Donnerstag, 25. Juli 2013

Döpfners waghalsiger Schritt

Die Nachrichten aus Berlin sind schon ein Hammer. Mit dem Verkauf von Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost und HÖRZU durchschlägt mein früherer Praktikant Mathias Döpfner einen gordischen Knoten, um den Konzern endgültig neu auszurichten. Er leiht der Funke Familie Geld, um drei Traditionsblätter mit Anstand loszuwerden und den Weg für einen durchdigitalisierten Konzern freizumachen.

Um das zu verstehen, muss man einen Blick in die Vergangenheit werfen.
Die Berliner Morgenpost war meine erste journalistische Station. Am 1.11.1977 begann ich dort mein Volontariat. Als ich dort anfing, waren die 68er Straßenschlachten, der Mord an Benno Ohnesorg durch den Polizisten Kurrat, der sich später als Stasi-Mitarbeiter herausstellte, längst vorbei.

Doch die Berliner Morgenpost blieb weiterhin so etwas wie eine Speerspitze gegen das Unrechtssystem der DDR. Mein damaliger Kollege Michael Ludwig Müller - von der linken Szene als "Springer-Müller" gehasst, schrieb fast täglich mutig gegen die linksextremen Entwicklungen an den Berliner Universitäten an. In seinem kürzlich erschienenen Buch "Die DDR war immer dabei" hat er noch einmal nachgezeichnet, wie die Stasi in der linken Studentenszene mitgemischt hat. Manch 68er verklärt heute gern, was damals zu den Ursprüngen der RAF gehörte. Man erinnert sich an brennende Auslieferungswagen der Bildzeitung, wilde Straßenschlachten, Anschläge und mehr. Und immer wieder an Menschen, die wie Peter Fechter im Feuerhagel der Vopos in den Stacheldrähten verbluteten.
Axel Springers Haus in der Kochstraße, direkt an der Mauer, war ein Bollwerk gegen alle Versuche der DDR, West-Berlin einzuschüchtern. Die Springer-Medien, auch Welt und Bildzeitung, waren so gesehen tatsächlich Kampfmedien eines kalten Krieges. Zugleich waren sie die intensivsten Mitstreiter für eine Aussöhnung mit dem jüdischen Volk und Israel. Jeder Redakteur muss bis heute in seinem Arbeitsvertrag unterschreiben, das Existenzrecht Israels anzuerkennen.
Dafür wurden Springer-Journalisten beschimpft und gehasst, aber sie haben den Menschen im Osten - genauso wie Gerhard Löwenthal im ZDF - immer die Hoffnung auf Freiheit gegeben. 1989 wurde diese Hoffnung spektakuläre Realität. Alle Medien, die das Regime umschmeichelt hatten, zum Beispiel nachweislich Theo Sommer als damaliger Chefredakteur der ZEIT, schwenkten plötzlich um. Springer brauchte nicht umzuschwenken, der Verleger hatte immer auf die richtige Perspektive gesetzt.

Das Hamburger Abendblatt wiederum war im Hause Springer immer die erste Adresse für exzellenten Lokaljournalismus. Wer es dort zum Chefredakteur brachte, war Vorbild für das ganze Haus. Und die Hörzu schließlich mit ihrer "Goldenen Kamera" - dem damals begehrtesten Fernsehpreis - brachte den, wenn auch leicht angestaubten Gala-Flair in eine Stadt, die viele für eine sterbende hielten. Ich erinnere mich an den letzten Artikel, den Hans-Ulrich Jörges Mitte der achtziger Jahre als Korrespondent der Agentur Reuters geschrieben hat. Er hatte genau diese Überschrift: "Berlin - eine sterbende Stadt".

Mathias Döpfner hat diese Vergangenheit jetzt verkauft. Das ist sicherlich keine gute Nachricht für die betroffenen Redaktionen, denn wo verkauft wird, fallen Späne. Wenn alles im Lot wäre, bräuchte man nicht zu verkaufen. Also geht es wieder um Synergien, Kosteneinsparungen und Entlassungen.

Wir sehen bei Holtzbrinck, dass sich der Kauf von Printmedien durchaus lohnen kann. Was aber in allen Printmedien fehlt - wir lassen das Beispiel Landlust mal beiseite - ist die Wachstumsperspektive. Ein regionaler Verleger, der nicht die ganzen Overheadkosten eines Konzerns mitschleppen muss, kann heute immer noch sein Auskommen mit einer guten Regionalzeitung haben. Und die ZEIT hat einen Aufschwung völlig gegen den Trend geschafft.
Der Megatrend läuft jedoch dagegen. Das hat Döpfner erkannt. Sein früherer Chef Gerd Schulte-Hillen hatte ihm einmal den Rat gegeben: "Wenn sie eine Erkenntnis haben, müssen Sie auch handeln." Das hat Döpfner jetzt getan, nicht ohne seine Besten zuvor noch mal nach Silicon Valley zu schicken. Die sind von dort offensichtlich restlos überzeugt zurück gekommen. Springer macht im digitalen Bereich schon über eine Milliarde Umsatz. Das ist eine gute Basis. Man wird sehen, ob die Bezahlmodelle für BILD und Welt funktionieren, ich habe da große Zweifel. Aber darum allein geht es nicht.
Der entscheidende Punkt ist, dass sich Medienhäuser strategisch nicht auf klassischen Journalismus beschränken dürfen. Ein Medienhaus definiert sich heute anders. Immobilienportale, Holiday-Portale und ähnliches verdienen mehr Geld als klassische Redaktionen. Die Texte der T-Online-Redaktion sind sicher kein Schwergewicht, aber natürlich auch Journalismus. Und das Anzeigenaufkommen schrumpft im Printbereich dramatisch. Content ist bei Immoscout eher Begleitmusik, aber dennoch schreiben auch hier Journalisten Texte.  Digitale Verleger und ihre Journalisten müssen eben akzeptieren, dass Blogger, Foren-Teilnehmer und alle, die ihre Fotos oder Videos ins Netz stellen, Teil ihres Konzepts sein müssen. Das Bevormundungs-Gen hat in dieser Welt ausgedient. Die Banken haben das noch nicht richtig gelernt. Aber vielleicht lernen es jetzt die Journalisten?








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