Dienstag, 13. Mai 2014

Thomas Piketty: Alle schreiben, keiner liest ihn.

Ich habe mir soeben bei Amazon das Buch von Thomas Piketty bestellt. Das dicke Buch "Capital in the Twenty-First Century" - eine Übersetzung aus dem Französischen - ist nur in englischer Sprache erhältlich und bei Amazon erst ab 20.Mai lieferbar, aber offenbar hat es schon jeder Wirtschaftsjournalist gelesen außer mir. Und verstanden, außer mir.
Was ich bisher in Deutschland dazu gelesen habe, hat mir weder geholfen, das Werk zu verstehen noch die Aufregung rund um das Buch. Vielleicht hilft mir ein Gedankengang.
Ich kenne jetzt lediglich aus deutschen Zeitungen die Formel r > g. Soll heißen: Wenn in einem Land die durchschnittliche Rendite auf das Kapital - sprich das Vermögen - (r) größer als das volkswirtschaftliche Wachstum (g) ist, dann wird die Schere zwischen arm und reich immer größer. Denn Wachstum bedeutet Einkommen aus Beschäftigung, und Rendite bedeutet Einkommen aus der Geldanlage.
Ist eigentlich auch gar nicht so neu: Wir kennen diese ökonomische Formel auch als Volksweisheit: "Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen". Diese Erkenntnis belegt Piketty angeblich mit einer gigantischen Datensammlung. Die Frage ist: Wer ist der Teufel?
Mit der Formel wird eine Kausalität behauptet, die erst einmal zu beweisen wäre. (Darauf verweist Heiner Flassbeck in diesem Artikel). Wenn die Formel kausal richtig wäre, dann müsste entweder r gesenkt oder g gesteigert werden, um die angebliche Schere wieder zu schließen Also entweder Rendite runter oder Wachstum rauf, richtig?
In Deutschland liegt die durchschnittliche Rendite festverzinslicher Bundesanleihen derzeit bei 1,23 Prozent. Die Wirtschaftsweisen erwarten für Deutschland in diesem Jahr ein Wachstum von 1,9 Prozent. Also ist g > r in Deutschland. Wenn das Wachstum größer als die Rendite auf Vermögen ist, müsste sich jetzt hierzulande die Schere zwischen arm und reich wieder schließen. Eine gute Nachricht! Ach ja, und was ist mit der Geldanlage in Aktien? Ich würde sagen, das ist Eigenkapital, mit denen Unternehmen Investitionen finanzieren und damit Wachstum, richtig? Also die Rendite von Aktien dürfte eigentlich nicht mitgerechnet werden, ich weiß aber nicht, ob Piketty das tut.
Es scheint mir aber, dass auf der Renditeseite inzwischen alles in Butter ist.  Und weil die EZB immer weiter Geld schöpft, wird die Rendite auch niedrig bleiben. Vielleicht hat Draghi ja sein Geldschöpfungsprogramm aus Pikettys Gedankengut abgeleitet? Weiß man´s?
Mehr Wachstum wäre natürlich auch eine gute Idee. Laut denen, die Piketty gelesen haben, sieht er durch die demografische Entwicklung keine Chance für mehr Wachstum. Eine schrumpfende Bevölkerung ist nicht gut fürs Wachstum. Diese These hatte Kurt Biedenkopf schon mal vertreten, und vorher gab es ja das Buch "Grenzen des Wachstums". Hinterher stellte sich aber heraus, das dem Wachstum keineswegs Grenzen gesetzt sind. Nach der Wiedervereinigung gab es enorme Wachstumsraten in Deutschland. 2010 lag das Wachstum in Deutschland bei 3,6 Prozent.
Eine kräftige Steuersenkung könnte sicherlich helfen, das Wachstum zu beschleunigen. Entscheidend ist jedoch: Wenn ich als Reicher mehr Geld durch Geldanlage in unternehmerische Investitionen verdiene als durch den Kauf von Schuldscheinen und Anleihen, dann fördere ich lieber Investitionen als Staaten Geld zu leihen. Zumal auch die Anleihen durchaus nicht sicher sind, wie wir gelernt haben.
Die Frage ist, warum Linksliberale in den USA so begeistert Pikettys Buch aufgenommen haben, während sein Erfolg in Frankreich eher mäßig ist. Wahrscheinlich, weil sich viele als Konsequenz höchstmögliche Steuern für die Reichen wünschen. Sie wissen wahrscheinlich nicht, dass Thomas Piketty laut Heiner Flassbeck (der wenigstens einen Aufsatz von ihm gelesen hat) ein lupenreiner Neoklassik-Ökonom ist und kein Keynesianer.
Ach ja, und dann finde ich vielleicht noch heraus, wer der Teufel ist...
So und jetzt warte ich auf die Amazon-Lieferung. Mal sehen, ob ich den dicken Schinken schaffe.
Bis dahin empfehle ich ein anderes Buch: "Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat"..

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