Freitag, 5. September 2014

Feindbild Draghi: "Entpört euch"!

Der Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi hält die Geldschleusen offen und wird dafür von deutschen Wirtschaftsmedien, Wirtschaftswissenschaftlern, Banken und Versicherungen heftig gescholten. Angeblich droht durch seine Geldpolitik die nächste Finanzkrise. Mit Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart (Sein Titel zur Behandlung der Ukraine-Krise) möchte ich ausrufen: Entpört euch!
Wenn ein Mann wie Draghi die Politik der EZB in dieser Weise bestimmt, dann muss man sich seinen Werdegang ansehen, siehe HIER in Wikipedia.
Dumm kann der Mann schon mal nicht sein: Schüler auf einer Jesuitenschule, Studium in Rom und am MIT, zehn Jahre Professor in Florenz, Arbeiten für die Weltbank und Harvard, zwei Jahre Vizepräsident bei Goldman Sachs (2004-2005). Und dann von 2006 bis 2011 italienischer Notenbank-Präsident. Bei Goldman Sachs hat er die griechische Regierung beraten, In seiner-Film-Dokumentation "Der große Euro-Schwindel" wirft Autor Michael Wechs Goldman Sachs vor, beim Frisieren des griechischen Haushalts behilflich gewesen, ja sogar dafür verantwortlich gewesen zu sein. Italiener und Griechen haben sich nie durch disziplinierte Haushalts- und Geldpolitik hervorgetan, um es mal milde auszudrücken. Und klar: Das Herz eines Italieners wird immer für Italien schlagen, und so muss es auch bei Draghi sein. Soweit erst einmal alle Vorurteile auf einen kurzen Nenner gebracht.
Wenn der Mann nun nicht dumm ist, und was, wenn er mehr im Kopf hat als Griechenland und Italien zu retten: Warum senkt er dann die Zinsen bis zur Null-Linie, kauft den Banken faule Kredite ab (z.B. Asset backed Securities - durch Forderungen an Unternehmen gesicherte Kredite) und wertet den Euro ab?
Draghi hat drei Ziele:
Er will zum einen verhindern, dass die europäischen Kellerkinder, zu denen sich inzwischen auch Frankreich gesellt, durch den Anstieg von Zinsen erneut in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

  1. Zum anderen will er die schwachen europäischen Banken bilanziell stärken, um neuen Bankenkrisen vorzubeugen. Damit übernimmt er allerdings auch die Haftung beim Ausfall solcher Kredite. 
  2. Zum Dritten will er den Export in Drittländer durch Abwertung des Euro ankurbeln.

Schließlich sollen die Banken durch die nochmalige Zinssenkung und weitere Maßnahmen angehalten werden, Unternehmen durch mehr Kredite zum Investieren zu bringen, um die sich abzeichnen Wirtschaftsschwäche in Europa aufzufangen. Ich bezweifle, dass die Senkung der Zinsen von gerade mal 0,15 auf 0,05 % die Kreditvergabe an Unternehmen ankurbelt, aber das ist meines Erachtens eher ein vorgeschobenes Argument.
Dass Banken und Versicherungen in Deutschland so massiv gegen Draghis Geldpolitik schießen, liegt vor allem daran, dass niedrige Zinsen auch niedrige Zinsmargen zur Folge haben, die Banken verdienen immer wieder an Krediten und die zu 70% auf Anleihen angewiesenen Versicherungen können den garantierten Zins für die Beitragseinnahmen nicht mehr darstellen. (Man sollten den Versicherungen deshalb erlauben, den Aktienanteil bei der Geldanlage zu erhöhen).
Dennoch: Alle warnenden Stimmen, dass die durch Draghis Geldpolitik aufgeblähte Geldmenge zu einer Inflation und einem neuen Crash führen werde, haben sich bislang als haltlos erwiesen.
Eigentlich wäre die Inflation der perfekte Weg für Staaten, sich zu entschulden. Denn Inflation entwertet auch die Schulden. Nun haben wir aber das Problem, dass die Inflation immer weiter sinkt und in eine Deflation umzuschlagen droht. Wie kann man dann die Euro-Krisenländer entschulden? Natürlich nur durch anhaltend niedrige Zinsen.Allerdings darf das auch nicht zu einer Deflation führen, die dann in eine langjährige Depression münden könnte. Das ist die Gratwanderung, auf der sich die EZB bewegt.
Eine höhere Geldmenge führt nicht automatisch zu Inflation, selbst wenn es sich um Hunderte von Milliarden handelt. Zumal die EZB auch die Möglichkeit hat, Geld wieder einzuziehen. Solange die Erhöhung der Geldmenge nicht in der Realwirtschaft durch Kosten- oder Nachfrageschübe ankommt, gibt es auch keine Inflation, wie wir jeden Monat sehen.
Dass die EZB durch den Ankauf von Anleihen und Krediten ins Haftungsrisiko geht, das am Ende den Steuerzahler erreichen könnte, wiegt schwerer. Aber was wäre die Alternative? Wenn weitere Banken und Länder in Europa pleite gingen, müsste der deutsche und europäische Steuerzahler am Ende auch einspringen.
Den Börsen soll die Niedrigzinspolitik recht sein. Die weltweiten Aktienkurse werden langfristig weiter kräftig steigen, eine Blase ist nicht wirklich in Sicht. Warten wir doch mal ab, ob sich die Konsolidierung der europäischen Haushalte und die Stärke gerade der deutschen Wirtschaft nicht am Ende doch als segensreich erweist. Ich wäre da nicht so pessimistisch.

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