Dienstag, 13. Oktober 2015

Silicon-Valley-Mania: Wer was auf sich hält, muss da hin

Soeben lese ich im Kress Report, dass die Geschäftsführerin von Spiegel Online, Katharina Borchert, den Spiegel verlässt, "um ins Silicon Valley zu wechseln". Wow! Supersache. Aber was macht sie dort? Und nicht nur sie - die gesamte Axel-Springer-Führungsriege hat sich dort in den letzten Jahren die Hand gereicht, seit BILD-Chefredakteur Kai Diekmann sich dort 2012/2013 ein Jahr lang einen Rauschebart wachsen liess. Christoph Keese, Cheflobbyist des Verlags, hat sich sogar zu einem Buch inspirieren lassen.
Was können unser Verlage dort lernen, obwohl es in ganz Europa Nachahmer gibt, die weniger aufwändig zu besuchen wären? Zum Beispiel Sofia Antipolis in der Nähe von Nizza. Auch die Region um Frankfurt, Darmstadt, Mannheim, Karlsruhe und Heidelberg bezeichnet sich laut Wikipedia als Silicon Valley Europas "da sich in der Region der größte Software-Cluster Europas gebildet hat". Kein Witz. Die Region hat zwar viele erfolgreiche Unternehmen, ist selbst aber keine bekannte Marke.

Warum also Kalifornien? Im Silicon Valley südlich von San Francisco sitzen 7000 Firmen mit 500.000 Beschäftigten rund um die Ivy University Stanford, darunter Apple, Google, Facebook, Yahoo oder Tesla. Dazu zahlreiche weitere Hochschulen und Universitäten. Und vor allem eine Unzahl von Investoren auf der ständigen Suche nach neuen Startups und Ventures. Berühmt sind Seed-Investoren wie Sequoia Capital in Menlo Park. Die Liste erfolgreicher Investments ist bei diesem Geldgeber unglaublich lang: Siehe hier. Von Apple über Paypal bis hin zu Linkedin - über all war Sequoia mit dabei.  Mich wundert nur, dass das jetzt erst wieder bemerkt wird. CAPITAL hatte schon in den 90iger Jahren einen Korrespondenten im Silicon Valley, der die Gründer der Großen reihenweise interviewte. Heute berichten kompetente Journalisten wie Matthias Hohensee (Wirtschaftswoche) oder Thomas Schulz (Spiegel) aus dem Silicon Valley.

Was ist dort anders als in Deutschland? Obwohl auch hierzulande die Startups überall aus dem Boden schießen, ist es immer noch schwer, Geld zu mobilisieren. Staatliche Förderung, Kredite und Gründerkongresse sind eben noch nicht alles. Privaten Kapitalgebern fehlt es hier am Spirit und an der Lust, Neues zu wagen, weil es zuwenig Company Builder (wie zum Beispiel Foundfair in Berlin) gibt, die Ventures professionell begleiten,weiter entwickeln und marktreif machen. Investoren gibt es zuhauf, aber sie alle tun sich schwer, gute Investments zu finden - sagen sie jedenfalls. Oder sind sie vielleicht einfach zu risikoscheu? Geld ist ja genug da, aber das Problem liegt wohl darin, dass es bislang zu wenige Startups geschafft haben, sich börsenreif zu entwickeln, was wiederum am chronischen Geldmangel liegt.
Ich weiß nicht, was die Springer-Leute aus Kalifornien mitgebracht haben. Auf ihrer Website kann man sich ansehen, warum sie alle dorthin gepilgert sind. Das Video "Reise nach Silicon Valley" beginnt mit den Topmanagern Jens Müffelmann und Ulrich Schmitz, die sich ein Doppelbett teilen, im Schlafanzug. Und später spricht Matthias Döpfner über das "German Spießertum". Dazwischen Reisen, Vorträge und eifriges Mitschreiben. Naja. Sicherlich viele Ideen, viele Kontakte und vielleicht auch Akquisitionen. Aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die verschworenen Netzwerke im Silicon Valley auf die deutschen Handlungsreisenden mit ihrer üblichen Freundlichkeit, aber letztlich auch mit Desinteresse reagieren. Deutschland ist eben weit weg.
Das ist wie mit Hollywood. Dort nehmen die Filmemacher nur sich selbst wichtig, deutsche Filmproduktionen sind für sie zu klein und uninteressant, abgesehen von Wolfgang Petersen ("Das Boot", Outbreak" oder "Perfect storm"). Und der wohnt inzwischen auch in Santa Monica, Kalifornien.