Freitag, 13. Dezember 2013

Ein Ex-Chef von Bertelsmann mit Beklemmungen und Panikattacken

Hartmut Ostrowski war von 2008 bis 2011 Vorstandsvorsitzender des Bertelsmann-Konzerns (Heute 110 000 Mitarbeiter, 16 Milliarden Umsatz). 2011 wechselte er "aus persönlichen Gründen" in den Aufsichtsrat. In Gabriele Fischers Magazin Brand eins kann man nun (siehe HIER) nachlesen, was diese persönlichen Gründe waren - ein höchst seltenes Bekenntnis:
"Es war eine sehr schwierige Zeit, eine Belastung, die dann auch zu psychosomatischen Problemen führte. Zum Beispiel in Form von Beklemmungsgefühlen, plötzlichem Herzklopfen, Angstzuständen bis hin zu Panikattacken." 
Den Start als Vorstandsvorsitzender beschreibt Ostrowski so:
"Man ist plötzlich in einer anderen Welt. Die Einsamkeit nimmt zu. Man steht mit einem Mal im Mittelpunkt des Interesses ganz vieler Gruppen: Die Gesellschafter erwarten große Erfolge, die Analysten gute Zahlen, die Mitarbeiter eine Gallionsfigur, und die Journalisten suchen nach Fehlern. Diese Dimensionen habe ich unterschätzt, und das geht, wie ich weiß, vielen anderen Konzernchefs anfangs genauso."
Beim Lesen dieses Interviews überkommen mich zwiespältige Gefühle. Einerseits: Wie viele Manager in Top-Positionen ergeht es ähnlich? Andererseits: Wie kommt so ein Mann an die Spitze eines so großen Medienkonzerns? Müssen wir Mitleid haben? Oder ist uns die Menschlichkeit sympathisch, die wir so selten an der Konzernspitze sehen?
Ob Mathias Döpfner an der Spitze des Axel Springer Verlages auch solche Erfahrungen kennt? Wie fühlt sich Heinrich Hiesinger, der Vorstandsvorsitzende von ThyssenKrupp mit seinen Stahl-Desastern und Milliardenverlusten? Wir ergeht es Anshu Jain und Jürgen Fitschen von der Deutschen Bank, denen fast täglich der Sturm um die Ohren bläst?
Oder denken wir an den politischen Umgang mit der internationalen Finanzkrise? Wie ergeht es den Verantwortlichen? Können wir uns Angela Merkel oder Wolfgang Schäuble mit Beklemmungsgefühlen, Herzklopfen und Panikattacken vorstellen?
Nein, das können und dürfen wir nicht. Wer sich als Manager oder Politiker in die höchste Last der Verantwortung begibt, muss - ohne Arroganz - einfach ein dickes Fell haben, muss groß und stark sein - ob Mann oder Frau - und darf tatsächlich keine Schwächen zeigen. Es geht nicht darum, fehlerfrei zu sein. Es geht um die physische und psychische Stärke, um die Vorbildfunktion, die jeden Tag abverlangt wird. Fachliche Kompetenz alleine reicht nicht aus, um eine großer Organisation zu leiten. Es geht um Führungsqualitäten, letztlich um gute Führung. Nur dann geht von den an der Spitze getroffenen Entscheidungen jenes kollektive Vertrauen aller Stakeholder aus, das Zukunft gestaltet und Arbeitsplätze erhält. Das gilt ganz besonders für kritische Zeiten: Wenn es stürmt, darf der Kapitän auf der Brücke keine Angst haben, und  schon gar nicht Angst zeigen, sonst bringt er das ganze Schiff in Gefahr. 
Das Interview mit Hartmut Ostrowski macht menschlich betroffen. Es zeigt, welchem internen und externen Druck große Unternehmenslenker ausgesetzt sind. Aber man kann nur hoffen, dass es sich hier um eine Ausnahme handelt, und nicht dass es "vielen anderen Konzernchefs"genauso ergeht. Verachten sollte man Männer wie Ostrowski nicht, man muss dankbar für dessen Offenheit sein.  Jeder, der in die höchste Verantwortung berufen wird, sollte dieses Interview vor der Entscheidung lesen und sich fragen, ob er der Aufgabe wirklich gewachsen sein wird.


1 Kommentar:

  1. Was ist das einzig Reale an einem Cargo-Kult?

    http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Götter_müssen_verrückt_sein

    Das Cargo. In diesem Fall eine Coca-Cola-Flasche.

    Im Falle unserer "modernen Zivilisation" ist das Cargo schon etwas älter…

    http://www.deweles.de/files/gen1-1_11-9.pdf

    …und die Allermeisten haben noch immer keine blasse Ahnung, was es bedeutet:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/11/einfuhrung-in-die-wahrheit.html

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