Montag, 13. Juli 2015

Griechenland als Medienereignis

Griechenland hat die meisten Medien wochenlang in Atem gehalten. Der Unmut über Griechenland führte zu immer schärferen Tonlagen: Die gesamte konservative Medienwelt mit BILD, Welt, Focus, gestern das ZDF (Scharfmacher-Kommentar von Elmar Theveßen) und heute wieder die FAZ haben monatelang für den Grexit getrommelt. Mir hat diese einseitige Berichterstattung und Kommentierung überhaupt nicht gefallen. Es macht mich misstrauisch, wenn zuviele in das gleiche Horn blasen. (Der Kommentar von Theveßen gestern klang wie eine Verlautbarung von Schäuble und liest sich heute wie Schnee von gestern). Das Publikum war voller Zustimmung, selten hatten die Medien so den Nerv der Deutschen getroffen wie in dieser Frage. Wer dagegen argumentierte, musste sich in den Kommentaren als "vom andern Stern" beschimpfen lassen.
Aber was nun? Medial gesehen steht ein großer Teil der konservativen Medien nach der Einigung in Brüssel vor einem Scherbenhaufen. Die Politik hat richtig entschieden und den Grexit verhindert.
Die Ökonomisierung der Debatte, angeführt von Hans-Werner Sinn, hat vielen den politischen Blick verstellt. Der Euro ist eben nicht alles, aber ein Scheitern des Euro würde Europa destabilisieren. Europa als Ganzes ist deshalb das eigentliche Thema.
"Scheitert der Euro - scheitert Europa" - Angela Merkel konnte kein Interesse daran haben, Frankreich kurz vor dem Ziel vor den Kopf zu stoßen. Schäuble hat als Bad Guy seine Rolle gespielt, und es ist gut, dass sein Vorschlag eines
zeitweisen Grexits abgelehnt wurde. Denn jeder Grexit hätte den sich immer deutlicher abzeichnenden Graben zwischen europäischen Ländern vertieft und Europa gespalten. Sicher, die Einigung muss noch parlamentarisch bestätigt werden, aber das Interesse aller ist jetzt groß genug, die Krise endlich zu lösen. Das ist ein äußerst positives Signal. Jetzt hat Griechenland die Chance, verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen. Über Europa muss neu nachgedacht werden. Eine nochmalige Zerreissprobe dieser Art hält es nicht aus. Jetzt geht es darum, Europa bürgernäher zu gestalten, zu entbürokratisieren, den Mitgliedsländern und Regionen mehr Raum für eigene Entwicklung zu geben. Aber auch darum, die Ängste der Bürger ernst zu nehmen, die Flüchtlingsfrage menschenwürdig aber auch akzeptanzorientiert zu lösen. Es gibt viel zu tun.