Freitag, 14. November 2014

Middelhoff: Ein unfassbar hartes Urteil

Das Landgericht Essen hat Dr. Thomas Middelhoff zu drei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt und seine sofortige Verhaftung wegen Fluchtgefahr angeordnet. Ob letzteres umgesetzt wird, scheint noch offen. Aber was für ein Desaster!
Man muss sich vor Augen halten, dass sämtliche Vorwürfe gegen Middelhoff in den letzten Jahren in sich zusammenfielen - bis auf die Reisekosten und eine Festschrift für den Ex-Bertelsmann-Chef Mark Wössner, die Arcandor bezahlt hat. Einen Manager deswegen zu einer Haftstrafe ohne Bewährung zu verurteilen, sprengt dennoch jede Verhältnismäßigkeit, auch wenn der Betrag von 500.000 Euro hoch erscheint.  Man hätte  den früheren Chef von Bertelsmann zur Rückzahlung verurteilen können oder die Strafe wenigstens zur Bewährung aussetzen müssen. Man denke an die privaten Flüge, die immer wieder bei Politikern aufgedeckt wurden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Urteil vor dem Bundesgerichtshof stand hält. Es sind schon Menschen mit viel größerer Schuld weitaus geringer bestraft worden. In Essen sollte ein Exempel statuiert werden, denn dort sitzt die Zentrale des früheren Karstadt-Konzerns, der in Arcandor umgewandelt wurde.

Häme ist jetzt nicht angebracht. Middelhoff ist kein Verbrecher, er hat sich in der Vielseitigkeit seiner Aktivitäten verstrickt. Die permanenten Schuldvorwürfe in vielen Medien rund um die Esch-Fonds und die nicht von ihm, sondern von seinen Vorgängern verschuldete Pleite des Arcandor-Konzerns haben ein verzerrtes Bild von ihm geschaffen, dem offensichtlich auch die Richter zum Opfer gefallen sind. So hatte Middelhoff kurz vor dem Urteil nur noch Feinde um sich herum, wobei der Insolvenzverwalter von Arcandor die Hauptrolle spielte. Und viele Feinde sind des Hasen Tod. Letztendlich ist Middelhoff an Arcandor gescheitert. Er hatte 2005 auf Bitten von Madeleine Schickedanz den Posten des Vorstandsvorsitzenden übernommen, weil das Unternehmen in eine existenzielle Schieflage geraten war. Er ist quasi in die Bresche gesprungen, nachdem seine Vorgänger Urban und andere den wahrscheinlich unrettbaren Laden in den Abgrund geführt hatten.

Ich kenne Thomas Middelhoff seit vielen Jahren, seine Stärken und seine Schwächen.  Ich habe ihn als knallharten und nicht immer angenehmen Investor kennen gelernt. Zu seinen Stärken gehört vor allem sein Finanzwissen und seine internationale Vernetzung. Middelhoff ist eigentlich ein internationaler Deal-Maker. Unternehmen kaufen und verkaufen, das hat ihm immer am meisten Spaß gemacht.
Als Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann hat er dem Konzern mit mehreren Deals Milliarden zusätzlich in die Kasse gespült, bevor er im Streit mit den Mohns gehen musste, weil die Mohns keinen Börsengang wollten. Bei Bertelsmann begeisterte er die Führungskräfte als charismatischer Redner mit digitalen Visionen. Als er damals zum Beispiel den Musiktauschdienst Napster kaufte, schwebte ihm das vor, was Apple später mit Itunes umgesetzt hat: Den Verkauf von Musik für 99 Cent. Hätte die Mohnfamilie das und viele andere Ansätze verstanden, stünde Bertelsmann heute als digitaler Medienkonzern weit besser da.
Zu seinen Schwächen gehören die Lust am Luxus und ein ausgeprägter Mangel an Bescheidenheit und Demut, den er jetzt wohl im Gefängnis aufarbeiten muss. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Lebte er in den USA, würde sich niemand an seiner Lebensweise stören, dort machen das alles Reichen so. Mitten im strukturschwachen Ruhrgebiet kommt sowas überhaupt nicht gut an.
Klar ist aber auch: Dass Arcandor eine Festschrift für Mark Wössner bezahlen musste, ist natürlich skandalös. Es zeigt, dass Middelhoff seine eigenen Interessen irgendwann wichtiger nahm als die von Arcandor. Das ist ihm wirklich übel zu nehmen, und dafür muss er nun wohl büßen.

Kommentare:

  1. Nicht Grete bat, sondern Madeleine. Grete ist seit 1994 tot. Und Eick war noch Vorgänger, sondern Nachfolger. Vorgänger waren Deuss, Urban und Achenbach.
    Im Strafrecht (darum ging es in diesem Prozess) geht es um mögliche Strafen. Die von Ihnen vorgeschlagene "Rückzahlung" (oder Schadensersatz) ist Zivilrecht. Das ist ein anderes Rechtsgebiet, um das es in diesem Prozess nicht ging, die zivilrechtlichen Prozesse gegen Middelhoff laufen parallel.

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  2. Danke für die Hinweise, ich habe die Korrekturen zum Teil aufgenommen und den Beitrag aktualisiert
    Gruß RDB

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