Donnerstag, 23. Mai 2013

Bewertung des neuen "CAPITAL"

Heute halte ich das neue CAPITAL in den Händen. Meine Vermutung, dass es ein "Wirtschafts-Stern" wird, hat sich bestätigt.
Nur, dass Capital besser ist, als der gegenwärtige Stern, vor allem was die Opulenz der Fotos betrifft, hätte ich nicht erwartet.
Capital hat die Vergangenheit vollkommen hinter sich gelassen. Vielleicht muss man das tun, um sich in diesem schwierigen Markt noch zu behaupten. Mit Johannes Gross und Andre Kostolany hat das Heft allerdings nichts mehr zu tun, auch wenn Chefredakteur Horst von Buttlar das Gründungsmotto beschwört: "Das Wirtschaftliche menschlich, das Menschliche wirtschaftlich erklären".  Denn das war nie der Markenkern des Magazins (siehe meine Kolumne weiter unten). Dieses Gründungsmotto hat Capital in Wahrheit auch nie konsequent umgesetzt. Nunmehr, mehr als 50 Jahre nach der Gründung, findet diese Umsetzung tatsächlich statt - und führt zu einem attraktiven Heft. Jetzt kommt es darauf an, dass die Leser diesen Ansatz kaufen. 7,50 Euro ist ein stolzer Preis. Junge Leserinnen und Leser wird man damit nicht holen, dafür möglicherweise kaufkräftige Entscheider in den 40igern.
Zweifellos ein guter Wurf: Diese Neupositionierung wirkt eigenständig im Umfeld der Wirtschaftsmagazine. Das ist weder Manager Magazin noch Brandeins noch Wirtschaftswoche.

Das Layout belegt, dass Gruner+Jahr in dieses Magazin  investieren will, hoffentlich mit Durchhaltevermögen. Glückwunsch an die Art Directorin  Maja Nieveler.
Zu einzelnen Geschichten:
Das Layout-Lob gilt auch für die Gestaltung des Geldteils. Sehr ansprechend. Nicht für die meisten Texte dort, die mich schrecklich langweilen, was vielleicht auch den Themen liegt. An denen ist nichts originelles. Austauschbar mit jedem Text in anderen Geldmagazinen. Dass Rentenversicherungen intransparent sind - gähn. Bauherren sollten sich niedrige Zinsen sichern- gähn. Wenn Manager Aktien kaufen - bekannt. Warum nicht konsequent auch hier auf Geschichten setzen?
Die Titelgeschichte ist mutig: Chinesen kaufen deutsche Firmen. Chinesen menschlich gesehen. Hmm. Schön fotografiert, schön geschrieben, aber wie relevant? Ich hätte die Geschichte über reiche Steuerhinterzieher als Hauptthema auf den Titel genommen. Diese Geschichte interessiert jeden Capital-Leser. Inhaltlich mag ich allerdings nicht, dass der nordrhein-westfälische Finanzminister Borjahns als toller Steuerjäger gefeiert wird. Ich halte diesen SPD-Politiker für einen profilsüchtigen Rechtsbrecher, der mit dem Kauf von gestohlenen CDs Schweizer Recht verletzt hat und damit wohl gerne von seinem Haushaltsdesaster ablenken möchte. Ansichtssache.
Das Interview mit Robert Mundell zum Euro ist lesenswert. Stärkt die ökonomische Kompetenz des Blattes.
China, Japan, Frankreich, Irland, Finnland - ein bisschen viel Ausland, finde ich.
Hayek vs. Keynes: Nicht wirklich witzig, Hat mich gelangweilt.
Der Straßenökonom? Wiederum sehr banal. Imbissbude erforscht Currywurst. Naja.
Schön, dass "Leben" einen Platz hat. Ein Durchweg gelungener Teil für den Sonntagnachmittag - Leser in Köln-Marienburg.
Dennoch: alles in allem: Ein Heft mit vielen positiven Überraschungen, zu dem man Horst von Buttlar gratulieren kann. Aber tun kann man da noch einiges.
Der hohe Preis wird nicht helfen, die Auflage zu steigern. Für die wenigen, die noch Printanzeigen schalten, bietet das neue Capital in jedem Fall ein sehr gutes, modernes Umfeld. Hoffen wir, dass nicht zu viele Anzeigen kommen, damit dieses schöne Layout genug Platz für opulente redaktionelle Fotostrecken behält.





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