Donnerstag, 13. August 2015

T-Online.de: das größte Online-Nachrichtenportal geht an einen Werbevermarkter


Diese Nachricht ist eine Sensation:  Der Werbevermarkter Ströer SE kauft Deutschlands mit Abstand erfolgreichstes Nachrichtenportal T-Online und gleich den drittgrößten Onlinevermarkter InteractiveMedia mit dazu. Und das für einen Spottpreis von 300 Millionen Euro, zahlbar mit eigenen Aktien.
Ströer war früher ein Plakatkleber und-vermarkter, heute ist es ein moderner Werbekonzern, der außerordentlich erfolgreich die Digitalisierung vorangetrieben und umgesetzt hat. "Die Ströer Gruppe ist einer der großen Anbieter für Out-of-Home- und Online-Werbung und bietet den werbungtreibenden Kunden individualisierte und voll integrierte Premium-Kommunikationslösungen an", so die Positionierung.
2016 erwartet das Unternehmen bereits einen Umsatz von 1 Mrd. €. T-Online seinerseits hat eine riesige Redaktion von etwa 120 Mitarbeitern aufgebaut und mittlerweile zum größten Nachrichtenportal entwickelt. Das ist bemerkenswert insofern, als sich hier erstmals ein deutsches Industrieunternehmen als Verleger versucht hat. (Wir erinnern uns, dass Amazon-Gründer Jeff Bezos in den USA die Washington Post gekauft hat, um sie digital erfolgreicher zu machen). T- Online erhält im Zuge neu auszugebender Aktien einen Anteil von 11 bis 13 Prozent. "Der konsolidierte Umsatz des Portalgeschäfts von t-online.de und des Online-Werbevermarkters InteractiveMedia wird 2015 mehr als 100 Millionen Euro betragen", heisst es in einer Pressemitteilung.

Im Februar berichtete Jens Schröder von Meedia:

"438,3 Mio. Visits erreichte T-Online im Januar – ein sagenhaftes Plus von 65,7 Mio. im Vergleich zum Dezember. Zum Vergleich: Nur 16 Angebote erreichten im Januar insgesamt mehr als 65,7 Mio. Visits – von einem solch großen Wachstum ganz zu schweigen. T-Online ist im Übrigen nach wie vor ein Negativbeispiel für IVW-Transparenz. Denn: Unter dem Dach von T-Online wird nicht nur T-Online.de mit gemessen, sondern auch Giganten wie Autoscout24 und Immobilienscout24, Seiten wie Videoload, Wetter.info, Erotic-Lounge.com und viele mehr."

Zu dem Deal kommentiert Ströer auf seiner Website:

Mit der Akquisition von Deutschlands führendem Internetportal t-online.de (laut AGOF) und Deutschlands TOP-3 Onlinevermarkter InteractiveMedia (laut AGOF) macht Ströer den entscheidenden Schritt zum digitalen Multi-Channel-Medienhaus. Damit erreicht das Unternehmen eine weitere, wesentliche Stufe im Rahmen seiner Digital-Strategie und generiert ein starkes Wachstumsmoment für die kommenden Quartale.

Wie muss man diesen Deal beurteilen? Dass deutsche Großverlage nicht zum Zuge gekommen sind - wenn sie überhaupt mitgeboten haben, hängt sicher damit zusammen, dass man recht große eigene Nachrichtenportale und auch eigene Vermarktungsfirmen hat. Aber für diesen Preis hätte sich ein Engagement allemal gelohnt - und sei es, um den Markt zu konsolidieren. Möglich aber auch, dass das vorab sicher eingeschaltete Kartellamt Einspruch signalisiert hat, wenn sich etwa Bild.de mit T-Online verschmolzen hätte. Es kommt hinzu, dass Nachrichten im Grunde ein homogenes Gut sind, das meist kostenlos zu haben ist. Nachrichtenportale brauchen riesige Klickzahlen, um überhaupt Gewinn zu machen. Werbung wird hier, wie man hört,  pro Banner seltener angeklickt als in Portalen mit spezifischen Informationen und demzufolge höheren Umwandlungsergebnissen.
Wie hoch der Anteil von T-Online.de am Umsatz von 100 Millionen ist , wird nicht publiziert, offensichtlich geniert man sich, diese Zahlen öffentlich zu nennen, weil sie noch nicht wirklich überzeugen. 
Mit dem Eigentümer Ströer erwächst den Verlagen jetzt jedenfalls eine weit härtere Konkurrenz. Ströer braucht nicht mehr Rücksicht auf Geschäfte der Telekom mit den Verlagen zu nehmen. Es hat sich jetzt mit einem Schlag eine durchschlagende Ergänzung seines Werbeangebots gesichert. Ich bin gespannt, wie ein solches Unternehmen mit der überraschten Redaktion umgeht.