Freitag, 20. September 2013

Wahlen, Umfragen, Erwartungen

In der Soziologie spielt der Begriff der Erwartung eine zentrale Rolle. Ich bin kein Soziologe, aber klar ist dass Erwartungen mal als Prognose wahrgenommen werden, mal als normative Haltung: Ich erwarte einen bestimmten Wahlausgang. Oder, normativ: ich erwarte, dass du dich anständig benimmst. An der Börse geht es darum, die allgemeinen Erwartungen einzuschätzen. Wenn zum Beispiel alle erwarten, dass der Ölpreis steigt, wird er fallen, weil sich alle vorher eingedeckt haben und plötzlich kein Käufer mehr zu finden ist.
Nun wird am Sonntag gewählt. Umfragen führen zu Erwartungen. Die Journalisten bei Maybritt Illner gestern erwarteten alle, dass Merkel Kanzlerin bleibt, manche erwarten ein knappes schwarz-gelb, manche eine große Koalition. Keiner glaubt, dass Steinbrück Kanzler wird.
Wenn sich alle so einig sind, obwohl die Umfragen ausdrücklich auf Fehlertoleranzen hinweisen, die bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen das Ergebnis auf den Kopf stellen können, dann kann es zu echten Überraschungen kommen, und ich habe das Gefühl, dass die Umfragen dieses Mal ganz schön schief liegen könnten. Bei 1000 Befragten kommt auf einen Ergebnisbereich  eine Fehlertoleranz von 2 bis 2,5 Prozent. Aus 11 Prozent können dann 9 Prozent werden, aus 4 Prozent 5 usw. Die Journalisten wissen das, trotzdem haben Sie alle ziemlich gleichgerichtete Erwartungen, und das ist echt umfragebedingt. So gesehen hätten wir einen langweiligen Wahlabend vor uns. Aber ich glaube das nicht. Überraschungsmoment werden die kleinen Parteien sein. 

Was wäre eine Überraschung?
  • Die FDP bekommt 7 Prozent. Oder sie bekommt weniger als 5 Prozent und fliegt raus.
  • Die Grünen fallen auf 7 Prozent. Oder sie kommen auf 12 Prozent
  • Die Linke bekommt 10 Prozent. Oder sie fällt auf unter 7 Prozent
  • Die AfD kommt in den Bundestag. Oder sie bekommt nur zwei Prozent
Jede dieser Überraschungen hätte Konsequenzen, in alle Richtungen. Deswegen freue ich mich riesig auf eine spannende Wahlnacht. Und erwarte nichts, außer einem interessanten Fernsehabend und den ganzen Analysen, warum es doch anders gekommen ist, als erwartet.

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