Montag, 23. Juni 2014

Steingarts Kampfaufruf gegen Google: Nicht zu Ende gedacht

Eigentlich sind FAZ und Handelsblatt im Wirtschaftsteil Konkurrenten. Da das Handelsblatt kein Feuilleton hat, schreibt Gabor Steingart, Geschäftsführer der Verlagsgruppe Handelsblatt, heute eine ganze Seite im Feuilleton der FAZ: Einen flammenden Appell gegen Google über "Unsere Waffen im digitalen Freiheitskampf". Im April hatte sich Springer-Chef Matthias Döpfner bereits geoutet: "Ich habe Angst vor Google". Steingart schreibt nun in seinem brillanten Essay, dass Schluss sein müsse mit dieser Angst der Verlage vor Google, denn Google hänge von den Inhalten der Verlage ab, und nicht umgekehrt. Google müsse gezwungen werden, für die Inhalte zu bezahlen, so wie Google in seinen Geschäftsbedingungen niemandem erlaube, seine Produkte zu kopieren oder zu verkaufen. Google habe in seinem Börsenprospekt das Risiko eines verschärften Datenschutzes klar erkannt, sei sich also des möglichen Widerstands bewusst.
Der "Jahrhundert-Fehler" der Verlage, Google Inhalte kostenlos zu überlassen, müsse korrigiert werden.  Unter Berufung auf Etienne de La Boetie ("Von der freiwilligen Knechtschaft") appelliert Steingart an die Verleger, sich nicht weiter von der Google-Macht einschüchtern zu lassen, denn diese Macht sei letztlich geliehen von den Verlagen und ihren Autoren. Und deshalb: "Die Zeit zum Losschlagen ist gekommen", um sich von der "digitalen Knechtschaft" zu befreien.
Wäre ich Verleger, würde ich genauso argumentieren. Der Forschungsetat von Google, schreibt Steingart, sei mit jährlich acht Milliarden US Dollar sechsmal so hoch wie die zusammen addierten Jahresgewinne von Springer, Bertelsmann, Holtzbrinck und Burda.
Und trotzdem: Ein bisschen ist es wie das Pfeifen im dunklen Google-Wald, was Steingart und Döpfner ein wenig melodramatisch ausrufen. Meines Erachtens ist das alles nicht zu Ende gedacht, auch wenn es viel Beifall gibt.
War es wirklich ein  "Jahrhundertfehler", Google die Inhalte kostenlos zu überlassen? Die Tatsache, dass sich die deutschen Verlage in ihrer Kritik an Google so einig sind, bedeutet noch nicht, dass diese Kritik berechtigt ist.
Der Schlüssel liegt in Steingarts Nebensatz: "Wobei nicht die Texte selbst aus der Suchmaschine verschwinden sollten, denn wir wollen ja weiter gefunden werden". Genau darum geht es letztlich bei Suchmaschinen, einem Geschäftsmodell, das die deutschen Verlage komplett verschlafen haben. Aber lassen wir die Vergangenheit und spielen wir die Befreiung von der digitalen Knechtschaft doch einmal praktisch durch: Jeder Journalist googelt heute, bevor er in die weiteren Recherchen einsteigt. Er müsste also bei jeder Recherche für den ganzen Artikel zahlen, wenn ihm der Teaser geeignet erscheint. Würden ihm die Verlage das erlauben? Das Modell kennen wir von GBI, der gemeinsamen Datenbank von Holtzbrinck, FAZ und anderen. Als Nutzer geht man höchst sparsam damit um, man nutzt es nur ganz gezielt für bestimmte Artikel. Das große Geschäft dürfte GBI nicht damit machen.
Und wie wäre das bei Google?
Google-Recherchen sind nicht nur für Studenten, Schulen, Wissenschaftler und Unternehmen, sondern auch für Journalisten heute unentbehrlich. Wir reden hier nicht nur von den oberen Tausend Redakteuren in Top-Medien, sondern von den rund 70.000 Journalisten in Deutschland: Zum Beispiel von Lokaljournalisten, die so unter Druck stehen, dass sie kaum noch die Redaktionsräume verlassen. Von Fachmedien, Newslettern, zahllosen freiberuflichen Jorunalisten und Redaktionsbüros. Sie alle müssten künftig bezahlen, wenn es nach den Großverlagen geht. Und wie sieht es mit internationalen Inhalten aus? Erst Google hat das möglich gemacht, wofür das Internet erfunden wurde: Ein höchstmögliches Maß an Transparenz der Wissenschaft weltweit.

Steingart und Döpfner focussieren sich auf urheberrechtsfähige,  journalistische Inhalte. In Google findet man aber bekanntlich nicht nur journalistische Inhalte, sondern eine Unzahl von anderen Daten. Private Texte, Adressen, Lebensläufe, Blogs, Zitate, Ratschläge ("Gute Frage") und vieles mehr. Ich wage die These, dass journalistische Texte sogar eher den kleineren Teil der Suche ausmachen. Die Recherchekosten für jede einzelne Redaktion würden massiv steigen, aber wie hoch werden die Einnahmen für die Redaktionen sein? Und wie sollen kleine Verlage, freiberufliche Journalisten, Blogger, Unternehmen (mit ihren Texten) gegen Google "losschlagen"? Und was ist, wenn Google im Gegenzug Geld dafür verlangt, "gefunden zu werden"?
Mit hoher Wahrscheinlichkeit käme hier eine höchst ungleiche Konzentration der Einnahmen auf die Großverlage zu, wobei nicht gesagt ist, ob diese Einnahmen höher als die Recherchekosten bei Google wären.
Also wonach ruft die Verlagsbranche eigentlich wirklich? Letztlich möchten die Großverlage, dass die Politik die Macht von Google beschränkt. Steingart bemüht dafür sogar die Ordnungspolitik. Friedrich August Hayek würde sich im Grabe umdrehen, wenn aus dem Ruf nach Befreiung von einer Knechtschaft ein reguliertes Beschränkungsmodell folgen sollte.
Es ist ziemlich unklar, was reguliert werden soll: Das Sammeln von Daten? Also das, was die Verlage selber tun? Oder die Bezahlung von Inhalten, also das, was die Autoren selber nutzen?
Tatsächlich hat Steingart recht, wenn er den Neid der Verlage auf Datensammlungen erwähnt. Das Sammeln, Aggregieren und Verkaufen von Daten ist ja die eigentliche Geldquelle von Google, und am Datensammeln beteiligen sich ja auch alle Verlage. Nichts ist wertvoller als eine gutsortierte Abonnentenkartei, das wußte man auch in Deutschland immer schon.
Muss man sich also in eine "freiwillige digitale Knechtschaft" begeben? Die Antwort darauf ist natürlich ein klares "Nein". Deutschlands Verlage haben ja bereits reagiert: Sie haben in den letzten Jahren die digitale Aufholjagd begonnen. Und weil es Google und Google Adwords gibt, konnten sich ihre Portale zu profitablen Online-Angeboten entwickeln. Das ist doch schon mal ein Anfang. Vielleicht fällt den Großverlagen noch mehr ein?



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