Mittwoch, 9. September 2015

Aufbruchstimmung bei Gruner + Jahr



Das war einmal ein erfreulicher und informativer Abend. Offen wie selten diskutierten Julia Jäkel und Gabor Steingart unter fachkundiger Moderation von Götz Hamann (ZEIT) über Print und Digitalisierung. Trotz der abendlich Septemberkälte wurde bei diesem "Terrassengespräch" deutlich, dass Julia Jäkel heiß auf die Zukunft ist. Sie vermittelte glaubwürdig eine Aufbruchstimmung bei Gruner und Jahr, die hoffen lässt. Das neue Magazin "Barbara" (Chefredakteurin Barbara Schönberger) konnte schon vor dem Start über 50 Anzeigenseiten akquirieren: "Wir haben in den letzten 25 Jahren kein Beispiel für einen so erfolgreichen Prelaunch  gefunden", schwärmte sie, "wo ist da die Anzeigenkrise?"
Print und Digital könne man nicht trennen. Im Foodbereich habe man das erfolgreichste Portal in Europa, Der Bereich Living entwickle sich ebenfalls vielversprechend. Künftig werde man den Lesern durch eigene Portale auch die Möglichkeit geben, die gezeigten Produkte zu kaufen, Der Anteil digitale Umsätze wachse stetig, von 17% im vergangenen Jahr auf über 20% in diesem Jahr.
Auch die Internationalisierung hat Jäkel im Visier. Auch wenn man sich aus einigen Auslandsmärkten zurückgezogen hat, will man mit Medien wie "Beef" und anderen wieder ins Ausland. In Frankreich sei man ohnehin der erfolgreichste Verlag."Wir haben das Innere herauskehrt", erklärt Jäkel den Turnaround. Gruner+Jahr habe intelligente Leser, und die seien bereit für intelligente Inhalte auch gute Preise zu zahlen, etwa 6,90€ für ein neues Magazin. Mit "Brigitte Wir" soll jetzt die Frauengeneration 60+ angesprochen werden. Die Arbeitskultur hat sich geändert. Es gebe jetzt zum Beispiel Teams für neue Projekte, die sich aus Mitgliedern verschiedener Magazine zusammensetzen. "Leute, die früher nie miteinander gesprochen haben": Nach einigen schmerzhaften Schnitten ist jetzt wieder Wachstum angesagt. Wir wünschen viel Glück dabei!
Auch beim Handelsblatt tut sich Neues: Gabor Steingart kündigte eine Wirtschaftsmagazin für Frauen an, erstmal als Test. Sein Morning-Briefing hat sagenhafte 500.000 Abonnenten. Die englische Fassung erreicht auch schon 100.000. Das ist enorm. Der erfolgreiche "Digitalpass" mit allen Lesestoffen der Handelsblattinhalte kostet im Jahr nur halb soviel (300 €) wie die Print-Inhalte. "Und damit könnten wir überleben, wenn es jetzt mit einem Knall kein Papier mehr gäbe", so Steingart. Mit einer sogenannten 360-Grad Strategie bietet sich das Handelsblatt der Wirtschaft auch als Problemlöser für Kommunikationsaufgaben an: Sei es über das Corporate Publishing, sei es mit der Ausrichtung von Events und Sponsoring-Angeboten. 
Angesprochen auf das Thema Anzeigenvermarktung, zeigte sich Steingart eher wortkarg, wies ansonsten darauf hin, dass die Handelsblattgruppe nicht nur die eigenen digitalen Medien vermarktet, sondern auch die Portale anderer Verlage. Am erfolgreichsten war in diesem Jahr FAZ.net.
Alles in allem, hier präsentierten sich zwei moderne Leader, die mit ihrem journalistischen Background den richtigen Riecher haben. Die Redaktionen können stolz auf ihre Chefs sein.