Mittwoch, 11. September 2013

Julia Jäkel marschiert

In ihrem heutigen Interview mit der FAZ hat Julia Jäkel, die energische neue Vorstandsvorsitzende des Gruner+Jahr-Verlages ihre neue Strategie vorgestellt. Eine interessante Lektüre, nachzulesen HIER. Gruner+Jahr wird zu einer Plattform von "Communities of interest"umgebaut. Es bedeutet, dass sich der Traditionsverlag auf seine Kernkompetenz konzentrieren will, nämlich journalistische Inhalte mit hoher Qualität. Die sollen dann durchweg digitalisiert werden und in allen verfügbaren Formen besser und vielfältiger vermarktet werden, Print eingeschlossen, mit einem starken Schwerpunkt auf E-Magazine und Apps. Dafür verzichten die Anteilseigner Bertelsmann und Jahr auf einige hundert Millionen an Gewinnausschüttungen. Es wird also kräftig investiert.
Was ist von diesem Konzept zu halten?
Wäre ich ein Journalist beim Stern, müsste ich mich fragen, was ich bisher falsch gemacht habe. Die Journalisten sind ja die gleichen, und einige werden den Verlag nach dem jetzt angekündigten Umzug von München nach Hamburg wohl auch verlassen.
Was schief gelaufen ist, lässt sich dem FAZ-Interview nicht entnehmen. Dass Anzeigenkunden künftig pfleglichere Artikel bekommen werden, schließt Julia Jäkel vehement aus und verweist auf den Stern: "Im „Stern“ ist gerade eine Serie gelaufen, in der von den Optikern bis zu den Fluglinien eine Branche nach der anderen auseinandergenommen wurde. Ist das vielleicht anzeigenfreundlich?" (So kann man ärgerliches schönreden). Also kein Wohlfühljournalismus, richtig so. Es scheint also beim "Qualitätsjournalismus" zu bleiben, den alle Verlage wie eine Monstranz vor sich her tragen. Nun, ich glaube das gerne, aber es wird nicht mehr ausreichen. Qualität in Form von guten Geschichten bekomme ich in vielen Medien. Aber was bekomme ich an Mehrwert, wenn ich mich für den Stern entscheide? Hier kommen jetzt die Communities ins Spiel. Das Gesundheitsressort des Stern schreibt dann nicht nur für den Stern, sondern tauscht sich intensiv mit den Erfahrungen der Community "Gesundheit" aus - so verstehe ich das jedenfalls.
Die Bildung von solchen Communities of Interest ist der absolut richtige Ansatz - wenn er konsequent umgesetzt wird. Diese Strategie bedeutet nämlich, die Leser gleichberechtigt - auch als als Autoren , Kritiker oder Produktentwickler - zu beteiligen und sie nicht als Empfänger selbst definierter hochqualitativer Kost herablassend zu erdulden. Deswegen funktioniert ja auch das G+J-Portal Chefkoch.de, mit dem Geld verdient wird. Da machen die Leser mit ihren schönsten Rezepten mit. Das Dreieck Stern-GEO-Brigitte hat den Verlag immer über die Maßen dominiert. Dort sitzen viele Journalisten, die sich gegenseitig Qualitätsjournalismus bescheinigen, während ihnen der Austausch mit Lesern eher zeitraubend und lästig ist. Julia Jäkel macht damit Schluss, wie mir scheint.
Wie man das ändern kann, hat SPIEGEL-Autor Cordt Schnibben gerade gezeigt, der online über 1000 Leser ein neues Bild einer gedruckten Tageszeitung entwerfen ließ. Communities wie beispielsweise die 190.000 aktiven User der Münchner Fidorbank funktionieren, wenn sie nicht nur ein paar Kommentare zu Artikeln ablassen können, sondern wenn sie zusätzlich aktiv über die "Interests" diskutieren, sich, ihre Geschichten und ihre Erfahrungen einbringen und nicht nur ungebildete Rezipienten oder Marketing-Zielgruppe sind.
Viele Unternehmen haben Angst davor, sich und ihre Produkte einer permanenten Bewertung und Diskussion (wie etwa im weit entwickelten Reisebereich) auszusetzen. In den Verlagen nimmt das Umdenken jetzt endlich Gestalt an. Es geht darum, endlich die Emanzipation des Lesers anzunehmen.


Kommentare:

  1. Der stern hat kein Gesundheitsressort. Wir haben nur vier Ressorts, und es fühlt sich gut an.
    Herzlich,
    Christoph Koch
    RL stern Wissen

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  2. Lieber Herr Koch,
    danke für den Hinweis. Bitte ersetze Sie Gesundheitsressort durch "Stern Wissen".
    Ergebnis bleibt gleich
    Viele Grüße
    RD Brunowsky

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