Freitag, 11. Oktober 2013

Zur Huffington Post in Deutschland

Irgendeinen Grund muss es haben, dass die Huffington Post trotz des vielfältigen Medienangebots im Internet weltweit 77 Millionen Leser hat, davon 43 Millionen in den USA.  Was steckt dahinter?
Zumindest für die Gründerin Arianna Huffington hat es sich gelohnt, seit AOL dafür 315 Millionen Dollar zahlte. Ansonsten hat die Huff Post seit der Freischaltung 2005 noch keinen Gewinn erwirtschaftet.
Der Start in Deutschland unter dem Chefredakteur Sebastian Matthes wurde kritisch begleitet, einmal, weil viele Medien alles was aus der Focus-Schmiede kommt zu Unrecht mit intellektueller Arroganz sehen. Zum anderen wettern die Verlage und viele Journalisten gegen das Blog-Modell, weil die Autoren dafür kein Geld bekommen.
Gerade haben diverse Medien angefangen, Bezahlmodelle einzuführen und jetzt kommt mit der Huff Post das Gegenprogramm. Als kostenlose Internetzeitung mit einem starken Werbevermarkter wie Tomorrow Focus, dürfte es mit dieser Marke in kurzer Frist zu sehr hohen Userzahlen kommen, die selbst Spiegel Online und anderen Newsportalen echte Konkurrenz machen.  Glaubt jemand ernsthaft, dass sich dann noch echte Bezahlmodelle durchsetzen lassen?  Ich glaube es jedenfalls nicht und würde als Verleger die Finger davon lassen. Zu gerne wüsste ich, wie die Bilanz von "Bild plus" aussieht.

Dass die Huff Post für ihren investigativen Journalismus kürzlich einen Pulitzerpreis bekommen hat, liest man kaum. Ihr Modell beruht nämlich auf einer nahezu perfekten Kombination aus Nachrichten, eigenen Geschichten und Blogs. Es gibt also durchaus bezahlte Geschichten, es gibt alle Nachrichten, und zwar kostenlos und es gibt einen bunten Strauß von Blogs - viele davon durchaus lesenswert und kontroverse Diskussionen auslösend.
Die deutschen Verlage hatten acht Jahre Zeit, ein ähnliches Modell aufzusetzen. Ich erinnere daran, wie der Kölner Verlag DuMont Schauberg die schon recht erfolgreiche "Netzeitung" gekauft und daraus ein Sparmodell gemacht hat, statt zu investieren. Die Netzeitung hatte ich 2003 gemeinsam mit Michael Maier gekauft und zwei Jahre später, nachdem die monatlichen Werbeumsätze von 40 000 auf 200.000 Euro gesteigert werden konnten, an das norwegische Medienunternehmen Orcla verkauft, die es dann wiederum an die BV Deutsche Zeitungsholding verkaufte - und die wiederum verscherbelte es im Januar 2009 an DuMont weiter. Im Dezember 2009 machten die Kölner daraus ein automatisiertes Newsportal, das niemanden mehr interessiert.

Was die Huffington Post von vielen deutschen Portalen unterscheidet, ist ein grundsätzlich anderes, kundenfreundliches Web 2.0 - Verständnis. Es ignoriert die intellektuelle Vormundschaft des deutschen Journalisten gegenüber den Lesern und hebt mit den Gastkolumnisten vielseitiges Wissen und kontroverse Ansichten ins Angebot. Die Kritik am angeblich zu bunten Layout halte ich für überzogen. Wichtiger ist, dass der Leser Kommentare lesen kann, die es bisher in Deutschland nicht gab. Dass Chefredakteur Sebastian Matthes zuvor das Ressort Technik und Innovation der Wirtschaftswoche geleitet hat, ist keine schlechte Expertise. Innovation ist gefragt, die politische Relevanz bringen die Blogger mit. Warten wir also mal die ersten Zahlen ab. Ich bin sicher: Die HuffPost wird sich hier fest etablieren.

P.S. Interessant ist, dass die amerikanische Ausgabe linksliberal ist, was eigentlich nicht zu Hubert Burda passt. Da Arianna Huffington ihren Vorsatz, deutsch zu lernen, nach eigenen Worten aufgegeben hat, wird sie das vielleicht gar nicht wissen. Immerhin wird ja auch viel aus dem amerikanischen Text übersetzt, wie beispielsweise der Blog des Kolumnisten Nicolas Berggruen, der sich nicht zu Karstadt, sondern zur europäischen Schuldenkrise äußert ("Wachstum anschieben").


Kommentare:

  1. Die Diskussion, gerade die Emotionalität der Blogger, zum Start der deutschen HuffPo, hatte mich stark erstaunt. Das Angebot ist frei und jeder kann darüber entscheiden, ob er teilnimmt oder nicht.

    Ich frage mich eher, ob der "boulevardeske" (Dank "Heise-De", den Begriff kannte ich vorher noch gar nicht) Stil der HuffPo wirklich seine Leser im deutschsprachigen Raum anzieht oder nicht. Zwar zeigt Alexa ein riesige, Steile Kurve nach oben, aber das mag auch das Interesse zum Start sein: Der deutschsprachige Raum ist für neue Methoden oder Innovationen nicht gerade berühmt.

    Ich denke, die HuffPo lebt auch von berühmten Menschen. Hier muss noch viel Arbeit geleistet werden, die Beiträge von "Bobbele" ziehen (glaube ich) noch keine tausende von Lesern an.

    Ich selber wünsche der HuffPo einen guten Start in DE, eine gesunde Alternative kann gerade den Lesern nicht schaden.

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  2. Gute Analyse. Insbesondere das Thema web 2.0 ist der Kernpunkt. Die Leute da draussen wollen vielleicht gar kein besonderes webdesign. Vielleicht wollen sie sogar überhaupt keine Medien die sie im traditionellen journalistischen Stil über die Welt "unterrichten". Sie wollen vielleicht eine Informationsplattform an der sie unkompliziert teilhaben können - mit ihrer Meinung, mit ihrem Wissen.

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  3. Mich stört zwar auch der Focus, aber noch mehr die Menge an Schnipseln aus der Bild Redaktion.

    Insgesamt ist mit die HP-de Inhaltlich zu flach.

    Aber auch ich vermute, das liegt daran, das sich die Amerikaner nicht über die Deutsche Zeitungslandschaft informiert haben, als Sie Ihre Kooperationspartner ausgewählt haben.

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  4. Ich verstehe die Aufregung ehrlich gesagt auch nicht. Die HoffPo setzt doch nur konsequent um, was das Internet hergibt und die anderen verschlafen haben. Hier mein Beitrag zu Thema: http://eulenausathen.com/2013/10/06/the-huffington-post-post/

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