Donnerstag, 6. Februar 2014

Martin Schulz warnt vor dem "determinierten" Menschen

Heute las ich mit Interesse den Beitrag des gelernten Buchhändlers und Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD) im Feuilleton der FAZ: "Warum wir jetzt kämpfen müssen - Internetkonzerne und Geheimdienste wollen den determinierten Menschen". Bekanntlich ist Frank Schirrmacher Chef des Feuilletons, der in seinen Büchern "Payback" und "Ego" das Ende der Demokratie durch Digitalisierung und Algorithmen fürchtet. Schulz schlägt in die gleiche Kerbe. Er nimmt unter anderem die "vermuteten Interessen" aufs Korn, die durch Datenspeicherung vermeintlich oder tatsächlich erkannten Emotionen und Verhaltensweisen des Einzelnen, der im Internet surft. Jeder kann das heute erleben. Das sogenannte "Behavioral Marketing" schüttet mich täglich mit Istanbul-Reise-Vorschlägen zu, seit ich einmal über eine Reise nach Istanbul nachgedacht und mir im Internet Hotels angesehen habe. Dahinter stecken Verträge mit Tausenden von Portalen über das Browserverhalten der Netzgemeinde. Eine solche Firma habe ich vor einigen Jahren in den USA besichtigt, als diese Marketing-Technik hierzulande noch keine Rolle spielte. Sie hatte über 4000 Verträge mit Portalen geschlossen, die ihr den Zugang zum Browserverhalten gegen Bezahlung geöffnet haben. Mit diesen Daten fand die Firma zum Beispiel durch die berüchtigten Algoryhtmen (Ich weiss bis heute nicht, was das eigentlich genau ist) heraus, dass Leute, die gerne Autokinos besuchen, positiv auf die Werbung des Autovermieters Alamo reagierten. Also taucht Alamo-Werbung immer dann auf, wenn im Internet nach Autokinos gesucht wird. Genau diese Fähigkeit ist es, die Unternehmen wie Google und Facebook Milliardengewinne beschert.
So weit so gut oder schlecht. Inzwischen ist der Trend in Deutschland angekommen. Ich sehe auf den Webseiten, die ich besuche, überwiegend nur noch Werbung für Themen, die ich schon mal aufgesucht habe. Bin ich dadurch jetzt determiniert? Nein. Ich muss das ja nicht anklicken. Werbung ist eben Werbung.  Allerdings haben sich Tausende von SEO-Spezialisten auch in Inhalte eingeschlichen. Sie geben unendliche Mengen von Worten in Google-Adwords eingegeben, die helfen sollen, zum Werbekunden zu führen. Der schreibt dann auf seinen Webseiten Texte, die möglichst viele dieser Worte enthalten, damit man bei Google so weit wie möglich nach oben rückt. Weil das wiederum viele machen, ist die Wirkung begrenzt und auch das determiniert mich nicht.
Das wir auch nicht dadurch gefährlicher, dass Geheimdienste mitmischen.
Es gab Zeiten, da wurde Werbung von den 68ern als "Konsumterror" verteufelt. Was Schulz und Schirrmacher jetzt anprangern, ist diesen Kampagnen nicht unähnlich. Vergessen wird: Zu allen Bewegungen gibt es Gegenbewegungen. Im Netz findet ein permanenter Kampf zwischen gut und böse statt. Und der ist weißgott nicht neu, er findet nur in anderer Form statt. So gesehen ist die Überschrift von Schulz gar nicht so falsch: "Warum wir jetzt kämpfen müssen".
Ein IT-Professor aus Jena sagte mir vor einigen Jahren: "Das Internet ist wie ein Straßennetz. In diesen Straßen tummeln sich Verbrecher und Polizisten, Kaufleute und brave Bürger, Geheimdienste guter und böser Staaten - kurzum alles, was auch in der realen Welt diese Rollen spielt." Der Kampf ist also längst Realität. Die Frage ist nur, ob wir in Deutschland mit unserem technologischen Wissen ins Hintertreffen geraten. Auch das Internet ist bezähmbar, komischerweise lernt man das bei totalitären Staaten. In China wird das Internet zensiert. Aber wollen wir das?
Zum Thema empfehle ich übrigens einen Beitrag in der WELT vom 12.Januar 2010, wo es um die Debatte ging: Macht das Internet schlau oder dumm? Das finde ich viel interessanter als die ganze Datenschutz-Debatte.

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