Mittwoch, 31. Juli 2013

Zur Abberufung von Arno Balzer vom Manager Magazin

Gerd Schulte Hillen, der legendäre frühere Vorstandsvorsitzende von Gruner+Jahr, hat einmal in einer Runde von Chefredakteuren launig ausgerufen: "Nach zehn Jahren muss jeder Chefredakteur ausgetauscht werden." Das ist mir passiert. Und jetzt auch Arno Balzer, von dessen Abberufung heute im Kress-Report zu lesen war.
Ich kenne Arno gut, war er doch in den achtziger Jahren bei der Wirtschaftswoche in meinem Ressort "Wirtschaft und Politik" zusammen mit anderen, die es zum Chefredakteur brachten: Roland Tichy, Bernd Ziesemer, Gabor Steingart (damals noch Volontär). Auch Emilio Galli Zugaro, der oberste Kommunikations-Strippenzieher bei der Allianz, war in diesem Ressort als Korrespondent.
Das Manager Magazin gehört zum Spiegel-Verlag. Indirekt ist auch Gruner+Jahr beteiligt.
Arno Balzer war damals Wolfgang Kaden nachgefolgt, der das Blatt viele Jahre erfolgreich geführt hatte. Balzers Verdienst es, das Blatt bislang mit ruhiger Hand durch die Krise der Wirtschaftspresse geführt zu haben, ohne den Markenkern zu beschädigen. MM hatte der Versuchung widerstanden, den Börsenhype zu nutzen und deshalb kaum Auflage verloren, als es mit der Börse abwärts ging. Der promovierte Volkswirt Balzer hat sich publizistisch zurück gehalten. Ein Fehler wie ich meine, Chefredakteure sollten ihre Meinung konsequent nach außen vertreten. Dennoch: Die Geschichten sind wie eh und je lesenswert, auch wenn die Schlüssellochperspektive den Betroffenen nie gefiel. Manager mögen MM nicht wirklich. Dafür ist das Blatt bei den Unternehmensberatern stets hoch im Kurs. Von dort kommt auch manch exklusive Information.
Der MM-eigene Schreibstil ist meist gut mit Humor gewürzt, Häme zwischen den Zeilen eingeschlossen. Journalisten wie Klaus Boldt liest man, weil sie nicht nur informativ sind, sondern auch Lesespaß bringen - was die meisten Wirtschaftsjournalisten nicht beherrschen. Jeder Einstieg von Boldt ist zelebriert und die Schlusspointe fehlt nie. Der Unterhaltungswert der investigativen Geschichten ist bei MM nach wie vor hoch.
Doch die dramatischen Anzeigeneinbrüche seit einigen Jahren haben auch dieses Wirtschaftsmagazin stark getroffen. Das erste Halbjahr muss eine Katastrophe gewesen sein.
Jetzt stellt sich die Frage, wie das Blatt noch Geld verdienen kann. Was ist die Perspektive? Das Problem ist, dass MM allein nicht stark genug ist, die Anzeigenkrise der Wirtschaftsmagazine finanziell zu überstehen. Wachstum wäre im Ausland möglich, doch Auslandsaktivitäten hat der Verlag versäumt. Neugründungen hat es keine gegeben, was wohl am Redaktionsstatut des Spiegel-Verlages und seiner MM-Tochter liegt. Die Spiegel-Mitarbeiterschaft kennt nur den Spiegel, und sonst nichts.
MM hat kaum Nebeneinnahmen. Der Harvard Manager ist wohl profitabel, reißt es aber auch nicht. MM-Online gehört als Teil von Spiegel-Online immerhin zu den gefragten Nachrichtenportalen, ist aber auch nicht im Spitzenfeld. Karsten Stumm macht dort einen guten Job.
Veranstaltungen gibt es, aber meines Wissens keine, die wie beim Handelsblatt richtig Geld bringen.
Ein neuer Chefredakteur wird wenig ausrichten können, wenn dem Verlag letztlich das Geld für Investitionen fehlt.
Vor einigen Jahren hatte ich ein Treffen mit dem damaligen Spiegel-Geschäftsführer Karl Dietrich Seikel. Ich hatte ihm vorgeschlagen, mit Hilfe eines Finanzinvestors die FTD und Capital zu übernehmen und daraus einen von MM geführten neuen Wirtschaftsverlag unter dem Dach des Spiegelveralges zu formen. Der Spiegel hätte Vertrieb und Anzeigenverkauf übernommen, der Finanzinvestor hätte den Deal finanziert und Gruner+Jahr hätte einen eleganten Weg gefunden, die defizitäre FTD loszuwerden - ohne die Beteiligung am Spiegel aufzugeben und somit indirekt weiter beteiligt zu sein. G+J hätte Impulse und Börse Online verkauft. Die FTD hätte der Finanzinvestor nach einer Weile an die Handelsblatt-Gruppe verkauft. Im Gegenzug hätte der Verlag die Wirtschaftswoche hereingenommen. Mit MM, Capital und Wiwo und mit der Vertriebs- und Anzeigenpower des Spiegel-Verlages wären die Zukunftsaussichten heute für alle drei Blätter wohl besser.
Es gab dann auch wohl Gespräche zwischen Holtzbrinck und G+J, die aber bekanntlich ohne Ergebnis blieben. Nun bin ich gespannt, wie lange MM, Capital und Wirtschaftswoche noch ohne weitere Einschnitte durchhalten. Es wäre uns allen zu wünschen, dass diese Medien mit ihren hervorragenden Journalisten durchhalten. Allen dreien ist zu empfehlen, Nebengeschäfte massiv auszubauen und den digitalen Bereich zu modernisieren: Insbesondere mehr bewegte Bilder, mehr Interaktion mit den Usern, mehr Einbeziehung von Blogs.




1 Kommentar:

  1. P.S. habe jetzt den Grund für den Rausschmiss erfahren: Arno wollte angeblich mit Hilfe eines Finanzinvestors einen Management Buyout. Das stieß beim Verlag offensichtlich nicht auf Gegenliebe.

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