Freitag, 21. November 2014

Negative Zinsen: Thomas von Aquin und die Bankenwelt

Auf der Suche nach Argumenten und Gegenargumenten für den negativen Zins fand ich heute eine aktuell lesenswerte Seminararbeit zum Thema Zinsen an der Universität Münster (Institut von Prof. Ulrich von Suntum), auf die ich hier hinweisen möchte: Autor Peter Meiners untersucht darin das Zinsverbot von Thomas von Aquin.

Hier einige erhellende Zitate aus seiner Arbeit ""Das Zinsverbot und extrinsische Zinstitel bei Thomas von Aquin" aus dem Jahr 2010:
"In der Summa Theologica, II-II qu.78, setzt sich Thomas insbesondere mit dem 
Problem des Zinsnehmens, bzw. der Sünde des Zinsnehmens (de peccato usurae), 
auseinander....
Für seine Ausführungen verwendet Thomas den lateinischen Terminus usura. Dieser kann sowohl mit dem Begriff „Zins“ als auch mit dem heute negativ besetzten Begriff „Wucher“ übersetzt werden, denn diese Begriffe waren im Sprachgebrauch der Kirche in Antike und 
Mittelalter kongruent....
Ausgangspunkt und Grundlage der Argumentation bei Thomas ist das im 
Rückgriff auf Aristoteles angeführte Prinzip der Tausch- und 
Vertragsgerechtigkeit (iustia commutativa). Dem Prinzip der kommunitativen 
Gerechtigkeit zufolge soll bei jedem Tauschakt Äquivalenz, also eine arithmetische Verhältnismäßigkeit zwischen dem Wert einer Leistung und einer 
Gegenleistung, herrschen (aequalitas dati et accepti). ..
Jeglicher Mehrgewinn bei Darlehen wird aufgrund des Äquivalenzprinzips ausgeschlossen."
Meiners zitiert dann Aristoteles: "Und deshalb ist es an sich unerlaubt, für den Gebrauch des geliehenen Geldes eine Belohnung zu nehmen, die man Zins nennt."
Kurz gesagt war der Zins aus theologisch-philosophischer Sicht damals unanständig.
Deswegen konnte sich die Wirtschaft auch viele Jahrhunderte lang nicht entwickeln. Geld verleihen war verpönt und unchristlich, zumal es im Ergebnis weniger der Wirtschaftsentwicklung, sondern eher der Finanzierung von Kriegen und Hungersnöten diente. Erst als die Venezianer den Wechsel einführten und geniale Finanziers wie die Rothschilds Wirtschaftswachstum finanzierten, konnte die Industrialisierung beginnen. So wurde Geld verleihen und Zinsen nehmen selbstverständlicher Teil der Wirtschaft und auch von den christlichen Kirchen akzeptiert. In den letzten Jahren hat sich jedoch die monetäre Welt immer mehr von der Realwirtschaft entfernt, weswegen auch die Kritik an der Vermögensverteilung immer lauter wird. Irgendwie steckt dahinter die Frage, ob Geld, von dem die Realwirtschaft nicht profitiert, eigentlich ehrlich verdient wird. Die EZB will, dass die Banken wieder Geld an die Wirtschaft verleihen, statt mit Hochfrequenzhandel große Räder an den Finanzmärkten zu drehen. Deswegen verpönt die EZB den Zins, weil die Banken Geldeinlagen bei ihr parken statt es Unternehmen zu leihen. Die Banken müssen Strafzinsen dafür zahlen, statt Zinsen zu bekommen. Und jetzt veranstalten sie dasselbe mit ihren Kunden. Freilich: Wenn die Unternehmen und Konsumenten dafür kein Geld zahlen wollen, dann werden sie neue Wege suchen. Die Unternehmen können sich direkt finanzieren, die Kunden geben das Geld lieber aus oder horten es selbst.
Hier stellt sich tatsächlich wieder die Frage nach Leistung und Gegenleistung, die im Mittelpunkt der Kritik von Aristoteles und Thomas steht. Was leistet eine Bank für das ihr gegebene Geld, wenn sie Zinsen dafür verlangt, beispielsweise den teuren Dispo? Und umgekehrt, was leistet sie, wenn sie das Geld bei der EZB parkt? Sie arbeitet nicht mit dem Geld, sondern hortet es. Dieses Verhalten widerspricht ihrer ursprünglichen Funktion quasi  Zahnrad im Getriebe der Wirtschaft zu sein. Man muss Bill Gates dazu nicht wiederholen ("Banking wird man immer brauchen, Banken nicht"), aber hat er damit absolut Recht. Die Banken müssen ihr Geschäftsmodell überdenken, zumal ihnen die unglaubliche Dynamik der Digitalisierung den Boden unter den Füßen wegzieht, wenn sie überleben wollen. Mit Vertrauen heischenden Werbesprüchen ist es nicht getan. Vielmehr müssen die Banken grundlegend über ihre Legitimation nachdenken. Das ist die wichtigste Botschaft von negativen Zinsen.

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