen Regimen, die alles unterdrücken, was sich Ihnen kritisch in den Weg stellt. Anders ist es nicht erklärbar, dass kein VW-Mitarbeiter den Abgas-Skandal öffentlich gemacht hat.

Früher befanden sich Investor-Relations-Aufgaben, also die Kapitalmarkt-Kommunikation, in den Händen großer  PR-Agenturen. Doch weil allein bei einer ad-hoc-Meldung schon über 100 Gesetzesvorschriften zu beachten sind, haben Anwaltskanzleien inzwischen fast vollständig dieses Geschäft übernommen. Sind Fälle bekannt geworden, bei denen Gesetze verletzt wurden? Wohl kaum. Hat sich die Kapitalmarkt-Kommunikation durch die Juristenübernahme verbessert? Wohl kaum.

Externe Rechtskanzleien lassen ihre Youngster 16 Stunden am Tag Verträge oder Wertpapierprospekte lesen und bearbeiten. Mit alten Textbausteinen werden neue Prospekte halbautomatisiert erstellt (und berechnet). Motto: Besser man nimmt alles rein, als etwas zu vergessen. Dann steht alles drin, vor allem viel Redundantes, und außer den Juristen hat es keiner wirklich durchgelesen. So ist es auch bei Hunderttausenden von Vertragsseiten von Konzernen mit ihren Zulieferern, ein gutes Geschäft für Kanzleien, die sich damit ganze Hochhäuser leisten können.
Aber was passiert, wenn sich plötzlich ein Zulieferer wehrt – wie jüngst bei VW geschehen? Verträge haben das nicht verhindert. Dann verweisen die Juristen auf die vereinbarte Haftung, aber das Management muss über „Bestrafung“ des Unwilligen und die weitere Zusammenarbeit entscheiden.

Der große Publizist Johannes Gross, mein viel zu früh verstorbener Herausgeber bei „CAPITAL“, hat einmal gesagt: „Juristen soll man nicht vorher fragen, sondern hinterher reparieren lassen.“ So kann es natürlich auch nicht sein. Zu seinen Zeiten gab es noch keine Klagen einer Prinzessin gegen die „Bunte“. Inzwischen sind Juristen unentbehrlich als Ratgeber vor Veröffentlichungen. Aber gerade in den Medien zeigt sich, dass Anwälte ohne journalistisches Verständnis ihren Klienten eine Bärendienst erweisen, wenn sie am Ende  jede Spitze entschärfen. So müssen Legals auch in Konzernen dazu lernen. Wenn sie schon die Kommunikationsgewalt erobert haben, dann müssen sie auch lernen, aktiv zu kommunizieren. Wie sagte Paul Watzlawik: Man kann nicht nicht kommunizieren. Genau das passiert aber derzeit. Wer sich nur als Risikovermeider versteht, zerstört die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens. Wer Mitarbeitern einen Maulkorb verpasst, hat offensichtlich kein Vertrauen. Und da gilt dann wieder:  Ohne Vertrauen sind Verträge nichts wert. 


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