Donnerstag, 20. Juni 2013

Euro oder Bitcoins?

Diese Kolumne hat Matthias Kröner heute in verkürzter Fassung auf Focus Online veröffentlicht. Hier die Langfassung. Eine spannende Frage

Bitcoins statt Euro?
Von Matthias Kröner
CEO der Fidor Bank


„Oh Gott. Da ist etwas Neues, was ich nicht verstehe. Darf man das überhaupt?“ So ist die erste Reaktion vieler Marktteilnehmer, sobald über alternative Währungssysteme a la Bitcoin diskutiert wird.
Kaum jemand macht sich die Mühe zu verstehen, welche Beweggründe zu Bitcoins  geführt haben und worum es sich bei derartigen alternativen Währungsangeboten genau handelt. Stattdessen werden kategorisch Gründe gesucht, weswegen das so nicht geht, weil nicht sein darf, was nicht sein kann.
Währungen haben etwas Unantastbares, etwas „Un-Diskutierbares“, sie fühlen sich „sacrosankt“ an. Dabei ist die Beschäftigung mit dem eigenen Geld notwendig und lohnenswert!
Denn eine Währung war schon immer auch ein Machtinstrument sowie ein Instrument der Umverteilung. Daran hat sich in den letzten 500 Jahren bis heute nichts geändert. Auch heute entschuldet sich der Staat auf Kosten des Kleinsparers, wenn die wirkliche Inflation höher ist als beispielsweise die Zinsen für Bundesanleihen – all dies in Euro gerechnet.
Was hilft es mir da also, in Euro für die Altersvorsorge zu sparen, wenn dann - zum Eintritt des Alters - der Euro nichts mehr wert ist? Darüber sollte, darüber muss sich jeder Gedanken machen und fragen, welche Alternativen es gibt.
Die Diskussion über alternative Währungsmodelle ist weit älter als das Internet. Sie gibt es so lange, wie es  Währungen gibt, denn schon früh haben die Menschen verstanden, dass in der Währung selbst der Schlüssel für Reichtum und Armut steckt, dass die Art der Währung selbst den Fortschritt oder die Blockade eines Wirtschaftsraums bedeutet.
In unserer Zeit kommen nun zwei Entwicklungen  zusammen: Die Eurokrise und der damit einhergehende Vertrauensverlust in die Währung auf der einen Seite. Auf der anderen Seite die technologische und kulturelle Entwicklung rund um das Internet und dabei hauptsächlich das Web 2.0.
Im Umfeld der web-basierten „Mitmach“- Kultur werden bestehende Autoritäten hinterfragt und neue Konzepte erarbeitet. Open Source ist dort ebenso ein Schlagwort wie Crowdfinance oder Peer-to-Peer Banking. Kein Wunder, dass in derartigen Kulturen eine „Regierungswährung“ grundsätzlich hinterfragt wird. Es überrascht nicht, dass Vertreter von „Offline-Mainstream-Medien“ die aus diesen Kulturen resultierenden Lösungen nicht sofort nachvollziehen können und als „selbst-verständlich“ akzeptieren wollen.
Kein Wunder also, dass die Diskussion zu Bitcoins & Co so verläuft, wie sie verläuft. Alles was auch nur annähernd als Beleg für die Fehlerhaftigkeit des digitalen Vorgehens herangezogen werden kann, wird in die Diskussion eingebracht. Der Skandal um die virtuelle Währung Liberty Reserve, bei der  sechs  Milliarden US-Dollar gewaschen wurden, nährt die Skepsis der eh schon Skeptischen.
Dieser Skandal ist aber auch alles andere als hilfreich, zeigt er doch, wie digitale Währungssysteme grundsätzlich missbraucht werden können, wenn sie nicht ordentlich aufgesetzt sind. Abgesehen davon sei angemerkt: Geldwäsche wurde konzeptionell im Umfeld „normaler“ Regierungswährungen entwickelt. Geldwäsche ist keine Erfindung der Online-Welt, ebenso wenig wie es alternative Währungsmodelle eine Erfindung des Internets sind.
Die Vorreiter der jüngeren Geschichte entstanden in den Zeiten rund um die letzte große Währungskrise der 20er und 30ger Jahre des letzten Jahrhunderts. Ein beeindruckendes Beispiel hierfür ist die WIR Bank im schweizerischen Basel. Mit dieser Bank entstand eine eigene Währung, der WIR, der sogar ein eigenes internationales Währungskürzel hat: CHW. Erst in den 90ger Jahren hat diese Bank den Schweizer Franken bei sich eingeführt. Wie würde wohl die Diskussion verlaufen, würde man heute eine solche Bank gründen?
Es gibt eine Vielzahl von alternativen Währungsideen, offline wie online. Alleine in Deutschland gibt es über 30 Regionalwährungen. Im Netz wiederholt sich diese Entwicklung mit dem Unterschied, dass durch das Netz gleichzeitig globale Möglichkeiten entstehen.
Was ist aus meiner Sicht eine gute Währung? Ich weiß, was sie wirklich wert ist, weiß also, was ich dafür bekomme und ich kann sie leicht handhaben. Auch muss ich wissen, welche Faktoren den Wert meiner Währung beeinflussen und wer mit welchen Interessen daran arbeitet. (Bei Bitcoins wissen wir zumindest, dass diese Währung hat nicht beliebig vervielfältigt werden kann.)
Wenn man diese Kriterien anlegt, erklären sich manche Dinge womöglich etwas anders: 
-       So könnte man beispielsweise auf den Gedanken kommen, dass der Wertanstieg der BitCoins die - sicherlich übertriebene - Reaktion auf die zunehmende Geldschaffung der jeweiligen Notenbanken ist. Somit wäre es keine Bitcoin-Hausse sondern eine Euro-Baisse, die zu der Kursentwicklung führte.
-       So könnte man beispielsweise auf den Gedanken kommen, dass durch die Schaffung von Regionalwährungen die Kaufkraft in der jeweiligen Region bleibt statt über international agierende Unternehmen aus dieser Region abgesaugt und transferiert zu werden. Der Chiemgauer ist so ein (erfolgreiches) Beispiel. Im Falle BitCoin wäre die „Region“ das Internet.
-       So könnte man beispielsweise auf den Gedanken kommen, dass mittels einer digitalen Alternativwährung die globalen „Transportkosten“ von Kaufkraft deutlich reduziert werden können, im Falle der BitCoins bis auf 0,00, zu verglichen mit den Kosten eines Euro-Geldtransfers von beispielsweise Deutschland nach USA.
Statt also in eine kategorische Abwehrhaltung zu verfallen wäre es angemessen, die Hintergründe dieser sehr langen Entwicklung zu betrachten und zu lernen, sie zu verstehen.

Bitcoins haben Risiken, keine Frage. Aber auch der Euro ist alles andere als risikolos. Damit muss sich jeder Nutzer auseinandersetzen. Tatsache ist, dass die Marktkapitalisierung von Bitcoins inzwischen eine Milliarde Euro überschritten hat und 50 000 Transaktionen pro Tag stattfinden – Tendenz steigend. Jüngst hat eine amerikanische Familie sogar den eigenen Porsche für 300 Bitcoins verkauft. 

In den USA ist allein im zweiten Quartal 2013 die Zahl der Software-Downloads auf über 200.000 gestiegen. Im Vergleich zur Anzahl der Euro- oder USD-Transaktionen ist dies natürlich ein verschwindend kleiner Anteil. 

Eine abschließende Frage: Was ist größer? Die Gefahr kommend von Regierungen und Notenbanken, die sich beim  Geld drucken gestört fühlen oder die Gefahr durch einen kriminellen Missbrauch von virtuellen Währungssystemen? Ich denke, diese Frage wird man sehr kontrovers diskutieren. Der persönliche Standpunkt wird dabei durch das individuelle Vertrauen bzw. Misstrauen ins jeweilige System geprägt werden.

Unabhängig davon höre und lese ich was Regierungen und Notenbanken uns mitteilen wollen. Auch sehe ich, wie Entrepreneure bei der Errichtung von Tauschbörsen für virtuelle Währungen von Investoren unterstützt werden. Mein Fazit daraus:  Die web 2.0- und Internet-Szene rechnet mit einem lang anhaltenden Misstrauen in Euro und Co. Das Beispiel Bitcoins wird konstruktiv Schule machen, weitere Währungsideen und - konzepte werden diskutiert und entstehen.

Ich möchte es abschließend mit Nikolaus Kopernikus halten. Dieser schrieb 1526 in einer Denkschrift zum Münzwesen: „Unter den unzähligen Übeln, welche den Zerfall ganzer Staaten herbeiführen, sind wohl vier als die vornehmlichsten anzusehen: innere Zwietracht, große Sterblichkeit, Unfruchtbarkeit des Bodens und die Verschlechterung der Münze. Die ersten drei liegen klar zu Tage… Das vierte Übel jedoch, welches von der Münze ausgeht, wird nur von wenigen beachtet, und nur von solchen, welche ernster nachdenken, weil die Staaten allerdings nicht gleich beim ersten Anlauf, sondern ganz allmählich und gleichsam auf unsichtbare Art und Weise dem Untergang anheimfallen.“


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