Mittwoch, 25. Februar 2015

Die neue Wirtschaftswoche unter Miriam Meckel

Als Abonnent und ehemaliger Wiwo-Mann verfolge ich die Wirtschaftswoche schon immer mit großem Interesse. Besonders spannend ist der Übergang der Chefredaktion von Roland Tichy zu Miriam Meckel, die bislang recht zurückhaltend auftrat. Ihre Wikipedia-Beschreibung ist ziemlich beeindruckend. Mir sind Kommunikations-Professoren immer etwas suspekt, aber Miriam Meckel hat einen echten Titel als Universitäts-Professorin und wirklich praktische Erfahrung: Im Journalismus, in der Unternehmenskommunikation, in der Forschung. Soviel Erfahrung, dass sie irgendwann zusammenklappte und das Buch "Brief an mein Leben" schrieb, in dem sie ihre Burnout-Erfahrung schildert.
Nun hat sie im letzten Spiegel ein Interview gegeben, in dem Sie ankündigt, Tichy´s eurokritischen Kurs zu verlassen. Roland Tichy, inzwischen Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung hat sich damit zwar als bekannte Marke positioniert (in "Tichy´s Einblick" geht es damit munter weiter), aber Meckel hat schon Recht: Die gesamte deutsche Industrie denkt anders.  Da fällt es schwer, Tichys Kurs durchzuhalten.
Spannend ist, dass Miriam Meckel mit ihrer Erfahrung für qualifizierte Inhalte stehen möchte. Eine Herausforderung! Denn die Wirtschaftswoche ist im Vergleich zu Spiegel und Manager Magazin nie den Ruf des etwas Oberflächlichen losgeworden. Wie kann man das verbessern? Im Zeitalter der digitalen Verlagshektik ist es gut, wenn wieder die Frage nach den Inhalten gestellt wird. Vielleicht muss man nicht jeden digitalen Einfall mitmachen, vielleicht ist es wichtiger, das Medium wieder relevant zu machen?
Ein Problem ist: Miriam Meckel lebt  in Berlin und St. Gallen, da wird sie als Chefredakteurin nur eine begrenzte Präsenz zeigen können, wenn sie ein neues Burnout vermeiden will.
Mein erster Eindruck von ihrer Präsenz ist: Ihre Kolumnen sprühen bislang nicht vor Spannung. Alles sehr ernst und abgewogen geschrieben, kein Lesespass, sehr technokratisch - wie zum Beispiel Meckels aktueller Kommentar zur Bedrohung der Autoindustrie durch Apple und Google. Der übersieht übrigens, dass deutsche Autos gerade deswegen so erfolgreich sind, weil sie immer intelligenter werden. So groß ist die amerikanische Bedrohung nun wirklich nicht. Der Chef des Kaiserslauterner Fraunhofer Instituts IESE, das unter der Überschrift "Safe and secure" gemeinsam mit der Autoindustrie Softwarelösungen ermittelt, sagte mir kürzlich: "Verglichen mit der Intelligenz in deutschen Autos produzieren die Amerikaner alte Blechkisten."(Professor Peter Liggesmeyer). Da wirkt der Kasten mit einer Wiwo-Beurteilung der digitalen Präsenz unserer Autounternehmen nicht besonders kenntnisreich. Mal im Ernst: Wie will man auf einer halben Seite beurteilen, "wie gut wichtige Autokonzerne auf Apple, Google & Co vorbereitet sind?"
Richtig finde ich, dass Miriam Meckel digitale Themen stärker covern will. Das erfährt man in der aktuellen Ausgabe an vielen Stellen.  In den meisten Wirtschaftsmedien ist das Thema "Digitalisierung" bei den Spezialisten gelandet. Tatsächlich betrifft es aber alle Branchen und müsste entsprechend auch von allen Wirtschaftsjournalisten beherrscht werden.
Ganz witzig das Präsentation-Video der aktuellen Ausgabe im QR-Code: Die Chefredakteurin fragt, ob Benko der "dritte falsche Mann für Karstadt" ist und empfiehlt die Geschichte von der Bedrohung der deutschen Autoindustrie durch Apple. Aber dieses Video sieht aus, wie ein Selfie aus dem Kloster. Da kann man mehr draus machen. Die Autogeschichte, an der ein großes Team mitgearbeitet hat, ist in jedem Fall lesenswert, auch wenn ich die Bedrohung überhaupt nicht sehe.
Nun zu der Titelgeschichte "Der talentierte Mr. Benko"- Benko steht zusammen mit Middelhoff und Berggrün auf dem Titelbild. Soll signalisieren: "Karstadt als Beute kaltblütiger Finanzinvestoren. " Eine investigative Geschichte, cool. Gutes Thema, fand ich. Bekannte Leute, große Marke und bemitleidenswerte Belegschaft. Erwartung hoch, doch Ergebnis enttäuschend:
Die Geschichte leidet darunter, dass die Autorin Melanie Bergermann (Frankfurter Büro der Wiwo) eigentlich nichts aufdecken konnte. Sie schrieb die Geschichte nach dem Motto: Irgendwas kann mit dem doch nicht stimmen, wenn der so ein Firmengeflecht zusammengeschustert hat, in dem sich die Firmen gegenseitig Geld leihen und Immobilien zwischen den Firmen hin und herwandern. Mag ja sein, vielleicht fliegt Herrn Benko sein Imperium irgendwann auseinander, aber in dieser Ausgabe konnte die Wiwo ihm nichts Illegales belegen. Stattdessen lamentierte die Autorin gleich am Anfang dass Herr Benke einen "Katalog von 54 Fragen" nicht beantworten wollte. Das macht man in der Regel, um sich gegenüber der Redaktion zu rechtfertigen, und was sagt uns das? Dass es viele unbeantwortete Fragen gab. Und dass eine Geschichte dann ziemlich unfertig ist.
Bei solchen Themen ist die aktive Unterstützung von Chefredakteuren gefragt: Man muss ein Team bilden, um den ersten Spuren nachzugehen. Man muss weiter Fakten sammeln und die Recherchen ausdehnen. Wenn Benke nichts sagen will, muss man andere finden, die etwas sagen. Und die Geschichte darf erst gebracht werden, wenn sie wirklich "rund ist". Ich weiß nicht, ob und wie sich Miriam Meckel mit dieser - glaube ich - ersten investigativen Gechichte seit ihrem Amtsantritt beschäftigt hat. Vielleicht hat der Justititar manches rausgenommen. Aber im Ergebnis war das eine verschenkte, ziemlich dünne Geschichte, die so gar nicht zum Ruf von Frau Meckel passt. Immerhin hat sie eines bei mir schon erreicht Ich bin gespannt auf die nächsten Hefte.