Sonntag, 13. September 2015

Warum Blendle nicht funktionieren wird

Einen Versuch ist es natürlich wert: Die Vermarktung einzelner Artikel nach dem Itunes-Prinzip. Das holländische Unternehmen Blendle (hier klicken und den informativen Bericht des Tagesspeiegel lesen) hat es geschafft, namhafte deutsche Verlage für dieses Konzept zu gewinnen. In Holland gibt es bereits 400.000 Nutzer und jetzt soll es auch in Deutschland losgehen: Mit 47 Zeitungen und Zeitschriften, darunter Süddeutsche Zeitung, BILD-Zeitung, Zeitschriften von Gruner+Jahr wie Brigitte, 11 Freunde und Neon sowie diverse lokale Zeitungen, darunter dem Berliner Tagesspiegel der Holtzbrinck-Gruppe.  Wenn sich die New York Times und der Axel-Springer-Verlag beteiligen, ist zumindest die Neugier groß. Ein paar Millionen lassen sich auch als Fehlschlag leicht verkraften. Konkurrent Pocketstory verkauft ebenfalls Einzelartikel und arbeitet nach eigenen Angaben bereits mit 50 Medienmarken zusammen. 
Die gute Nachricht: Ich glaube nicht, dass diese Startups in Deutschland funktionieren werden, schon gar nicht im Vergleich zu Itunes. Die schlechte Nachricht: Wenn sie funktionieren, haben sie katastrophale Folgen für die Medienmarken. Hier meine Meinung:
  1. Alle bisherigen Versuche der Verlage, für einzelne Artikel Geld zu verlangen, haben höchstens zu einzelnen Achtungserfolgen, aber nicht zum Durchbruch geführt. Was zu funktionieren scheint, sind Flatrates mit niedrigen Pauschalbeträgen. Aber auch hier kommen die Verlage nur mühsam voran. Blendle wird am Anfang einen Neugierde-Erfolg erzielen und sich nach und in der Vielzahl seines "Online-Kioskes" verlieren.
  2. Die These, dass hier "zusätzliche Erlöse" generiert werden, ist kühn. Denn solange viele Artikel zugleich in den Online-Ablegern kostenlos gelesen werden können, lohnt sich der Kauf des Artikels nicht. Und das wird sich kaum vermeiden lassen, weil sich die Online-Ausgaben angesichts knapper journalistischer Kapazitäten ihre Inhalte nur ungern nehmen lassen werden.Sollen ausgerechnet die besten Geschichten exklusiv zu Blendle? 
  3. Die meisten Medien-Marken haben ihre eigenen Leserschaften. Blendle überlässt diese Leser allen beteiligten Medienmarken, ja fordert sie geradezu auf, die Medien zu wechseln.
  4. Ein umfassendes Angebot aus so vielen Medienmarken erschlägt den Leser. Die Auswahl, die Blendle trifft  (und auf der Startseite empfiehlt) macht letztlich dieses Startup zum journalistischen Hohepriester. Ich will mir nicht empfehlen lassen, welche Artikel ich lesen soll, jedenfalls nicht von meinem Kiosk. Es gehört gerade zu den schönen Seiten des Lesens, gute Artikel in den Medien zu entdecken, denen ich vertraue.
  5. Der direkte Kontakt zum Leser geht verloren
  6. Wettbewerb ist ja immer gut, auch im Journalismus. Die Konsequenzen sollte man dann aber auch beim Namen nennen: Es wird sich ein Ranking der meistverkauften Artikel herausbilden, insgesamt, aber auch innerhalb eines Mediums. Minderheiten-Journalismus fällt dabei hinten runter, es zählt, was verkauft. Das ist etwas anderes als hohe Klickraten, denen der Online-Journalismus auch heute schon gnadenlos ausgesetzt ist. Qualität wird dann wie bei ganz normalen Produkten am Verkauf gemessen, der einzelne Artikel ist künftig das Produkt und nicht mehr die Medienmarke als Paket. Da wird sich die Geschichte mit einer reißerischen Überschrift oder mit Erotik besser verkaufen als die brillante Flüchtlingsreportage.
  7. Die "Geld-zurück-Garantie" bei Unzufriedenheit ist ein Witz. Nehmen wir doch eine kritische Geschichte gegen den Streik der Lufthansa-Piloten. Wäre ich Pilot, würde ich nach dem Lesen mein Geld zurückfordern. Wäre sie schlecht geschrieben, vielleicht auch. Oder ein anderes Beispiel: Eine Geschichte, die zur Hilfe für Griechenland aufruft, würde eine Empörungswelle auslösen(habe ich selbst erlebt), bei der alle Gegner einer Hilfe für Griechenland ihr Geld zurückfordern würden. 
  8. Die unterschiedlichen, vom jeweiligen Verlag festgesetzten Preise führen schnell zu Fragen. Verlagsmanager, nicht die Journalisten setzen täglich Preise fest, die Nutzer müssen sich permanent überlegen ob der Beitrag den entsprechenden Wert hat. Die Einheitspreise von Itunes oder Flatrates wie der "Digitalpass" des Handelsblattes sind das bessere Konzept.
FAZIT: Blendle hat die großen deutschen Verlage trotz dieser Bedenken zum Mitmachen gewonnen. Wenn es, wie ich glaube, nicht funktioniert, werden zumindest alle dem gleichen Irrtum ausgesetzt sein, und niemand braucht deshalb im Verlagsmanagement Sorge um seinen Job zu haben.