Mittwoch, 14. August 2013

Facebook - die unbegriffene Dimension, ein Rückblick

Die Berichterstattung über Facebook sagt viel über den ewig pessimistischen deutschen Wirtschaftsjournalismus. Als das Unternehmen an die Börse ging, rieten hierzulande alle vom Kauf ab, weil eine Bewertung von 100 Milliarden US abseits jeder deutsche Vorstellung lag. Heute gehört Zuckerbergs Startup zu den fünf wertvollsten Unternehmen der Welt.

Im Handelsblatt schrieb Anfang 2013 Axel Postinett aus San Francisco, nachdem der Kurs unter den Ausgabepreis gefallen war: "Es sollte die Krönung einer beispiellosen Unternehmensgeschichte werden, der Börsengang des Jahrhunderts, der Beweis, dass im Silicon Valley einfach alles möglich ist. Aber herausgekommen ist ein Desaster, dessen Schockwellen heute noch spürbar sind im Reich der digitalen Glücksritter. Eine Mär von Größenwahn der Wall Street, Raffgier, Pleiten, Pech und Pannen. Am Ende machte der Facebook-Börsengang vor genau einem Jahr einige wenige unfassbar reich und viele andere arm." 
Schön dramatisch, schön daneben.
Und die Wirtschaftswoche titelte 2012: "7 Gründe, Facebook nicht zu kaufen".  Anleger, die diesem Rat gefolgt sind, haben satte Gewinne verpasst.

Zu den wenigen, die 2012 einen Facebook-Erfolg für möglich hielten, gehörte übrigens FAZ-Ressortleiter Carsten Knop. Er schrieb kurz vor dem Börsengang: 

"Bisher hat Facebook noch gar nicht richtig angefangen, diese Datenmenge für die Werbetreibenden zu erschließen. Aber was passiert, wenn das gelingen sollte? Der gesamte Werbemarkt auf der Welt hat ein jährliches Volumen von mehr als 580 Milliarden Dollar. Davon entfällt derzeit nur ein Bruchteil auf Facebook. Aber Facebook ist neben Google das Unternehmen, das mit Recht behaupten kann, die werbetreibende Wirtschaft am besten vor den sogenannten Streuverlusten bewahren zu können, die entstehen, wenn Werbung Menschen erreicht, die sich für sie gar nicht interessieren."

Inzwischen nutzen 1.2 Milliarden Menschen Facebook. Der Gewinn stieg von April bis Juni im Jahresvergleich von 719 Millionen auf 2,1 Milliarden US-Dollar. In einem Quartal! Die Werbeeinnahmen legten um 63 Prozent auf 6,2 Milliarden US-Dollar zu. Der Kurs der Aktie liegt inzwischen bei etwa 112 $, ein Plus von 253% seit dem Börsengang. Neueste Kursziele liegen bei 170 $.

Den Deutschen fehlt die Phantasie, und Begeisterung gilt als verdächtig. Deswegen haben es Startups in Deutschland viel schwerer, Finanzmittel einzuwerben als amerikanische Gründer, denen die Millionen nur so hinterher geworfen werden.
Ganz besonders schwierig ist es für deutsche Medien, die Erfolgsaussichten von Startups richtig einzuschätzen. Zwar schreiben inzwischen alle Wirtschaftsmedien über Fintechs, Insuretechs und Startups. Doch selten treffen die Berichte den Kern der jeweiligen Geschäftsmodelle. Und begeistern lässt sich ohnehin niemand. Das ist ja unjournalistisch.

In Deutschland ist die erste Frage: "Wozu braucht man das?"
In den USA fragt man: "Was kann ich damit machen?"  

Zu den wenigen, die in Deutschland in amerikanischen Dimensionen erfolgreich sind, gehören die Samwer-Brüder. Ihre Firma Rocket Internet ist ständiges Ziel deutscher Zweifler, weil der Aktienkurs gefallen ist. Doch Oliver Samwer lässt sich davon nicht beeindrucken. Er macht sein Ding, und ich bin sicher, das wird eine große Erfolgsgeschichte werden.
Auch bei Amazon konnten sich deutsche Medien nicht vorstellen, dass die permanenten Verluste irgendwann in einen größeren Gewinn münden könnten. Im zweiten Quartal 2016 kletterte der Überschuss im Jahresvergleich von 92 Millionen auf 857 Millionen Dollar. Warum? Weil Amazon ein zweites Standbein aufgebaut hat, und seine Server an Unternehmen vermietet (Cloud-Business).
Das hatte in Deutschland kaum einer im Visier.

Ich mochte Facebook von Anfang an.
Im Mai 2012 schrieb ich zum Börsengang in diesem Blog:

"Die Begleitung des Börsengangs von Facebook durch die deutschen Medien hat mich irgendwie gestört. Da legt ein erst im Februar 2004 gegründetes Unternehmen einen 100-Milliarden-Börsengang hin und die deutschen Journalisten maulen herum. ... In all den Beiträgen erfahren wir zuwenig über das Geschäftsmodell, mit dem Facebook immerhin schon eine Milliarde Jahresgewinn erwirtschaftet hat.Wer hätte beim Google Börsengang 2004 gedacht, dass das Unternehmen mit einem damaligen Umsatz von 1,5 Milliarden US Dollar acht Jahre später 10 Milliarden Gewinn machen würde? Trotzdem haben Anleger am ersten Börsentag über 100 Dollar hingeblättert und damit später einen prächtigen Gewinn erzielt."

Tatsächlich stürzte der Kurs des Unternehmens anschließend ziemlich ab. Und alle sahen sich bestätigt. Nun steht der Kurs wieder bei 37 Dollar oder etwa 30 Euro - wie beim Börsengang. Denn Facebook hat riesige Fortschritte bei der Smartphone-Werbung erzielt. Und wir werden noch diverse Überraschungen erleben. Ich würde mich nicht wundern, wenn der Kurs in drei Jahren bei 200 steht, denn dieses Unternehmen ist weit mehr als ein "soziales Netzwerk".

Tatsächlich wird Facebook immer mehr zu einer wichtigen Informationsquelle. Früher dachte ich, Facebook ist etwas für Freunde und Familie. Ich hielt es für eher unwahrscheinlich, dass sich Kollegen und Geschäftspartner bei Facebook mit mir "befreunden" wollten. Beruflich hatte ich mich auf Linkedin konzentriert. Hier gehört mein Profil angeblich zu den 5% der meistbesuchten, hat mir Linkedin mitgeteilt :-) Tatsächlich habe ich in diesem Jahr über Linkedin vier neue Kunden gewonnen. Linkedin ist deshalb für mich unverzichtbar. Aber was kann ich mit Facebook anfangen?

Inzwischen habe ich meine Meinung zu Facebook geändert und begonnen, diverse interessante Medienleute einzuladen. So gut wie alle haben meine Einladung angenommen, und nun bemerke ich plötzlich, wie sich die Qualität der Inhalte auf meinem Facebook-Zugang massiv verbessert. Morgens die FAZ, das Handelsblatt, die Süddeutsche und die Welt. Mittags Facebook. Hätte ich mir vor drei Jahren nicht vorstellen können.

Der Input ist plötzlich hochspannend, die Hinweise auf das, was man gelesen oder gesehen hat, sind intelligent, unterhaltsam, und wichtig. Und ähnlich wie bei Twitter, nur langsamer (man kann besser mitlesen) gibt es einen Nachrichtenfluss, der mich in dieser Qualität überrascht hat.

Junge Leute lesen deshalb keine Zeitung mehr. Was sie gelesen, gehört und sich zu sagen haben, tauschen sie auf Facebook aus. Wenn sie erwachsen sind, wird sich dieses Verhalten nicht ändern. Also muss man Facebook neu einordnen: Es ist ein immer wichtigeres Informationsmedium, das jeder nutzen kann. Es ist ein Distributionskanal für journalistische Beiträge mit interaktivem Input. Es ist ein virales Rennauto, das Informationen schnell von einem zum andern trägt. Es inspiriert durch Medienvielfalt: Text, Bild, bewegtes Bild,Ton - wenn die Teilnehmer sich nicht auf Tralala beschränken.

Heute morgen las ich den interessanten Kommentar von Stefan Kolle im Handelsblatt. Er schrieb sinngemäß, dass werbeintensive Konzerne wie Coca Cola inzwischen eigene Redakteure einsetzen, um Social Media zu nutzen: "Strategie Content 2020". Und "Warum sollen wir Fernsehsender reich machen, wenn es andere Wege gibt", zitiert Kolle den Marketingchef von Nike. Facebook wird deshalb mit Werbung reich werden.Und seine Aktionäre auch. Nicht weil man da so nett chatten kann, sondern weil es ein Informationsmedium geworden ist. Das ist die von vielen noch nicht begriffene Dimension.

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