Freitag, 16. Oktober 2015

3 Chefredakteure und der Qualitätsjournalismus: "80 Prozent der Erlöse kommen immer noch aus Print".

Am 14.10. war ich zu Gast beim "Handelsblatt Terrassengespräch". Dunja Hayali moderierte eine Diskussion zum Thema Qualitätsjournalismus. Diskutanten waren drei Chefredakteure der Handelsblattgruppe: Miriam Meckel, Sven Afhüppe (Handelsblatt) und Giovanni di Lorenzo (ZEIT).

Es war eine erhellende, zum Teil auch selbstkritische Diskussion. Zum Beispiel darüber, wie die Medien dazu neigen, einzelne Personen hochzuschreiben, um sie anschließend zu vernichten ("selbst wenn sie schon am Boden liegen"(Di Lorenzo). Martin Winterkorn etwa, Rainer Brüderle, Christian Wulff. Zur Sprache kam auch der aberwitzige Versuch auch Ursula von der Leyen vom Thron zu ziehen, weil sie angeblich ihren Aufenthalt in Stanford nicht korrekt angegeben hat. Bekanntlich korrigierte Stanford die publizierten Angaben.

Was ist Qualitätsjournalismus? Für Miriam Meckel ist dieser Begriff eine Tautologie: Journalismus müsse per se Qualität bieten. Richtig ist aber, dass das Ansehen des Berufes Journalist weiter sinkt, siehe hier (Quelle: Meedia). Nur 26% vertrauen diesem Berufsstand.
Warum eigentlich? Di Lorenzo sieht dafür drei Gründe: Das generelle Misstrauen gegen Eliten, die Selbstadressierung des Journalismus (Journalisten schreiben für Journalisten) und nicht zuletzt die "Hetzjagd" auf Menschen die Fehler gemacht haben. Einen "Mangel an Fairness" konstatiert auch Afhüppe, der das Handelsblatt ab Januar alleine führen wird. Di Lorenzo glaubt, dass die Toleranz der Leser gegenüber anderen Meinungen abgenommen habe. Aufsehen erregend seine Offenheit zum Thema Digitalisierung: „Wir dürfen uns nicht die Tasche lügen: Es gibt noch kein Geschäftsmodell jenseits von Print, um unser Angebot zu refinanzieren.“ Seine "ZEIT" gehört zu den stabilsten Print-Medien der letzten Jahre. Di Lorenzo erinnerte daran: "80 Prozent unserer Erlöse stammen aus Print". Da fragt man sich, warum alles in der Branche nur noch über Digitalisierung redet. Die Gegenüberstellung von Print und Digital geht auch Miriam Meckel "auf die Nerven".

Di Lorenzo berichtete über ein Schlüsselerlebnis: Eine Leserin der Zeit wurde nach den Gründen für ihre Abo-Kündigung gefragt. Zuerst sagte sie, die Texte gefielen ihr durchaus, die Bilder und das Layout auch - aber weswegen hat sie dann gekündigt? Die verblüffende Antwort: "Wissen Sie, ich habe mich verändert".

Ja, das ist wohl der wichtigste Ansatzpunkt für Medienmacher: Die Menschen lesen anders als früher, weil sie sich verändert haben. Print kann seine Leser finden, muss sich aber an den Lesern orientieren und nicht an anderen Journalisten. Das ist übrigens nichts Neues. Ich erinnere mich an meine Berliner Zeit, als ich für die Berliner Morgenpost im Rathaus Schöneberg Parlamentsberichterstatter war. Da freute sich ein Morgenpost-Kollege immer dann am meisten, wenn der Tagesspiegel am nächsten Tag den gleichen Aufmacher hatte wie er. Es gibt zu viele Journalisten, die heute immer noch so denken. Ihnen ist es wichtiger, auf der gleichen Welle mitzureiten, als kritisch zu hinterfragen, was wirklich passiert ist und es fair einzuordnen. Die Informationsmasse des Internet braucht Journalisten, die filtern und einordnen und dabei unbestechlich sind, aber auch fair (kein Journalist hat den Abgasskandal bei VW aufgedeckt, obwohl gerade die Motorjournalisten das letzte Schräubchen in Autos zu kennen vorgeben und allzu hautnah mit der Autoindustrie verbandelt sind). Wir brauchen Journalisten, die wählerisch bei ihren Themen sind und Haltung zeigen. Die ihr Fähnlein nicht täglich nach dem Wind ausrichten. Denen es nicht um Preise und Karriere geht, sondern um sorgfältigen Umgang mit Informationen. Dafür braucht man übrigens keine Investigativ-Teams. Investigativ muss jeder Journalist sein. Das lateinische "investigare" bedeutet "aufspüren, genauestens untersuchen".