Donnerstag, 11. Dezember 2014

Der SPIEGEL auf dem Weg zum Mittelmaß

Das Drama um die Entlassung des Spiegel-Chefredakteurs Wolfgang Büchner ist beendet. Das Drama um den Spiegel selbst fängt gerade erst an.

Wolfgang Büchner hatte als ehemaliger dpa-Chefredakteur einen tadellosen Ruf. Nun ist er der von Rudolf Augstein eingeführten Mitbestimmung durch die Redaktion zum Opfer gefallen. Im November 1974 hatte Augstein die Hälfte seiner Anteil an die Mitarbeiter übereignet, heute besitzen die Mitarbeiter über eine KG 50,5 Prozent der Anteile. Seitdem geht beim Spiegel nichts mehr ohne die Zustimmung der KG.

Büchner hat seinen anspruchsvollen Job als dpa-Chefredakteur aufgegeben - der Posten ist inzwischen von Sven Gösmann - besetzt, weil ihn Verlagsleiter Ove Saffe dazu überredet hat. Fatalerweise, ohne vorher alle anstehenden Fragen mit der KG ("KG Beteiligungsgesellschaft für Spiegel-Mitarbeiter mbH & Co.") abzuklären. Saffe hat Büchner sehenden Auges in ein Minenfeld geschickt und einen wirklich hochkarätigen Journalisten verbrannt. Wie es aussieht, wird das sehr bald auch seinen Kopf kosten, und zwar zu Recht.
Unvorbereitet war schon die erste Aktion, die Berufung von Nikolaus Blome zum stellvertretenden Chefredakteur, weil dieser von BILD kam. Auch Blome gehört zu ersten Garnitur von Journalisten in Deutschland, und als Büroleiter in Berlin macht er trotz der anfänglichen Stimmung gegen ihn keine schlechte Figur.
Das alles könnte man ins Reich üblicher Intrigen und Kleinkriege verweisen, ginge es nicht um viel mehr: Die Mitbestimmung wird den Spiegel immer mehr ins Mittelmaß führen. Die ständigen Streitereien werden seit vielen Jahren von einer sinkenden Auflage begleitet. Immer wenn irgendjemand etwas verändern will, stemmt sich die KG dagegen. Als Adolf Theobald 1989 die Mitarbeiter KG zu einem Pensionsmodell umwandeln wollte, musste er klein beigeben. Jede Überlegung, den Spiegel-Verlag auszubauen stieß auf geballten Widerstand, weil Investitionen zu Lasten der lukrativen Gewinnbeteiligung gegangen wären, die nicht nur die Redakteure, sondern alle Mitarbeiter  beziehen. In der WELT war 2005 zu lesen: "Den Ex-Geschäftsführer Adolf Theobald erinnert der Verlag deshalb an eine Musikkapelle, die sofort nach dem Konzert alle Einnahmen verteilt."
Mich erinnert das Hamburger Theater an ein Gespräch mit einem Wiener Philharmoniker. Ich fragte ihn, warum eigentlich eine so hochkarätige Gruppe von Musikern einen Dirigenten braucht. Er antwortete: "Weil wir sonst immer langsamer werden". Der Spiegel wird immer langsamer, und seine Titelgeschichten werden immer einfallsloser.
Einen Titel zur Dämmung von Häusern zu machen und das Titelbild zuzukleistern ist echt zweite Wahl. Das gilt übrigens auch für Spiegel Online. Die nerven mich jetzt mit einer neuen Funktion, die mich belästigt, statt mich zu unterstützen. Ich muss, um zu anderen Themen zu kommen mehrmals von rechts nach links "wischen". Bisher konnte ich auf der ersten Seite auswählen, welche Rubrik ich wollte. Und natürlich macht Spiegel Online früh Feierabend. Abends gibt es kaum was Neues außer Fußball.
Dass die Agenturen alle wichtigen Nachrichten der Printausgabe vorab verbreiten, hat mir die Lust an der Printausgabe genommen. Wenn ich den Spiegel montags aus dem Briefkasten nehme, habe ich das Gefühl, eine alte Zeitung in der Hand zu halten.


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