Sonntag, 25. Januar 2015

Griechenland-Wahl: Alles halb so wild. Wenn der Euro "weich wie Joghurt" wird, ist er verdaulicher - für alle.

Die Griechenlandwahlen werden hierzulande dramatisiert, also ob der Untergang des Abendlandes bevorsteht. Ich sehe das alles entspannter. Denn den Griechen muss geholfen werden, egal wer regiert. Hierzu einige Gedanken.

Mein lieber Kollege Roland Tichy hat heute in seiner unnachahmlichen, zugespitzten Art eine neue Kolumne in der BILD am Sonntag veröffentlicht. Die BamS erreicht 8,8 Millionen Leserinnen und Leser - was für ein Forum! Dazu kann ich ihn nur beglückwünschen. Ich bin sicher dass viele Leser seine These zustimmend aufsaugen: " Der Euro wird weich wie ein Joghurt". Peter Gauweiler und Olaf Henkel werden sicher Beifall klatschen.

Joghurt klingt griechisch, ein einleuchtendes Bild - auf den ersten Blick. Joghurt ist allerdings auch ein ziemlich gesundes Lebensmittel, das insbesondere die Verdauung fördert. Ich übersetze mal ganz frei: Wenn der Euro "weich wie ein Joghurt" wird, lässt er sich besser verdauen. Und da sind wir ökonomisch beim Gegenteil dessen was Tichy fürchtet.

Die allgemeine mediale Kommentierung der jüngsten EZB-Entscheidung wirkt auf mich ziemlich bizarr: Deutschlands Wirtschaftsjournalisten, gewöhnt an die monetaristische Grundhaltung der Bundesbank - sind offenbar ratlos. Da ist die Rede von einem drohenden "Währungskrieg" und "Abwertungswettlauf". Da ist der Euro schon halb zerbrochen und der deutsche Steuerzahler muss angeblich alles zahlen,was die Griechen anzetteln. Niemand hat auf die Deutschen und ihre Bundesbank gehört, die doch seit Jahren vor Anleihekäufen und den damit angeblich verbundenen Inflationsgefahren warnen. Manches ist richtig, manches halbfalsch, aber alles wird dramatisiert. Typischer Fall von Ratlosigkeit. Wenn man ratlos ist, ist eben die Furcht größer als die Hoffnung. Aber ist diese Schwarzmalerei berechtigt? Ich halte es mit dem früheren Leiter des HWWA-Institutes in Hamburg, Professor Straubhaar: “In der EZB sitzen doch keine Idioten“.

Zunächst einmal: Sowohl die USA als auch Japan haben in ähnlicher Größenordnung Staatsanleihen gekauft und es folgte keine Inflation. Japan ist nicht zusammengebrochen und In den USA konnten die Finanzmärkte stabilisiert werden, es gab keine explodierende Inflation, stattdessen mehr Arbeitsplätze - und heute steht der Dollar glänzend da. Eigentlich müsste er nach dieser Aktion ganz weich geworden sein, richtig? Ist er aber nicht.

Auch im Dollarraum gibt es ganz unterschiedlich starke Wirtschaften. Es gibt arme Schluckspechte unter den Bundesstaaten und reiche Regionen. Der Dollar repräsentiert den Durchschnitt.

Mit dem Euro ist es ähnlich, nur will das in Deutschland keiner glauben. Es war doch klar, dass ein gemeinsamer Euro nicht genauso stark wie die D-Mark sein konnte. Aber was ist schlimm daran? Der Euro lag schon einmal unter der Dollar-Parität. Er war also schon mal „weicher“. Danach ging es mit dem Binnenmarkt aufwärts: Der bekam mit dem Euro einen unglaublichen Wachstumsschub, und es waren die Deutschen, die davon ganz besonders profitiert haben. Denn ihr Export geht zum maßgeblichen Anteil nach Europa. Von 1093 Mrd. Export 2013 gingen 2013 etwa 624 Mrd. in die EU, darunter 402 Mrd. in die Eurozone. Unsere Nachbarländer nahmen die von uns viel kritisierten Schulden auf, um unsere Exportindustrie zu bezahlen. U-Boote nach Griechenland, Autos nach Italien, Maschinen nach Spanien. Alles vom Feinsten made in Germany.

Wir haben in diesen Ländern mit deren staatlichen Subventionen Fabriken gebaut, die Arbeitsplätze geschaffen, die Produktion unserer Autos wettbewerbsfähiger und die Kassen deutscher Konzerne voller gemacht. Mehr noch. Die wirtschaftliche Vormachtstellung der Deutschen führte dazu, dass das Kapital sich aus den kriselnden Ländern in deutsche Bundesanleihen rettete und damit für immer niedrigere Zinsen in Deutschland sorgte. Unser Finanzminister konnte sein Glück kaum fassen: Bundesanleihen mit höheren Zinsen wurden laufend durch immer niedriger verzinsliche Anleihen ersetzt und führten zu Einsparung in einer Größenordnung von mindestens 60, wahrscheinlich sogar über 100 Milliarden Euro. So konnten die Deutschen vermelden, 2014 erstmals ohne bundesstaatliche Neuverschuldung auszukommen. Das alles lag nicht am eisernen Sparkurs der Deutschen, auch nicht an drastischen „Reformen“ wie Lohn- ode Rentenkürzungen oder an Kürzungen von Sozialleistungen, wie es die Troika von Griechenland verlangt. Es lag an der starken deutschen Wirtschaft, die einen Teil des Euro repräsentiert, aber eben nur einen Teil. Es gehören auch schwache Länder dazu, Länder mit ganz anderen Infrastrukturen, lahmender Wirtschaft und unglaublich hoher Jugendarbeitslosigkeit.

Diese Länder können einen zu starken Euro nicht verdauen, er sorgt dafür, dass ihre Produktion gegenüber Drittländern nicht wettbewerbsfähig ist. Die - sicherlich begrenzte - Abwertung des Euro sorgt dafür, dass diese Länder wieder wettbewerbsfähig werden und ihre Menschen wieder in Lohn und Brot bringen können. Bei einem Austritt aus dem Euro entfiele der stabile Rahmen, den die gemeinsame Währung letztlich allen Teilnehmern auf den internationalen Finanzmärkten gibt. Der Euro muss ein Gleichgewicht finden zwischen starken und schwachen Wirtschaften im Binnenmarkt. Das muss Deutschland aushalten können. Wir haben schließlich auch einen Finanzausgleich zwischen armen und reichen Bundesländern. „Bestrafungsaktionen“ haben wir mangels Durchsetzungsfähigkeit nie verlangt. Oder käme jemand ernsthaft auf den Gedanken, Berlin für das Flughafen-Desaster zu bestrafen, etwa so: Berlin muss 25% seines öffentlichen Dienstes entlassen, damit es seine Schulden bezahlen kann?

Und wir haben nach der Wiedervereinigung unvorstellbare Summen in die neuen Bundesländer investiert. Starke helfen den Schwachen, das Prinzip muss auch für Europa gelten. Wenn der Euro „weich wie Joghurt" wird, ist er für alle verdaulich. Dass dazu auch Reformen gehören müssen, hat übrigens auch EZB-Chef Mario Draghi bei der Vorstellung seines Anleihekaufprogramme ausdrücklich betont. Es geht drum, Europa und den Binnenmarkt als einen gemeinsamen Markt zusammenzuhalten. Wer einzelne Länder herausprügeln will, spaltet diese große Idee. Denn Europa ist mehr als ein bilanztechnisches Institut. Europa ist ein politischer Raum, dessen Hauptziel die Sicherung des Friedens in einem lebendigen Wirtschaftsraum unterschiedlicher Ausprägungen und Kulturen ist.