Freitag, 21. Oktober 2016

Steingart auf allen Kanälen

Der präsenteste Herausgeber aller deutschen Medien heißt derzeit Gabor Steingart.

Ich weiß nicht, wo der Mann die Zeit hernimmt, morgens ein Morning-Briefing zu verfassen, und dann neben seinen Auftritten im Handelsblatt - "Wirtschaftsclub",  diversen Talkshows und zahlreichen Euroforum-Veranstaltungen auch noch ein Weltbeben-Buch zu schreiben. Und auf der Buchmesse sein Buch vorzustellen, was dem Handelsblatt dann nach einem Vorabdruck nochmal eine ganze Seite wert ist. Schließlich ist er ja auch noch Verlagsgeschäftsführer der Handelsblatt-Gruppe und muss das Unternehmen führen. Nicht ganz unwichtig, nachdem sich Verleger Dieter von Holtzbrinck jetzt aus dem operativen Geschäft zurück gezogen hat.

Die Dynamik, die er in die früher sehr behäbige Verlagsgruppe eingebracht hat, ist beeindruckend.
Jüngstes Beispiel ist die geplante Wahlkampfberichterstattung in den USA: Ein großes Handelsblatt-Team soll vor Ort sein, um live aus den USA zu berichten. Mit dem erfolgreichen Digitalpass hat Steingart ein offenbar gut funktionierendes Vertriebsinstrument eingeführt, dass dem Digitalisierungsdruck ein Ventil verschafft. Mit dem Wirtschaftsclub bindet er die Leser stärker ein. Mit etwa 200 Veranstaltungen des Eventspezialisten Euroforum - am bedeutendsten die jährliche Konferenz in Frankfurt "Banken im Umbruch" - hat er eine solide Erlösquelle ausgebaut. Anders als die großen überregionalen Tageszeitungen, verliert das Handelsblatt nicht an Auflage.

Aber Steingart muss jetzt ein bisschen aufpassen, dass er sich selbst nicht zu viel feiert. Was dem Handelsblatt nützt, muss am Ende wichtiger sein als das was ihm selbst nützt.

Es tut allerdings jedem Verlag gut, einen durchsetzungsfähigen, nach vorne blickenden Journalisten an der Spitze der Geschäftsführung zu haben. Zu viele Verlage leiden unter Managern, denen Kosten wichtiger sind als verlegerische Visionen, die langfristig Gewinn bringen. Aber es gibt eben nur wenige Journalisten, die auch als Manager erfolgreich sind. Wie zum Beispiel Matthias Döpfner.

Wie hat Steingart diesen Aufstieg geschafft?
Ich kenne Steingart seit 1987, als er in meinem Ressort "Wirtschaft und Politik" den praktischen Teil seines Volontariats in der Georg-von Holtzbrinck-Schule begann, die damals von dem legendären Ferdinand Simoneit geleitet wurde. Im Ressort Wirtschaft und Politik arbeiteten gleichzeitig die späteren Chefredakteure Bernd Ziesemer, Arno Balzer und Roland Tichy sowie der langjährige Kommunikationschef der Allianz, Emilio Galli-Zugaro. Steingart fiel allen sofort als vollwertiger Kollege auf, dem man nicht mehr viel beibringen musste. Das besorgte Simoneit.

Der 2010 verstorbene Simoneit war 1974 als Chefredakteur bei CAPITAL abgelöst worden, weil eine Story den Verfassungschutzpräsidenten Günter Nollau als DDR-Spion hinter Günther Guillaume verdächtigt hatte). Eine großartige, leider nicht bewiesene Geschichte, die mit einer vergleichsweise milden Strafzahlung von 20.000 D-Mark endete. Simoneit war ein großer Journalist, der Steingart stark geprägt haben dürfte. Er hat allein 25 Titelgeschichten für den Spiegel und darüber hinaus diverse Bücher geschrieben - wie Steingart.

Beim Spiegel machte auch Steingart Karriere.  Zunächst als Redakteur in Leipzig, Bonn und Berlin, dann als Leiter des Wirtschaftsressorts gemeinsam mit Armin Mahler unter Stefan Aust. In Berlin leitete er längere Zeit das Hauptstadtbüro und wurde schließlich als Korrespondent nach Washington befördert. Später hat er sich in Stellung für die Chefredaktion gebracht: In einem offenen - mutigen - Brief an die Verlags-Mitarbeiter kritisierte Steingart 2006 die Führung der mächtigen Spiegel Mitarbeiter KG und kündigt seine Kandidatur für die Geschäftsführung der KG an. Dass die Redaktion ihn weder als KG-Geschäftsführer noch als Chefredakteur wollte, wird sie später vielleicht bereut haben. Die veränderungsresistente Spiegel-Redaktion hat wohl geahnt, dass sie einen Chefredakteur mit ausgesprochenem Veränderungswillen bekommen hätte.
So wechselte er als Chefredakteur zum Handelsblatt und folgte Bernd Ziesemer, der den Umbau des Handelsblatts mit einigem Erfolg begonnen hatte. Nur kurze Zeit später stieg Steingart zum Herausgeber und Geschäftsführer auf.

Was macht die Karriere Steingarts aus? Zum einen hat er sehr schnell das Vertrauen des Verlegers Dieter von Holtzbrinck gewonnen und dadurch erhebliche Investitionsmittel freigemacht. Das ist keinem seiner Vorgänger gelungen. Richtige Verleger sind eben mehr als nur Geldgeber und Dividendenempfänger. Steingart strahlt ein Selbstbewusstsein aus, das eher verblüfft als stört. Er hat kein Problem damit, den Chef der Deutschen Bank als Hauptredner einzuladen und sich wenige Tage später kritisch mit dessen Strategie auseinander zu setzen. Dabei ist er reichlich undogmatisch. Der Empörung gegen Putins Politik setzt er eine Titelgeschichte "Entpört euch" entgegen.  
Mit der verlegerischen Unterstützung Holtzbrincks kann er sein Credo in den Redaktionen durchsetzen: „Diese Gemeinschaft der wirtschaftlich Interessierten – für die Wirtschaft keine Rubrik und auch kein Studienfach, sondern eine Lebenseinstellung ist – wollen wir sicht- und erlebbar machen. Auf Papier. Digital. Und Live. Wichtig ist dabei nicht die Darreichungsform, wichtig ist der Wirkstoff: Journalismus. Sachkundig, unabhängig, mutig und inspirierend.” 
Ob das dem Handelsblatt und der Wirtschaftswoche immer so gelingt, sei dahin gestellt. Generell stimmt aber die Richtung. Die zu Holtzbrinck gehörende ZEIT hat unter Giovanni di Lorenzo vorgemacht, dass es so geht: Es steht der Journalismus im Vordergrund, nicht kurzfristiges Profitdenken. So mag Verleger Dieter von Holtzbrinck richtig liegen: "Ich bin mir sicher: Das Handelsblatt hat seine besten Jahre noch vor sich.”



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