Samstag, 19. März 2016

Quo vadis Mathias Döpfner und Friede Springer?

In der aktuellen Ausgabe des Manager Magazins zeichnen Gisela Freisinger und Lutz Meier ein spannendes Bild der Lage in diesem großen Verlagshaus. Die Geschichte ist filmreif, selbst wenn sie nicht in allen Einzelheiten stimmen sollte. Eine Kurzversion ist online nachzulesen bei Peter Turi.

Die Autoren sind renommiert. Lutz Meier ist ein Insider im Mediengeschäft. Gisela Freisinger eine der besten Porträt-Autorinnen. Ich erinnere mich an ein fabelhaftes 9-Seiten-Porträt von Gisela Freisinger über Wolfgang Reitzle in CAPITAL, als dieser nach seinem Weggang von BMW für Ford die Premier Automotive Group (PAG) mit den Luxusmarken Jaguar, Aston Martin, Volvo, Land Rover, Lincoln und Mercury leitete. BMW sei ein "Scheißladen" zitierte sie ihn, was ihn damals wahnsinnig aufregte, weil er sie gebeten hatte, das nicht zu schreiben. Ich glaube deshalb den Autoren ihre Geschichte, auch wenn sie für Mathias Döpfner und Friede Springer sehr unangenehm ist.

Der Axel Springer-Verlag stand mir immer recht nahe. Mit einem Volontoriat bei der Berliner Morgenpost, die inzwischen mit anderen Traditionszeitungen an die Funke-Mediengruppe verkauft wurde, habe ich meine journalistische Laufbahn begonnen. (Übrigens: Der Betriebsrat klagte damals gegen meine Einstellung, um den Tendenzschutz des Verlages für Volontäre aufzuheben. Der Tendenzschutz erlaubt jedem Verleger, seine Redakteure zur Einhaltung politischer Vorgaben zu verpflichten. Der Betriebsrat hat hier kein Mitbestimmungsrecht. Mein Fall ging bis zum Bundesarbeitsgericht, und Springer gewann.) Verständlich also, dass mich die Entwicklung im Hause Springer immer sehr interessiert hat.
Es geht darum, wie die 73jährige Friede Springer ihre Zukunft plant - vielleicht ohne (meinen früheren Praktikanten, dem damaligen Assistenten von Gert Schulte-Hillen) Mathias Döpfner, der von ihr in den vergangenen Jahren wie ein Ziehsohn behandelt wurde. Zuletzt schenkte sie ihm zwei Prozent der Aktien im Wert von 73 Millionen Euro. Alles sah danach aus, als ob Döpfner das Lebenswerk von Axel Springer in die Zukunft überführen sollte. Er hatte das volle Vertrauen von Friede Springer.
Irgendwas scheint sich jedoch im Verhältnis zwischen den beiden verändert zu haben. Laut MM hat Friede Springer offensichtlich das Gefühl, von Döpfner allzu abhängig zu sein. Sie scheint inzwischen ihrer langjährigen Freundin und Notarin Karin Arnold mehr zu vertrauen, als dem Vorstandsvorsitzenden, obwohl sie dessen Vertrag kürzlich erst um 5 Jahre verlängert hat. Jetzt gilt wohl eher: Divide et impera - teile und herrsche.

Arnold ist mit Friede Springer im Vorstand jener Stiftung, in die die Erbin von Axel Springer laut FAZ ihre Anteile am Verlagshaus einbringen will. Ein ähnliches Modell wie bei Bertelsmann, das feindliche Übernahmen verhindern und die Zukunft des Medienhauses sichern soll.
Friede Springer hält laut FAZ "ihre Beteiligung derzeit zum einen in der Axel Springer Gesellschaft für Publizistik GmbH & Co. KG, die mit 47,3 Prozent am börsennotierten Springer-Konzern beteiligt ist. Diese Gesellschaft gehört ihr zu 90 Prozent. Zum anderen hält sie direkt Anteile am Konzern in Höhe von 5,1 Prozent. 

Döpfner wollte die AG in eine KGaA umwandeln. Das hätte den Vorteil gehabt, ähnlich wie im Stiftungsmodell die Macht von Friede Springer durch Stimmrechtsbeschränkung zu sichern und trotzdem Kapitalerhöhungen zur Finanzierung neuer Wachstumsfelder durchzusetzen. In der jetzigen Rechtsform der AG bedeutet jede Kapitalerhöhung eine Verwässerung der Anteile von Friede Springer. Doch die hatte "kein gutes Gefühl" (so in einem dpa-Interview) bei Döpfners Vorstoß und ließ ihn damit auflaufen. Ein echtes Desaster. Friede Springer soll laut MM "extrem nervös, ja regelrecht verzweifelt" sein.

Dabei steht der Verlag seinen Zahlen zufolge blendend da: An die Aktionäre werden 194,2 Millionen ausgeschüttet. "Insgesamt erhöhte Axel Springer den Konzernumsatz im Geschäftsjahr 2015 um 8,5 Prozent. Das EBITDA legte im Vergleich zum Vorjahr um 10,2 Prozent zu. Die EBITDA-Rendite verbesserte sich auf hohem Niveau von 16,7 Prozent auf 17,0 Prozent. Das bereinigte Ergebnis je Aktie erhöhte sich um 10,3 Prozent."  Mathias Döpfner dazu: "Axel Springer ist heute einer der weltweit reichweitenstärksten Digitalverlage. Wir sehen erhebliches Potenzial für die langfristige Wertsteigerung unserer digitalen Aktivitäten".

Doch in letzter Zeit hat bei Döpfner vieles nicht mehr geklappt. Die sicher geglaubte Übernahme der Financial Times scheiterte an einem japanischen Konkurrenten. Die journalistische Digitalisierung scheint nach den großen Erfolgen mit Rubriken-Portalen ins Stocken zu geraten. Nur ein kleiner Teil der Leser von BILD und Welt will für Digitales zahlen. Deswegen will man sich jetzt auf  die "erfolgreiche Entwicklung unserer Investitionen konzentrieren".

Ich bin kein Insider und weiß nicht, wie es wirklich in der Top-Etage des Verlages aussieht. Die Gemeinheit der MM-Geschichte besteht in einer raffinierten Beschreibung des Privaten, aus der man Gründe für ein Auseinanderleben von Friede Springer und Mathias Döpfner ableiten kann. Döpfner hat sich laut MM "kürzlich" von seiner Frau Ulrike getrennt, der Tochter des früheren Vorstandes der Deutschen Bank, Ulrich Weiss.  Die "Industrieerbin und Kunstsammlerin" Julia Stoschek soll jetzt des Kunstsammlers und Multimillionärs Döpfner Neue sein. Und die etwas hämische Beschreibung seiner Lust an aufwändigen Immobilienobjekten und "eklektizistischer" Lust-Kunst lässt sicher manchen die Stirn runzeln.
Vielleicht ist es das, was Friede Springer zunehmend missfällt.  Sie ist immerhin die Patin des zweiten Sohnes der Döpfners. Vielleicht ahnt sie - auch aufgrund ihres eigenen Lebensweges - wie schnell sich Loyalitäten ändern können. Auch ziemlich beste Freundschaften können auseinander gehen.  Im "normalen Leben" kommt das so oft vor, dass kaum ein Hahn danach kräht. Für einen CEO mit so viel Vertrauen der Hauptgesellschafterin gibt es so ein normales Leben nicht.  Das Private ist in einem Familienunternehmen immer auch relevant für die Firma. Wenn hier leiseste Zweifel aufkommen und gleichzeitig wichtige strategisch Entscheidungen anstehen, kann es schnell zum Knall kommen. Man erinnert sich an den urplötzlichen Rauswurf von Thomas Middelhoff durch Liz Mohn, als er Bertelsmann für die Börse öffnen wollte, um die Digitalisierung des Konzerns zu beschleunigen.
Ich bin gespannt, wie sich das weiter entwickelt. Döpfner braucht jetzt Erfolge - ohne das eigentlich notwendige Wachstumskapital durch Kapitalerhöhung. Döpfner ist ein mutiger Unternehmer. Er hat Scharen von Managern und Chefredakteuren nach Silicon Valley einfliegen und BILD-Chefredakteur Kai Diekmann sogar dort eine Weile leben lassen. Sein Chef-Lobbyist Christoph Keese hat daraus ein ganzes Buch gemacht. Jetzt muss der Verlag die zweite Stufe der Digitalisierung zünden und zeigen, dass sich die Forschungsreisen gelohnt haben und einer "der reichweitenstärksten Digitalverlage" weiterhin in der Lage ist, innovative Wertschöpfungspotentiale zu heben. Denn die Digitalisierung, so sagen viele, hat eigentlich gerade erst begonnen.

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