Samstag, 15. Oktober 2016

Buchkritik "Wachstum über alles"

Rainer Hank hat in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Ausgabe vom 16.10.2016) einen kritischen und sehr lesenswerten Beitrag zu der neu aufkommenden "Degrowth-Beweguung" verfasst. Die Wachstumsgegner wettern gegen TTIP und CETA und verkennen, dass Wachstum heute nicht mehr durch rauchende Schlote erzeugt wird. Im "Wirtschaftsjournalist" habe ich die zu diesem Thema passende folgende Rezension veröffentlicht:

Der Journalist Ferdinand Knauß hat sich einige Fleißkärtchen für sein Buch verdient: „Wachstum über alles? Wie der Journalismus zum Sprachrohr der Ökonomen wurde” .

Die These ist: Wirtschaftsjournalisten hinterfragen den Sinn des Wirtschaftswachstums nicht. Sie übernehmen kritiklos die ökonomisch herrschende Lehre von der Notwendigkeit des Wachstums und sind somit letztlich Teil einer Wachstumsideologie.

Als Fellow am Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam hat der hierfür freigestellte Wirtschaftswoche-Redakteur dafür die digitalisierten Archive von FAZ, SPIEGEL und ZEIT ausgewertet und gezählt, wie oft der Begriff Wachstum verwendet wurde.  Es zeigt sich, dass das Wort „Wirtschaftswachstum“ seit den 50iger Jahren immer häufiger in den untersuchten Medien vorkommt. So hat es zwischen 2000 und 2009 genau 1523 Artikel in der ZEIT gegeben, die den Begriff des Wirtschaftswachstums enthielten. Nun ja, ich finde das nicht wirklich überraschend.

Es mag ja sein, dass Wirtschaftsjournalisten den Ökonomen folgen, deswegen ist das Wachstumsparadigma aber noch lange nicht falsch.           

Denn ja, am Wachstum hängt alles, und die vielen Versuche, Anti-Wachstums- und Konsumverzichtskonzepte zu finden, sind alle gescheitert. Wachstum wird von seinen Kritikern oft auf Produktionswachstum verengt. Motto: Immer mehr Pappbecher und immer mehr überflüssige Produkte. Dabei werden die positiven Auswirkungen des zunehmenden Dienstleistungsanteils und des technische Fortschritts (etwa auf die Umwelt) vernachlässigt. Und Wachstum ist auch Einkommenswachstum, aus dem sich letztlich der Wohlstand einer Nation speist. Entwicklungsländer brauchen hohes Wachstum, um in ihrer Lebensqualität aufzuholen. Reiche Länder kommen mit niedrigen Wachstumsraten aus: Von einem hohen Niveau aus wächst es sich halt langsamer, aber im Volumen ausreichend, um innovativ zu bleiben. Technischer Fortschritt trägt zwischen 40 und 60% zum Wirtschaftswachstum bei. Er sorgt für höhere Produktivität, mehr Effizienz, bessere Wettbewerbsfähigkeit und – mit Schumpeter – für die Zerstörung veralteter Technologien, auch im Umweltschutz.

Schon 1985 haben Lutz Wicke und ich in unserem Buch „Der Ökoplan – durch Umweltschutz zum Wirtschaftswunder“ gezeigt, dass Umweltschutz und Wirtschaftswachstum keine Gegensätze sein müssen. In den siebziger Jahren galten Umweltschutz und Wirtschaftswachstum vielen als unvereinbar. Nachdem 17 Wissenschaftler des Club of Rome 1972 „Die Grenzen des Wachstums“ publiziert hatten, wurde Wachstum in Medien wie Spiegel und ZEIT zum Umweltkiller. Wachstum wurde intensiv hinterfragt, wie Knauß selbst schreibt. Man diskutierte „Konsumverzicht“ und lauschte den Vorträgen von Kurt Biedenkopf, der sich mit seinem Institutsleiter Meinhard Miegel als Wachstumsskeptiker positionierte. Sicherlich hat der Club of Rome den zentralen Anstoß für globale Umweltschutzanstrengungen gegeben - bis hin zu den letzten Klimakonferenzen. Trotzdem ist die globale Wirtschaft weiter gewachsen. Zum Glück! Wer könnte ohne Wachstum Milliarden Menschen ernähren? Man erinnert sich noch an die Hungersnöte in Indien.

Das Hinterfragen des Wachstumsbegriffs haben wir doch längst hinter uns.
Es geht ja nicht um den Ausbau rauchender Schornsteine zur Steigerung der Industrieproduktion. Das Bruttoinlandsprodukt ist eben auch Nationaleinkommen und Gegenstand von Verteilungsfragen. Warum wollen die Gewerkschaften jedes Jahr Lohnzuschläge? Und wie sollen die Unternehmen diese ohne Wachstum (inklusive technischem Fortschritt) finanzieren?
Wer gegen Wachstum ist, muss zeigen, wie Lohnansprüche, steigende Gesundheitskosten, zunehmende Überalterung oder der Ausbau von Bildung finanziert werden sollen. Wer soll dann den inzwischen 100 Milliarden Euro überschreitenden Zuschuss des Steuerzahlers an die Rentenkasse bezahlen? Und wie sollen die gewaltigen Schuldenberge der Staaten ohne Wachstum abgebaut werden? Ohne Wachstum drohen gesellschaftliche Verteilungskämpfe, die nicht mehr zu steuern sind. Und global betrachtet: Wie sollen Entwicklungsländer ohne Wachstum die Schwelle der strukturellen Armut jemals verlassen können?
Solche Effekte lassen sich auch belegen. So resümierte der bekannte Ökonom Prof. Ulrich van Suntum: „Empirisch zeigt sich denn auch, dass das BIP hoch mit immateriellen Wohlstandskomponenten wie Bildung, Gesundheit, sozialer Sicherheit und intakter Umwelt korreliert ist.“

Ohne Wachstum gäbe es auch keinen Strukturwandel, denn Wachstum finanziert letztlich den technischen Fortschritt: Vergleichen wir die Computer von damals mit den heutigen Rechnern! Vergleichen wir den spezifischen Energieverbrauch damals und heute. Vergleichen wir China in  den 70iger Jahren mit heute! Vergleichen wir schnell gewachsene Riesen wie Apple, Google, Facebook mit schrumpfenden altindustriellen Konzernen wie Eon oder RWE!

Am Ende des Buches wünscht sich Knauß, dass Wirtschaftsjournalismus „feuilletonistischer“ werden müsse,weil Wachstum ein Kulturthema sei. Dagegen habe ich nun gar nichts einzuwenden: mit dem leider viel zu früh verstorbenen Frank Schirrmacher hatten wir ja in der FAZ einen großen Publizisten, der die Wirtschaft als Ressortleiter des Feuilletons regelmäßig thematisierte. In der Wirtschaftswoche habe ich diesen feuilletonistischen Ansatz allerdings noch nicht entdeckt.

Gespannt habe ich schließlich die Interviews mit meinen früheren Kollegen Michael Jungblut, Roland Tichy und Max Höfer gelesen. Die drei bestätigen denn auch brav, dass der Wachstumsbegriff zu wenig hinterfragt werde. Aber irgendwie wirken die Interviews wie ein Fremdkörper und Seitenfüller für einen müde gewordenen Autor, dem noch 20 Seiten Text fehlten. Im „Wirtschaftsjournalist“ wären sie besser untergebracht gewesen.
Immerhin gibt es auch unterhaltsame Teile. Bei Tichy, mittlerweile Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung, endet das Interview gewohnt provokativ:
Frage: „Warum stellen Hauptstadtjournalisten solche Fragen nicht?“
Antwort: „Sie können das nicht, weil sie Staatsjournalisten sind. Sie sind nicht Apologeten der Marktwirtschaft, sondern des Staatskapitalismus“.

Mein Fazit: Wer sich als Medienwissenschaftler oder Wirtschaftshistoriker für die großen Meinungsströme von Ludwig Erhard bis in die heutigen Jahre interessiert, findet in diesem Buch einen interessanten Streifzug durch die bundesdeutsche Wirtschaftsentwicklung mit vielen Zitaten bedeutender Wirtschaftsjournalisten.  Die irreführende These des Buches – Wirtschaftsjournalisten seien „Sprachrohr der Ökonomen“- hätte es dazu nicht gebraucht.




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