Dienstag, 14. April 2015

Keiner mag die Reichen, aber jeder möchte reich sein

Ja, es gibt Reichtum in Deutschland, ja sogar "schwerreiche" Deutsche. Auf die Frage "wie wird man reich?" antwortete kürzlich der Vorstandsvorsitzende des größten deutschen Family Office, Thomas Rüschen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: "Wer reich werden will, muss Unternehmer werden." In der Tat: Die großen und größten Vermögen stammen weit überwiegend aus unternehmerischer Tätigkeit. Und damit sind weniger die gut verdienenden Manager großer Konzerne gemeint, sondern selbst haftende Familienunternehmer wie der Schraubenfabrikant Würth, die Einzelhändler Schwarz (Lidl) und Rossmann, die Aldi-Familie, der Gebäudereiniger Wisser oder der unbekannte Maschinenbauer aus dem Westfälischen.
Profi-Fußballspieler stecken ihr Geld in teure Autos und die Frauen an ihrer Seite, am Ende der Karriere bleibt meist nicht viel übrig. Von Lottogewinnern hört man auch nicht viel, die meisten verpulvern ihr plötzliches Vermögen recht schnell. Die Geissens präsentieren sich in RTL genauso, wie sich das Volk Reiche vorstellt: Protzig, dem Luxus verfallen und immer braun gebrannt. Aber die meisten Reichen entsprechen nicht diesen Mustern.
Familienunternehmer stecken - teils über Generationen hinweg - ihre Erträge in ihr Unternehmen. Sie sind ihren Mitarbeitern meist enger verbunden als Konzerne. Sie stellen eher ein und entlassen seltener. Sie stehen für Kontinuität. Sie protzen nicht, sondern sind eher bescheiden. Sie wollen nicht noch reicher werden, sondern das Vermögen erhalten, auch im Interesse der Firma, für die sie persönlich haften. In ihrem regionalen Umfeld sind Leute wie Rossmann durchaus angesehen. Im Verband der Familienunternehmen gibt die vorsitzende Unternehmerin Marie-Christine Ostermann ein gutes Bild ab. Sie schlägt sich wacker in jeder Talkshow.
Dennoch: Warum gönnen ihnen die meisten Deutschen den Reichtum nicht? Viele können sich nicht vorstellen, dass Reiche auf ehrliche Weise zu soviel Geld kommen. Ja, es gibt auch Menschen, die mit kriminellen Mitteln reich werden wollen. Aber das ist in Deutschland doch eher die Ausnahme. So etwas wie Oligarchen - Milliardären, bei denen man sich nicht vorstellen kann, wie sie in kurzer Zeit reich geworden sind - gibt es hier nicht.
Selbst ein typischer Neureicher wie Carsten Maschmeyer ist unternehmerisch reich geworden - durch Aufbau und Verkauf der Finanzberatung AWD. Man kann darüber streiten, wie er gerade in den Anfängen mit einem umstrittenen Strukturvertrieb Geld verdient hat. Aber er hat das Unternehmen immer weiter verbessert und sein Geld auf legale Weise verdient. Wenn man sich die Karrieren der Samwer-Brüder und anderer Internet-Unternehmer ansieht, dann ist klar, dass vielen Startup-Unternehmern das ganz große Geld vorschwebt. Sie wollen reich werden, und manche schaffen es auch. Keiner mag die Reichen, aber jeder möchte reich sein.
Die Liste der Reichen im Manager Magazin bringt manchen auf dumme Gedanken. Kein einziger Reicher auf dieser Liste wird die Zahlen dementieren oder korrigieren, weder nach oben noch nach unten. Das macht es so einfach, solche Listen unangefochten zu veröffentlichen. Die Methoden der Ermittlung sind fragwürdig, denn die meisten Reichen sind eben nicht an der Börse.
Die meisten Menschen mit großen Vermögen haben Stiftungen gegründet, wo ein Teil ihres Vermögens für gemeinnützige Zwecke eingebracht wird.
Was wäre Deutschland ohne seine Reichen, seine Mäzene, seine Unternehmer, seine Weltmarktführer? Was wäre BMW ohne die Quandts, Volkswagen ohne die Porsches und Oetker ohne die Oetkers? Vermögende Familien sind ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft, ja unserer Kultur. Solange sie ihren Verpflichtungen nachkommen, ihre Steuern zahlen und nicht mit ihrem Reichtum protzen, sollten sie uns willkommen sein. Mir sind sie hier lieber als in St. Tropez oder auf den Bahamas.