Montag, 1. Dezember 2014

Wer wird am meisten zitiert? Über einen irrigen Journalistenglauben

Es gibt Firmen wie den Media Tenor, die vom Zählen leben. Sie zählen, wie oft die Wirtschaftswoche, das Handelsblatt oder die BILD-Zeitung zitiert werden, und die zitierten Blätter schmücken sich dann mit den Ergebnissen: Der Spiegel freut, sich im Fünf-Jahres-Vergleich vor "BILD" zu liegen, der Tagesspiegel jubelt darüber, unter den "Top Ten der meistzitierten Medien" zu sein und die Rheinische Post genießt den "7.Platz unter den meistzitierten Tageszeitungen."
Das klingt alles recht beeindruckend, und das war es auch einmal, als das Internet noch keine große Rolle spielte.
Was Journalisten als Bestätigung ihrer Arbeit sehen, ist in Wahrheit heute schädlich für ihr Blatt. Es nimmt nämlich einen entscheidenden Kaufanreiz. Wenn ich den "Spiegel" in die Hand nehme, möchte ich überrascht werden. Stattdessen lese ich die wichtigsten Geschichten als Agenturmeldung schon vor dem Erscheinen in anderen Medien. Warum soll ich mir dann noch den Spiegel kaufen? Weil dort alles ausführlicher drin steht? Brauche ich nicht, weil alle Spiegel-Meldungen von anderen Medien aufgegriffen und oft mit eigenen Recherchen angereichert werden. Wenn der Spiegel dann erscheint, wirkt die Geschichte bereits alt.
Aber nicht nur das. Ein Verlag hat kürzlich intern geprüft ob die vielen Zitate in einer Regionalzeitung" den Verkauf seines Magazins vor Ort gefördert haben. Das Ergebnis war: Gleich Null.
Nun verbleibt noch das Argument der Reputation. Dafür haben viele Chefredaktionen ja nun "Investigativ-Teams" gebildet, die helfen sollen, meist zitiert zu werden.
Wer in aller Munde ist, sollte man ja meinen, der hat ein hohes Ansehen und ein hohes Ansehen ist gut fürs Geschäft. Aber wenn dem so wäre, müsste ich keine Zeitung drucken. Die dient dann eigentlich nur noch als Beleg dafür, dass die Agenturmeldung stimmt, lesen muss ich den Stoff von gestern nicht mehr.
Die Online-Verbreitung von Agenturmeldungen hat den Abstand zu dem Erscheinungstermin auf seltsame Weise so stark erhöht, dass alles alt wirkt, was danach noch gedruckt wird, es sei denn, das gedruckte bringt ganz neue Aspekte. Tut es aber meist nicht, stattdessen verliert sich der investigative Autor in detaillierte Erläuterungen etwa komplexer Firmenglomerate, gut fürs Archiv, aber nicht mehr interessant für den Leser.
Vielleicht ist auch das ein Grund für sinkende Auflagen?


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