Samstag, 2. März 2013

Milliarden sind alternativlos

Wolfram Weimer hat den 50 Jahre alten "Wirtschaftskurier" gekauft. Gerne folge ich seiner Bitte, künftig Kolumnen für diese Zeitung zu schreiben. Hier meine erste in der soeben erschienen Ausgabe:


Milliarden sind alternativlos 

Die Gesellschaft für deutsche Sprache kürt jedes Jahr das Wort des Jahres. Zum Beispiel „Rettungsroutine“ (2012), „Stresstest“ (2011) und „Wutbürger“ (2010).  Mein Vorschlag für 2013 wäre das Wort „Milliarden“. Die täglichen Nachrichten kommen ohne dieses Wort ja nicht mehr aus. Exxon verdient 45 Milliarden Euro. Der ESM garantiert die Rettung von Staaten mit 700 Milliarden Euro.
Apple gewinnt 11 Milliarden. Warren Buffet kauft für 12 Milliarden Heinz Ketchup. Der Asteroid "2012 DA14", der Mitte Februar die Erde ziemlich knapp passierte, soll 195 Milliarden Dollar wert sein. 4, 2 Milliarden soll jetzt offiziellen Angaben zufolge der neue Berliner Flughafen kosten, doppelt soviel wie geplant. Experten schätzen, dass es am Schluss 10 Milliarden werden.

Und nicht zu vergessen die Forbes-Liste mit den reichsten Menschen der Welt. Es führt derzeit der Mexikaner Carlos Slim Helu mit einem Vermögen von 69 Milliarden US-Dollar. Haben Sie den Namen schon mal gehört? Ich nicht. Aber die Milliarden. Wow. Wie macht man so viele Milliarden in Mexiko, dem Land der Drogenkriege??

Na und, was ist das Problem, fragen Sie sich als braver Steuerzahler? Sie und die andern deutschen Steuerzahler haben allein 2012 immerhin rund 600 Milliarden Steuern gezahlt.

Das Problem ist: man kann sich an die Milliarden gewöhnen. Und das wiederum ist gefährlich. Über Milliarden zu entscheiden verführt zu Fehlern, ganz besonders wenn es nicht das eigene Geld ist wie bei Beamten und Politikern. Große Zahlen haben eine eigene Attraktivität. Man kennt das als Unternehmer. Einen kleinen Kredit zu bekommen ist manchmal schwerer als einen großen Kredit. Je höher der Betrag, desto vermeintlich wichtiger die eigene Bedeutung. Politiker, die darüber entscheiden, ob sie mit 100 Milliarden Banken retten oder für wenige Milliarden Kindergartenplätze schaffen wollen, werden sich dadurch natürlich für die Banken entscheiden, da steht ja viel mehr auf dem Spiel, systemisch und so. Ein Kindergartenplatz kostet pro Jahr 15.000 Euro. 100.000 Kindergarten plätze wären dann 1,5 Milliarden. Die Rettung der Hypo Real Estate Bank kostete weit über 100 Milliarden Euro. Milliarden können sich ohne Inflation inflationieren, darauf müssen wir aufpassen. Sie verselbständigen sich sozusagen, werden umso alternativloser, je höher sie sind.

P.S. Am 2.Dezember 1923 kostete eine Straßenbahnfahrt 50 Milliarden Reichsmark.

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