Donnerstag, 16. Oktober 2014

Die David-gegen-Goliath-Strategie von Greenpeace

Die Fragen stellte mir Mike Dawson, internationaler Korrespondent der Lebensmittelzeitung. Da er nicht alle Zitate in der aktuellen Ausgabe der Lebensmittelzeitung und seinem Blog bringen konnte, hier meine vollständigen Antworten:

1) Ist es fair von Greenpeace gewesen, Lego über eine globale Kampagne, z.B. bei YouTube so zu attackieren?

Antwort: Greenpeace betreibt professionelle, hochwirksame Kommunikation. Was man als unfair empfindet, soll ja medialen Druck ausüben, Unfairness gehört also zum Konzept. Greenpeace-Anhänger sehen solche Attacken nicht als unfair an, vielmehr steckt eine „David gegen Goliath-Strategie“ dahinter, und wem gehören die Sympathien: Immer dem David. Greenpeace ist zwar mächtig, aber im Vergleich zu Konzernen immer noch der David.

2) War es klug von Lego dem Druck von Greenpeace nachzugeben, oder unratsam, weil es wie eine Schuldbekenntnis aussieht?

Ja, es war klug, denn anders kommt Lego nicht mehr aus dieser Nummer heraus. Denn die Lego-Figuren werden aus Plastik hergestellt, und Plastik fabriziert man bekanntlich aus Öl. Auf der Lego-Website liest man allerdings  nur, dass Legosteine "aus Granulat“ geformt werden. Was da nicht steht: Das Granulat wird aus Rohöl hergestellt:
(siehe www.schulmediathek.tv): Rohöl wird zu einer Raffinerie gepumpt, wo eine klare Flüssigkeit namens Naphtha extrahiert und daraus Kunststoff-Granulat hergestellt wird. Das Granulat wird dann eingeschmolzen und zu verschiedenen Produkten geformt
Daher also die Verbindung. Bei den Attacken von Greenpeace gegen Shell geht es ja nicht ums Öl generell, sondern darum, wie und wo die Ölgewinnung die Natur gefährdet. Wenn die Ölgewinnung Natur gefährdet oder zerstört, kann das einem Spielzeughersteller wie Lego als Verwender von Rohöl nicht gleichgültig sein.  Auch beim Bezug von Rohstoffen und Vorstufenprodukten sollten Unternehmen sicher sein, dass diese Stoffe ohne Zerstörung der Natur erzeugt werden. Heute macht man ja umgekehrt Öl aus Plastikmüll und entlastet dadurch die Natur.  Wenn Lego auf diese Weise seine Figuren produziert, gibt es keine Probleme mehr.

3) Wie reagiert man in solchen Fällen am besten?

Ehrlich zu sich selbst sein, Wege finden, die Produktion umweltfreundlich zu gestalten und das dann kommunizieren. Die Aufkündigung der Shell-Kooperation kann nur der erste Schritt sein.

4) Auch wenn Millionen von Menschen die Greenpeace-Attacken in YouTube etc. angesehen haben, sind das überhaupt die Kunden von Shell bzw. Lego?

Eltern sind außerordentlich sensibel, wenn es darum geht, womit ihre Kinder spielen. Nachhaltigkeit gilt zumindest in gebildeten Kreisen als Selbstverständlichkeit. Es ist egal, wer diese You-Tube-Attacken gesehen hat, es spricht sich schnell herum, und darunter sind sicher auch viele Lehrer, die Sympathien für Greenpeace haben.

5) Könnten Sie es sich vorstellen, dass Greenpeace bzw. andere Aktivisten ihre Proteste auch auf die Industriepartner der Shell-Tankstellenshops (Coke, Nestlé, Pepsi, Danone etc.) ausweiten?

Ja, das kann ich mir vorstellen, aber Greenpeace verzettelt sich nicht. Die suchen sich ganz gezielt einen Gegner aus und versuchen ihn weichzuklopfen. Das wirkt dann langfristig auch bei den anderen Industriepartnern. Man muss den Flaschenhals finden, um den größten Druck auszuüben.

6)  Last but not least, welche Lehren ziehen Sie persönlich aus der Geschichte?

Von Schumpeter stammt der Satz: Der Unternehmer haftet mit seinem Einkommen an den Entwicklungswerten der Zukunft. Das scheint manchen immer noch nicht klar zu sein

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