Montag, 31. März 2014

Kommt die Deflation?

Heute muss ich eine Kolumne vom letzten November aktualisieren. Ich schrieb schon damals, dass ich eher eine Deflation als eine Inflation erwarte. Tatsächlich wird die Diskussion dazu immer lauter. Selbst die EZB befürchtet jetzt eine Deflation. 
Wir befanden uns bis jetzt in einer sogenannten "finanziellen Repression". Darunter versteht man, dass die Zinsen niedriger sind als die Inflationsrate. Liegt die Inflation bei zwei Prozent und der Sparzins bei ein Prozent, dann sind ein Prozent  futsch. Was für die Sparer eine schleichende Enteignung ist, ist für die Schuldner eine schleichende Entschuldung. Bei 5 Prozent Inflationsrate werden aus 50.000 Euro innerhalb von zehn Jahren rund 30.000 Euro Kaufkraft. Ein Schuldschein des Staates in gleicher Höhe, der  bei 5 Prozent Inflationsrate nach zehn Jahren zurück gezahlt wird, ist dann auch nur noch 30 000 wert. Der Staat hat sich um 20 000 entschuldet. Und so werden derzeit viele Finanzprodukte und Immobilien unter Hinweis auf die drohende Inflation feil geboten.
In unserer Finanzkrise gibt es für hochverschuldete Staaten nichts besseres als Inflation. Genau deshalb halten die internationalen Notenbanken die Zinsen künstlich niedrig.

Nun gibt es aber ein Problem. Die Inflationsrate sinkt überraschenderweise, statt zu steigen. Sie liegt in Europa jetzt nur noch bei 0,5 Prozent. In Spanien wurde erstmals eine Deflationsrate von 0,2 Prozent gemessen. Bei so einer niedrigen Rate ist nichts mit Entschuldung. Es passiert genau das Gegenteil von dem, was eine Financial Repression bewirkt: Bei sinkenden Preisen kann sich der Staat nicht entschulden: Der Abstand zwischen Zinsen und Inflation/Deflation wird in Gegenrichtung größer. Wenn für eine Bundesanleihe 2 Prozent Zinsen gezahlt werden und die Deflation 1 Prozent beträgt, hätten wir eine Differenz 3 Prozent. Es gewinnt der Sparer, denn der Wert seiner Anleihe steigt real, umgekehrt steigt die Schuld des Staates, denn er muss real mehr zurückzahlen als er aufgenommen hat. Mehr noch: Statt sich elegant zu entschulden, müssen vor allem die südeuropäischen Staaten jetzt sparen, und das führt zu sinkenden Preisen. 
Steigende Preise erfreuen immer die, die jetzt kaufen und in Zukunft Geld sparen wollen. Immobilienkäufer lieben besonders steigende Preise, hoffen sie doch auf eine "Wertsteigerung". Fallende Preise führen zu Attentismus, also abwartendem Kaufverhalten - bis hin zu einer Wirtschaftskrise: Ich behalte mein Iphone noch solange, bis ein neues billiger zu haben ist. Beim Auto warte ich auf Rabatte. Die Wohnung kann ich demnächst billiger kaufen. Und so weiter. 
Der Absatz geht zurück, die Steuereinnahmen auch, der Staat verschärft die Krise durch Kürzung der Staatsausgaben - und schon haben wir eine Weltwirtschaftskrise.

Eine Deflation entwickelt sich bei einem länger anhaltenden Abschwung durch Kaufzurückhaltung und Investitionsstau. Sinkende Nachfrage führt zu fallenden Preisen. Inflation war übrigens ein Lieblingsthema des langjährigen CAPITAL-Kolumnisten Andre Kostolany: "Die Inflation ist die Hölle der Gläubiger und das Paradies der Schuldner".  Und zur Deflation sagte er: "Deflation lähmt die Lust zu investieren." Schlecht ist also beides. Aber Inflation ist in jedem Fall besser als Deflation. Vielleicht helfen die Streiks der Gewerkschaften, die Inflation am Leben zu erhalten. Ganz gegen meine Überzeugung. Was kann man gegen Deflation denn tun? Steuern senken, Nachfrage ankurbeln, Konjunkturprogramme. Keynes ganz klassisch. Ich bin kein Keynesianer, aber bei Deflation bleibt wohl nichts anderes übrig.

Wer Deflation wie ich erwartet und auf Sicherheit setzt, der sollte sein Geld auf dem Sparbuch oder unterm Kopfkissen  lassen statt sich einreden zu lassen, dass eine Inflation kommt und sein Geld entwertet. Und bei Immobilien muss jetzt besonders darauf geachtet werden, dass sie nicht überteuert eingekauft werden. Die Stiftung Warentest empfiehlt hier eine Grenze von maximal dem 20-fachen der Jahresnettomiete. Gerade der Immobilienmarkt ist derzeit voller Tücken, wer hier nicht genau hinschaut, kann viel Geld verlieren. 
Wer Lust auf Risiko hat, der sollte weiter mit allem was es gibt traden und spekulieren. Für kurzfristige Aktionen ist Inflation und Deflation ziemlich egal. Man kann wenig, viel oder alles verlieren und wenig, viel oder alles gewinnen.

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