Freitag, 2. Oktober 2015

Konzerne und der Druck von oben

Rund um den VW-Skandal sollte man einen Aspekt näher beleuchten, denn er betrifft viele große Unternehmen: Welche fatale Folgen eine Unternehmenskultur haben kann, in der Leistungen durch Druck von oben angetrieben werden (sollen).
Ich erinnere mich an die - eigentlich unglaubliche - Aussage eines Gruner+Jahr-Vorstandes mir gegenüber: "Die Leute müssen Angst vor mir haben". Zugegeben, das ist Unternehmenskultur von gestern, aber eben genau darum geht es, denn diese längst überkommene Kultur ist unausgesprochen immer noch in vielen Konzernen zu finden.
Ich stelle es mir so vor:
"Wir müssen endlich unsere schwachen Verkäufe in den USA voranbringen und vor allem den Diesel für PKW durchsetzen. Termin für den neuen Diesel ist XYZ. Sorgt dafür, dass bis dahin alle Voraussetzungen geschaffen werden. Egal wie. Just do it."
Da wird niemand eine Manipulationsanweisung gegeben haben, ist auch gar nicht nötig. Die Zuständigen, wissen: Es steht viel für sie auf dem Spiel, denn andere Konkurrenten sind schon weiter. Bis hin zum Jobverlust. Da lässt man sich halt was einfallen.
Kann man sich eine solche Anweisung bei Google, Facebook oder Apple vorstellen? Wohl kaum. Ich erinnere mich an ein Forbes-Interview mit Steve Jobs. Er wurde gefragt, wieso er das erste Iphone kurz vor dem Launch gestoppt hat und ein völlig neues Iphone entwickelt hat. "I just did´nt like it." Steve Jobs konnte das mit seinem untrüglichen Instinct für "touch and feel". Der VW Vorstand hätte den Reset-Bottom drücken und das kommunizieren müssen, statt mit Druck den angepeilten Termin durchzupeitschen.
So macht man das in der modernen Unternehmenskultur. Es setzt allerdings voraus, dass auch Vorstände über technisches Detailwissen verfügen, was insbesondere für die Digitalisierung der Industrie-und vor allem der Bankenwelt gilt. "Macht mal" - reicht nicht, erst recht nicht in Verbindung mit Termindruck. Ingenieure lässt man nicht allein mit ihren Problemen. Sie müssen motiviert werden, indem die Oberen ihre Technikprobleme verstehen und helfen, diese zu lösen. Erst recht gilt das die Lust, neue Wege zu gehen, Neues zu entdecken und zu erfinden.
Und so ist es mit der ganzen Digitalisierung. Da werden Milliarden investiert. Und über dieses Geld entscheiden dann Leute, die Technologien nicht verstehen, aber Druck machen. Bestes Beispiel: Die Bankenwelt: Sie kommt mit der Geschwindigkeit der Digitalisierung nicht mit, weil die meisten Bankvorstände keine Ahnung von dieser Welt haben, aber Druck machen. Die Umsetzung wird dann mächtigen IT-Verantwortlichen überlassen, die den Daumen rauf oder runter halten, ganz nach Belieben. In der digitalen Welt gewinnt der schnellste, der zugleich die einfachste und für den Kunden bequemste Lösung anbietet. Der digitale Konsument liebt Geschwindigkeit und Convenience, und deshalb sind Fintechs oft in der Lage, ihre Kunden besser als Banken zu bedienen.
Wer seine Innovationen beschleunigen will, der muss den Kunden UND die technologischen Parameter verstehen. Fidor Bank Chef Matthias Kröner brachte es kürzlich auf den Punkt: "Die Amerikaner fragen: Was kann ich damit machen? Die Deutschen fragen: Brauche ich das?"
Die Neugier ist der Unterschied in der Innovationskultur beider Länder. Neugier begeistert, Druck frustriert. Neugier motiviert mehr als das frustrierende "Brauch ich das?"
Natürlich ist Letzteres am Ende sehr wichtig, vielleicht sogar entscheidend, aber  die Frage ist, was steht am Anfang? Die Lust, neues zu entdecken oder die Angst, unwillkommene Ideen vorzutragen?