Dienstag, 22. Juli 2014

Wulffs Medienattacke im Spiegel

Der Spiegel veröffentlichte gestern ein ellenlanges Interview mit dem eineinhalbjährigen Bundespräsidenten Christian Wulff, der sich bitter über die Behandlung durch die Medien beklagt, insbesondere Spiegel, FAZ und BILD-Zeitung. Den Buchverkauf wird es ankurbeln, und die klingelnde Kasse wird Balsam für die malträtierte Psyche des ohnehin gut versorgten Mannes sein.
Aber ich habe mich dann schon gefragt, was hier eigentlich schief gelaufen ist. Ist die "Vierte Gewalt" aus dem Ruder gelaufen? Ist unsere Demokratie in Gefahr, wie Wulff behauptet?
Liest man das Interview, kommen zwiespältige Gefühle auf. Einerseits ist es im Rückblick schon irrsinnig, dass die gesamte deutsche Presse Wulff abgestraft hat, ohne dass irgendein strafrechtlich relevanter Tatbestand von den vielen investigativen Journalisten herausgefunden werden konnte. Es blieb dann am Ende bei dem allgemeinen "Ja aber moralisch war der Rücktritt trotzdem notwendig". Weil ja Herr Wulff dauernd falsch auf die Vorwürfe reagiert hat. Irgendwie unbefriedigend.
Andererseits war die ganze Kombination von Verbindungen, die hochkamen, filmreifer Stoff: Hauskauf-Darlehen vom (langjährigen!) Freund, (bezahlte!) Ferien in Maschmeyers Villa, irgendwie geartete Unterstützung von David Groenewold im Filmgeschäft, Rausschmiss seines wichtigsten Vertrauten, der angeblich vom Veranstalter (und "langjährigem Freund") Manfred Schmidt für eine Veranstaltungsreihe mit schönen Ferienaufenthalten belohnt wurde und sich immer noch gegen den Vorwurf der Bestechung zur Wehr setzt. Dann die schöne Frau an seiner Seite bei der Bekanntgabe des Rücktritts, kurz darauf die Trennung. Üble Gerüchte waren über sie im Umlauf. Und dann der finanzielle Segen nach dem Rücktritt. Ein "Ehrensold" von 199.000 € jährlich (schrieb der Stern: "monatliche Sofortrente"), eigener Fahrer, eigenes Büro, Sekretärin. Da müssen andere mehr für arbeiten.  Und man versteht die Gefühle der Journalisten.
Aus der Sicht von Wulff ist nichts übrig geblieben von allen Vorwürfen, die zu seinem Rücktritt geführt haben. Dem ist nicht zu widersprechen. Der Freispruch und der Verzicht der Staatsanwaltschaft auf eine Revision genügen Wulff jedoch nicht. Der CDU-Politiker sieht sich nicht rehabilitiert, weil die Medien sich nicht bei ihm entschuldigt haben. Auch der Spiegel konnte sich in diesem Interview nicht dazu durchringen.
Warum geben Journalisten so ungern zu, dass sie falsch gelegen haben? Kein Journalist ist unfehlbar, Fehler passieren. Chefredakteure sind allerdings bei solchen Fragen nicht besonders tolerant. Wer mit harten Attacken auf einzelne Personen falsch liegt, setzt seine Stellung in der Redaktionshierarchie und manchmal sogar seinen Job aufs Spiel. Mit Gegendarstellungen, die unabhängig vom Wahrheitsgehalt gedruckt werden müssen, kann man leichter leben als mit einer Entschuldigung bei den Betroffenen. Ein Widerruf ist schon unangenehmer. Und nur sehr selten müssen Medien Geschichten in gleicher Größe und Aufmachung korrigieren.
Leser erwarten gerade von den Top-Medien die Wahrheit. Wer den Unterhaltungswert von diffamierenden Spekulationen für titelfähig hält und Unterhaltung für wichtiger als Wahrheit, der schadet dem Image seines Blattes.  
Im Fall des Schokoladen-Unternehmers Ritter hat die gesamte Presse das schlechte Abschneiden in der "Stiftung Warentest" aufgrund einer umstrittenen Angabe zu den Aromastoffen ungeprüft nachgedruckt. So kam "Ritter Sport" in eine Existenzkrise, die nur durch den Erfolg vor Gericht in erster Instanz abgewendet werden konnte. Niemand hat sich dafür entschuldigt. Verfehlungen in der Politik, in den Unternehmen sind fast immer mit einer Entschuldigung verbunden. In den Medien habe ich so etwas noch nicht erlebt. Das ist so ähnlich wie bei Behandlungsfehlern durch Ärzte. Auch von denen habe ich noch nie eine Entschuldigung gelesen.
Bringt denn eine Entschuldigung überhaupt etwas?
Ja, ich glaube schon, zumindest, wenn es um solche Dimensionen wie bei Wulff geht. Es geht um einen medialen Freispruch, mit dem man freigewaschen wird von dem Makel "irgendwas wird schon dran sein". Google lässt grüßen.
Eine Wächterfunktion, die in eine Rechthaberfunktion ausartet, unterhöhlt auf Dauer unsere Demokratie.



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