Freitag, 13. Dezember 2013

Ein Ex-Chef von Bertelsmann mit Beklemmungen und Panikattacken

Hartmut Ostrowski war von 2008 bis 2011 Vorstandsvorsitzender des Bertelsmann-Konzerns (Heute 110 000 Mitarbeiter, 16 Milliarden Umsatz). 2011 wechselte er "aus persönlichen Gründen" in den Aufsichtsrat. In Gabriele Fischers Magazin Brand eins kann man nun (siehe HIER) nachlesen, was diese persönlichen Gründe waren - ein höchst seltenes Bekenntnis:
"Es war eine sehr schwierige Zeit, eine Belastung, die dann auch zu psychosomatischen Problemen führte. Zum Beispiel in Form von Beklemmungsgefühlen, plötzlichem Herzklopfen, Angstzuständen bis hin zu Panikattacken." 
Den Start als Vorstandsvorsitzender beschreibt Ostrowski so:
"Man ist plötzlich in einer anderen Welt. Die Einsamkeit nimmt zu. Man steht mit einem Mal im Mittelpunkt des Interesses ganz vieler Gruppen: Die Gesellschafter erwarten große Erfolge, die Analysten gute Zahlen, die Mitarbeiter eine Gallionsfigur, und die Journalisten suchen nach Fehlern. Diese Dimensionen habe ich unterschätzt, und das geht, wie ich weiß, vielen anderen Konzernchefs anfangs genauso."
Beim Lesen dieses Interviews überkommen mich zwiespältige Gefühle. Einerseits: Wie viele Manager in Top-Positionen ergeht es ähnlich? Andererseits: Wie kommt so ein Mann an die Spitze eines so großen Medienkonzerns? Müssen wir Mitleid haben? Oder ist uns die Menschlichkeit sympathisch, die wir so selten an der Konzernspitze sehen?
Ob Mathias Döpfner an der Spitze des Axel Springer Verlages auch solche Erfahrungen kennt? Wie fühlt sich Heinrich Hiesinger, der Vorstandsvorsitzende von ThyssenKrupp mit seinen Stahl-Desastern und Milliardenverlusten? Wir ergeht es Anshu Jain und Jürgen Fitschen von der Deutschen Bank, denen fast täglich der Sturm um die Ohren bläst?
Oder denken wir an den politischen Umgang mit der internationalen Finanzkrise? Wie ergeht es den Verantwortlichen? Können wir uns Angela Merkel oder Wolfgang Schäuble mit Beklemmungsgefühlen, Herzklopfen und Panikattacken vorstellen?
Nein, das können und dürfen wir nicht. Wer sich als Manager oder Politiker in die höchste Last der Verantwortung begibt, muss - ohne Arroganz - einfach ein dickes Fell haben, muss groß und stark sein - ob Mann oder Frau - und darf tatsächlich keine Schwächen zeigen. Es geht nicht darum, fehlerfrei zu sein. Es geht um die physische und psychische Stärke, um die Vorbildfunktion, die jeden Tag abverlangt wird. Fachliche Kompetenz alleine reicht nicht aus, um eine großer Organisation zu leiten. Es geht um Führungsqualitäten, letztlich um gute Führung. Nur dann geht von den an der Spitze getroffenen Entscheidungen jenes kollektive Vertrauen aller Stakeholder aus, das Zukunft gestaltet und Arbeitsplätze erhält. Das gilt ganz besonders für kritische Zeiten: Wenn es stürmt, darf der Kapitän auf der Brücke keine Angst haben, und  schon gar nicht Angst zeigen, sonst bringt er das ganze Schiff in Gefahr. 
Das Interview mit Hartmut Ostrowski macht menschlich betroffen. Es zeigt, welchem internen und externen Druck große Unternehmenslenker ausgesetzt sind. Aber man kann nur hoffen, dass es sich hier um eine Ausnahme handelt, und nicht dass es "vielen anderen Konzernchefs"genauso ergeht. Verachten sollte man Männer wie Ostrowski nicht, man muss dankbar für dessen Offenheit sein.  Jeder, der in die höchste Verantwortung berufen wird, sollte dieses Interview vor der Entscheidung lesen und sich fragen, ob er der Aufgabe wirklich gewachsen sein wird.


Montag, 25. November 2013

Schwarz-grün in Hessen: Bravo Bouffier!

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier hat etwas geschafft, was kaum ein politischer Beobachter für möglich gehalten hat: Schwarz-grüne Koalitionsverhandlungen. Man muss abwarten, ob sie auch in eine Koalition führen, aber beide Parteien haben den klaren Willen bekundet, und so wird es am Ende wohl die erste schwarz-grüne Koalition in einem Flächenstaat geben. Tarek Al-Wazir, der grüne Spitzenkandidat hat erkannt, dass ganz wichtige Ziele nur mit und nicht gegen die CDU durchgesetzt werden können, und dazu gehört insbesondere die Lärmproblematik des Frankfurter Flughafens. Wer in dieser Gegend wohnt, weiß, was es heißt, bis 23h abends und ab 5 Uhr morgens vom Fluglärm genervt zu werden. Bouffier erweist sich als kluger Entscheider. Sein Gegenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel hat allzu lange herum laviert und steht jetzt mit leeren Händen da. Wie dumm!
Das Zögern und Zaudern in einer wackligen SPD auf Bundes- und Landesebene zeigt die desolate Verfassung der SPD, insbesondere an der Spitze. Was für eine blöde Idee, im Rahmen der Koalitionsverhandlungen mit der CDU die Öffnung für die Linke zu den nächsten Wahlen zu proklamieren. Politisch noch dümmer ist es, eine schwarz-rote Koalition von einer Mitgliederbefragung ausgerechnet nach dem zweitschlechtesten Wahlergebnis im Bund zur Bedingung zu machen. Die SPD-Basis leckt sich immer noch die Wunden der verlorenen Wahl und ist höchst gespalten in ihrer Meinung zu Gabriel, Nahles & Co. Sie in einem solchen Zustand zu befragen, ist hochriskant. Sind die Strategen der SPD schon in vorzeitigen Weihnachtsurlaub gegangen? Die Öffnung zur Linken macht die SPD zu einem unsicheren Partner für Angela Merkel. Die Befragung der Mitglieder ist ein klares Zeichen von Führungsschwäche in der SPD. Kommt die große Koalition zustande, wird die SPD sich gerade deshalb noch weiter wegbewegen von der Mitte, die sie für Wahlerfolge braucht.
Eine große Koalition ist für Angela Merkel zwar praktisch, weil sie als Kanzlerin die SPD-Mehrheit im Bundesrat dann auch auf ihrer Seite hat. Doch droht hier ein übles Kartell der Ausgabenharmonie, dem sich Merkel kaum entziehen kann. Ein Kartell der Steuer-CD-Käufer, ein Kartell der Leistungsgegner, letztlich ein Kartell gegen den Mittelstand und die bürgerliche Mitte. Das sind diejenigen, die am meisten Steuern zahlen, die eigentlichen Leistungsträger unser Gesellschaft. Der Facharbeiter, der Handwerker, der Freiberufler, der Einzelhändler. Wer nur Minderheiten bedienen will, den straft die Mehrheit irgendwann ab.
Nichts, was eine schwarz-rote-Koalition beschließt, kann dann noch gestoppt werden. Wenn 75 Leute in einer Koalitionsrunde zusammen sitzen und hinterher dann noch die Mitglieder befragt werden, wenn Gabriel auf dem Gewerkschaftstag verspricht, nichts zu unterschreiben, was die Gewerkschaften ablehnen, dann erleben wir hier eine Form des Neosozialismus, die den wirtschaftlichen Erfolg der letzten Jahre aufs Spiel setzen wird. Es ist wie immer: Konservative halten das Geld eher zusammen, Sozialisten geben es gleich wieder aus. Die Liberalen hinterlassen hier eine schlimme Lücke, die umso schwerer wiegt, als konservative Elemente in der CDU kaum noch wahrzunehmen sind. Mehr Ausgaben, mehr Regulierung, mehr Umverteilung, höhere Abgaben und letztlich höhere Steuern.
Jetzt wäre noch die Chance, die Koalitionsgespräche mit der SPD abzubrechen und den Grünen ein Angebot auch auf Bundesebene zu machen. Die Grünen haben mit ihrem sozialistischen Ansatz eine Wahl verloren, vielleicht hätten sie als ökologischer Partner der CDU weit mehr Gewicht.
Und dann gibt es noch eine weitere Alternative für Merkel: Neuwahlen.  Neuwahlen, bei denen die FDP wieder in den Bundestag einziehen könnte und Angela Merkel dieses Mal in einer Regierung an der marktwirtschaftlichen Leine hält. Vielleicht wäre das die beste Lösung für Deutschland?

Donnerstag, 21. November 2013

Der FC Bayern führt die Tabelle an, wer führt die Bayern?

Mit einem Umsatz von 432,8 Millionen Euro hat der Sport-Konzern FC Bayern München AG per 30.6.2013 einen neuen Rekord aufgestellt. Es ist der wirtschaftlich am besten aufgestellte Verein in Deutschland, wenn nicht in Europa. Eine respektable Leistung. Auch sportlich ist der Verein Spitze: 38 Spiele ohne Niederlage – offensichtlich derzeit unschlagbar.

Aber dieser Verein steht jetzt auf wackeligen Beinen, er merkt es nur noch nicht. Und das hat nichts mit ökonomischer Effizienz, sondern mit Moral zu tun. Darf man im Fußball nicht über Moral sprechen? Sieht man die sozialen Kampagnen, die Jugendarbeit, die Unterstützung des Behindertensports, dann weiß man, wie wichtig gerade der Sport für eine leistungs- aber auch sozial orientierte Gesellschaft ist. Auch der FC Bayern ist hier aktiv, beispielsweise mit dem Verein FC Bayern Hilfe e.V.

Doch irgendwie summieren sich die negativen Schlagzeilen. Ist Bayern München noch ein sympathischer Verein?

Der wirtschaftliche Erfolg hat der Vereins- oder besser: Konzernführung ganz offensichtlich den Kopf vernebelt: Tolle Fans, tolle Fußballer, aber ein an Selbstgewissheit nicht zu übertreffender Ungeist in der Führungsspitze.  Buddies, die gemeinsam durch dick und dünn gehen. Motto: Der Erfolg heiligt die Mittel. Die Macht ist in festen Händen. Und im übrigen sind die Medien schuld, die alles aufbauschen. 
Deutlich wird die Fehlentwicklung erst in der Zusammenfassung:
  • Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge, wegen Steuerhinterziehung für den Schmuggel seiner Rolex-Uhren vorbestraft, bleibt im Amt, basta. Rolex-Uhren? Klar, muss man haben. 245.000 Euro Strafe? Da sieht man, was der Mann verdient. Es sei ihm gegönnt. Rücktritt?  Natürlich nicht wegen ein paar Rolex-Uhren. Oder? Der frühere Bundespräsident Christian Wulff  steht wegen eines Betrages von 719,40 € vor Gericht.
  • Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender Ulrich Hoeneß, wegen Steuerhinterziehung angeklagt, hat die Chuzpe seinen Mitgliedern unter Tränen eine Abstimmung über seinen Verbleib nach dem Urteil als große Geste zu verkaufen und denkt nicht daran, zurückzutreten. Nach dem Urteil dürfen die Mitglieder abstimmen, ob er Präsident bleiben darf! Warum nicht vorher?  Er selbst will "bis zum letzten Atemzug" bleiben. Hoffentlich nicht, denn ich wünsche ihm noch ein langes Leben. 
  • Der Aufsichtsrat, besetzt mit den Chefs großer Konzerne, hält einen Rücktritt selbst bei einer Verurteilung von Hoeneß mit Unterstützung eines herbeigezauberten Rechtsgutachtens nicht für angebracht. Einzige Einschränkung:  eine  Gefängnisstrafe - nun da wäre es auch mit der Präsenz auf AR-Sitzungen etwas unpraktisch. Hoeneß hat die Steuerhinterziehung bekanntlich zugegeben. Es geht scheinbar nur darum, ob seine recht überhastet eingereichte Selbstanzeige wirksam war oder nicht. Aber wo bleibt die Moral des Mannes, der 2001 bis 2006 spielsüchtig und steuerfrei an der Börse gezockt hat? Dass er einen großen Fehler begangen hat, hat er öffentlich bekannt,  nun gut, das ist als Entschuldigung akzeptabel. Aber welche Konsequenz zieht er daraus? Im Aufsichtsrat sitzen unter anderem die Chefs von Telekom, Audi, Volkswagen und Adidas. Das sind Unternehmen, die im eigenen Hause strenge Compliance-Systeme für die Einhaltung von Regeln eingerichtet haben. Kaum zu glauben, dass keiner den Rücktritt von Hoeneß verlangt. Zwar entscheidet die Hauptversammlung über den Aufsichtsrat, aber selbstverständlich könnte jedes AR-Mitglied jederzeit zurücktreten, wenn es dafür triftige Gründe sieht.
  • Und dann der Höhepunkt: Eine mit dem FC Bayern aufs intensivste verbandelte Ikone namens Franz Beckenbauer, die in der Fifa höchste Funktionen bekleidet, lässt sich zu dem Satz hinreißen: „Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Die laufen alle frei rum, ohne Ketten.“ Meine Güte. Das ist nun wirklich das Dümmste, was ich in den letzten Jahren gehört habe. Beckenbauer so dumm, oder war er ganz einfach ehrlich? Ich glaube eher letzteres. 
Man könnte fragen, warum Moral auch bei einem Profi-Verein wichtig ist? Nun, es geht um richtige und falsche Vorbilder. Die kleinen Jungen und Mädchen, die an der Hand der Bundesligaprofis stolz ins Stadion mit einmarschieren, verdienen Vorbilder an der Spitze ihres Vereins. Hoeneß, Rummenigge und  die Mitglieder des Aufsichtsrates sollten darüber noch einmal nachdenken. Fußball ist doch viel mehr als Geschäft.


Mittwoch, 20. November 2013

Zwei Wünsche an Internet-Portale

Ich kann verstehen, dass Unternehmen, die ein Internetportal noch aufbauen, ungern Zahlen veröffentlichen, die einen möglichen Misserfolg offenlegen würden. Wenn Portale aber etabliert sind wie Spiegel online oder Handelsblatt online, dann sollten Sie transparenter werden. Deshalb zwei Vorschläge:
Erstens: Ich würde generell keinen Forumsteilnehmer zulassen, der sich nicht mit seinem echten Namen ausweist.  So liest man immer wieder trotz Moderation dummes Zeug und anonyme Polemik, gegen die sich keiner wehren kann. Es mag sein, dass dann einige sich nicht mehr beteiligen, aber dann wären die Qualität der Inhalte sicher besser.
Zweitens: Ich würde zumindest bei den meistgelesenen Inhalten die Klickzahlen transparent machen, statt sie als Geschäftsgeheimnis zu betrachten. Die SZ hat damit angefangen ("Leser lesen aktuell") und die Zahlen belegen das rege Interesse.
Wenn Journalisten auch im Netz Wert auf "Qualitätsjournalismus" legen, dann sollten Sie auch den Mut haben, ihre Geschichten nicht nur bewerten zu lassen, sondern auch die Leserzahlen offenlegen.
Meist stemmen sich aber nicht die Journalisten dagegen, sondern die Marketingleute der Verlage, die Werbung verkaufen müssen und Angst haben, dass sie ihre Versprechungen nicht erfüllen können.

P.S. Als Blogger interessieren mich auch meine eigenen Zahlen, in meinem Blog sind sie ganz unten täglich nachzuverfolgen.

Dienstag, 19. November 2013

Was ist von Bitcoins zu halten ?

Für uns Deutsche sind Währungen etwas Unantastbares. Wir waren stolz auf die D-Mark und unsere Bundesbank, die für die Stabilität unserer Währung gesorgt hat. Heute hat die Bundesbank nicht mehr viel zu sagen, der Euro wird von der Europäischen Zentralbank gelenkt. Zwar sitzt die EZB jetzt in Frankfurt, aber ihr Präsident hat mit seiner Zinssenkung auf 0,25% gezeigt, wie wenig ihn die deutsche Meinung des Bundesbankpräsidenten Weidmann interessiert.
Denn eine Währung war schon immer auch ein Machtinstrument. Deshalb hat der wichtigste liberale Ökonom, Friedrich August von Hayek gegen das Monopol der Notenbanken argumentiert. In diesem Monopol sieht er die eigentliche Ursache für Inflation und schlechtes Geld. Wie jedes andere Gut soll auch die Produktion von Geld vollständig dem Wettbewerb überlassen werden, so Hayek.
Parallelwährungen gibt es schon lange. Auch private Notenbanken gab es schon, wie in Portugual. Allein in Deutschland werden bis zu 30 regionale Währungen wie der "Chiemgauer gezählt, mit denen die regionale Wirtschaft gestärkt werden soll.
Nun macht die 2009 geschaffene Internetwährung Bitcoins Furore. Mit ihr kann man weltweit gebührenfrei zahlen, während man zum Beispiel für eine Banken-Transaktion von 3000 Euro in die USA auf 50 Euro kommt. Auf Marktplätzen kann jeder nach einem einfachen Registrierungsprozess Bitcoins kaufen, um entweder damit zu spekulieren oder ganz simpel beispielsweise eine Importladung T-Shirts in Malaysia zu bezahlen. Es handelt sich letztlich um einen peer-to-peer-Tauschprozess, wie er bei Musik und Filmen bekannt ist.
In Wikipedia lesen wir dazu:
"Bitcoin ist eine Form von virtuellem Geld, die im Jahr 2009 entstand. Die Geldeinheiten, Bitcoins, werden dezentral in einem Computernetz geschöpft und verwaltet. Dieses Netzwerk wird aus Teilnehmern gebildet, die einen Bitcoin-Client ausführen und sich über das Internet miteinander verbinden. Bitcoins können elektronisch beliebig zwischen den Teilnehmern überwiesen werden. Ihr Besitz wird durch den Besitz kryptographischer Schlüssel nachgewiesen. Jede Transaktion von Geldeinheiten wird mit einer digitalen Signatur versehen und in einer öffentlichen, vom gesamten Netzwerk betriebenen Datenbank aufgezeichnet. Die Geldeinheiten können an Online-Börsen gegen andere Währungen getauscht werden."
In Deutschland sind Bitcoins übrigens von der Bafin zum Handel zugelassen worden
Dennoch gibt es großes Misstrauen. Die hohe Volatilität der Währung macht das Finanz-Establishment skeptisch. Zumal der Kurs der Währung inzwischen auf über 430 Euro drastisch angestiegen ist.
Bitcoins gelten als fälschungssicher. Da die im Umlauf befindliche Menge endgültig und unveränderbar festgelegt ist, gibt es auch keine geldmengeninduzierte Inflationsgefahr.  Allerdings kann sich der Kurs an manchen Tagen um 20 Prozent verändern, wobei die Frage ist, ob es sich dabei z.B. um eine Abwertung des Euro oder eine Aufwertung der Bitcoins handelt.
Vieles, was  auch nur annähernd als Beleg für die Fehlerhaftigkeit des digitalen Vorgehens herangezogen werden kann, wird jetzt gegen Bitcoins vorgebracht: Der Skandal um die virtuelle Währung Liberty Reserve, bei der sechs  Milliarden US-Dollar kriminell gewaschen wurden, nährt die Skepsis der ohnehin schon Skeptischen. Doch Geldwäsche ist nicht mit Bitcoins entstanden, sondern mit ganz normalen US-Dollars und anderen wichtigen Währungen, die bis heute Ziel von Fälscherbanden sind. Bitcoin-Konten sind zwar anonym, doch Transaktionen lassen sich durchaus nachverfolgen. Und vor allem: Bitcoins können weder staatlich noch durch Notenbanken manipuliert werden.

Bitcoins haben Risiken, keine Frage. Aber auch der Euro ist alles andere als risikolos. Damit muss sich jeder Nutzer auseinandersetzen. Tatsache ist, dass die Marktkapitalisierung von Bitcoins inzwischen eine Milliarde Euro überschritten hat und zwischen 20 000 und 60 000 Transaktionen pro Tag stattfinden - Tendenz steigend. Jüngst hat eine amerikanische Familie sogar den eigenen Porsche für 300 Bitcoins verkauft. So werden Bitcoins zur Konkurrenz des teuren Bezahldienstes Paypal, den Ebay sich einverleibt hat.  In den USA ist allein im zweiten Quartal 2013 die Zahl der Software-Downloads auf über 200.000 gestiegen. Im Vergleich zur Anzahl der Euro- oder USD-Transaktionen ist dies natürlich ein verschwindend kleiner Anteil.
Bis jetzt habe ich noch keine Bitcoins gekauft - mch aber schon darüber geärgert, was ich da verpasst habe. Der Kurs lag vor einem halben Jahr noch bei 100 Euro.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Das ist keine Kaufempfehlung. Aber ich fange nun doch ernsthaft an, über ein kleines Investment nachzudenken.
P.S. In einem Forum habe ich gelesen: Wäre der Goldpreis so gestiegen wie die Bitcoins, würde die Feinunze heute 80.000 Dollar kosten. Ob es stimmt, habe ich nicht nachgerechnet, aber der Anschein spricht dafür.

Donnerstag, 14. November 2013

Hoeneß in Tränen

Es war im Jahr 2000, als zwischen zwei Sport-Ikonen ein Streit ausbrach. Die FAZ schrieb am 22.Oktober 2000: Uli Hoeness über den Streit zwischen Christoph Daum, den damaligen Trainer des 1.FC Köln (nachzulesen hier), dem Drogenmissbrauch vorgeworfen wurde:

Den größten Wirbel entfachte Hoeneß mit der Aussage: "Wenn das alles Fakt ist, worüber geschrieben wurde, auch unwidersprochen über den verschnupften Daum, dann kann er nicht Bundestrainer werden." Hoeneß weiter: "Es geht darum, was sich in den letzten sechs Monaten ereignet hat um Herrn Daum. Um sein privates Umfeld, seine Werbeverträge, um Erpressungsversuche und Prostitution, wovon er ja selber gesprochen hat, um all die Scheiße geht es, um seine Außendarstellung und um die Frage, ob das alles dazu geeigent ist, der oberste Trainer in einem Land wie Deutschland zu sein."

Heute sagt Daum, dass er Mitleid mit Hoeneß hat. Mitleid hatten die Bayern-Fans gestern, als Hoeness in Tränen ausbrach. Stehend applaudierten sie ihrem Präsidenten, der die Vertrauensfrage nach Ablauf des Prozesses stellen will (ein Berufungsverfahren hat er wahrscheinlich hierbei nicht berücksichtigt), der aber zugleich betont hat, dass er unbedingt weiter machen will - "bis zum letzten Atemzug".

Wie ist das Ganze zu beurteilen?
Ich erinnere mich, wie 2009 der mächtige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post, Klaus Zumwinkel im Beisein von ZDF-Fernsehkameras aus seiner Marienburger Villa im Köln abgeführt wurde. Mediale Höchststrafe! Er hatte sein Vermögen in Liechtenstein nicht versteuert. Kein Finger hat sich damals für den Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Telekom gerührt, er musste von seinen Ämtern zurücktreten. Sämtliche Vorstände und Politiker , die ihm vorher zu Füßen lagen, blieben stumm. Er war zuvor  "Manager des Jahres". Sein Bundesverdienstkreuz und den nordrheinwestfälischen Verdienstorden gab er zurück. Ein Gericht verurteilte ihn zu zwei Jahren Haft auf Bewährung.
Hoeneß hat genauso Steuern hinterzogen wie Zumwinkel, wahrscheinlich weniger, aber doch in erheblichem Umfang. Jetzt geht es darum, ob die kurz nach dem Scheitern des geplanten deutsch-schweizerischen Steuerabkommens eingereichte Selbstanzeige im Januar 2013 formgerecht und wirksam war oder nicht. Falls nicht, droht dem Bayern-Präsidenten eine Vorstrafe - wie seinem bereits vorbestraften Sportdirektor Karl-Heinz Rummenige. Der hat gerade einen Strafbefehl über 250.000 Euro wegen Steuerhinterziehung akzeptiert. In Freundschaft verbunden steht er hinter Hoeneß.

Ist es also eine Frage der Beliebtheit oder der Lebensleistung, ob ein Steuerhinterzieher von Ämtern zurücktreten muss? Die Unterstützung der Mitgliederversammlung gestern abend galt dem Menschen Hoeneß, dessen Lebensleistung unbestreitbar ist. Die Steuerhinterziehung, die er ja zugibt, wird damit nicht sanktioniert.  Der Beifall und die stehenden Ovationen haben den Präsidenten des FC Bayern zu Tränen gerührt. Der ganze Druck ließ für einen Moment die Selbstgewissheit vergessen. 
Tatsächlich war es ein vorgezogener Abschied. Den wird Hoeneß nicht vermeiden können.







Freitag, 8. November 2013

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Die Hysterie des Ausspähens

Gestern abend habe ich die aktuelle Spiegel-Titelgeschichte zum Thema NSA gelesen. Der Spiegel hat enthüllt, die Enthüllungen werden mit Ausschnitten belegt und scheinen zu stimmen. Es handelt sich offensichtlich um Material aus dem nur wenigen Auserwählten zugänglichen Snowden-Archiv. Es ist klar, dass in einem Land, in dem Finanzminister Geld für gestohlene Steuer-CDs zahlen, der Datendiebstahl Edward Snowdens als eher geringes Übel eingeschätzt wird, auch wenn man ihn nicht nach Deutschland einladen will. In Amerika ist er schlicht und einfach ein Verräter. Die Verniedlichung als Whistleblower, kommt dort nicht so gut an.
Nun wurde auch aufgedeckt, dass die wissensdurstigen Amis auch das Handy von Angela Merkel abgehört haben, was sicherlich eine Frechheit unter Freunden ist.

Nun überlege ich, welcher Nachteil unserem Land eigentlich daraus entstanden ist? Unser Land steht mit seiner Wirtschaft derzeit besser da als jede andere Nation. Uns geht es gut, wir sind in keine kriegerischen Handlungen mehr verwickelt, das Land ist trotz Schulden- und Eurokrise politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich stabil. Die Amerikaner machen ohnehin was sie wollen und für ihr Land richtig halten. Engländer, Franzosen, Russen und Chinesen übrigens auch. Und selbst die allwissende DDR-Stasi mit ihren 700 000 Spitzeln hat uns nicht wirklich in Schwierigkeiten gebracht. Wenn alle alles über alle wissen, hebt sich das vielleicht auf.

Wenn man Terroristen sucht, und das ist ja die Hauptrechtfertigung der NSA für ihre Ausspähungen, muss man sicher nicht das Handy von Angela Merkel abhören. Was könnte die NSA also mitgehört haben. Hier ein paar mir von Snowden persönlich zugespielte Ausschnitte:

  • Ein Gespräch mit Seehofer über die Mautgebühr ("Horst, persönlich finde ich die Idee ganz gut")
  • Ein Gespräch mit Altmayer über die Energiewende( "Peter, wir müssen da wohl was machen")
  • Ein Gespräch mit ihrem Ehemann ("Du ich komm heut abend wieder etwas später...")
  • Ein Gespräch mit Volker Kauder ("Wie stelle ich den Wirtschaftsflügel der CDU ruhig?")
  • Ein Gespräch mit Thomas de Maiziere: ("Du Thomas, lass uns ein paar von den treuen Afghanen nach Deutschland mitnehmen")
  • Ein Gespräch mit Sigmar Gabriel ("Du Sigmar, die große Koalition ist für uns beide doch ne prima Sache, lass uns das jetzt durchziehen")
  • Ein Gespräch mit Guido Westerwelle: ("Du, Guido, war doch ne prima Außenpolitik, machs gut, alter Junge")

Welchen Erkenntnisgewinn hat die NSA und die amerikanische Regierung daraus gewonnen?

Wahrscheinlich nichts, was die Politik von Bush und Obama irgendwie maßgeblich beeinflusst hat. Vielleicht wollten die Amerikaner uns nur ärgern? Schließlich hatten sie sich damals über Schröder geärgert, als dieser den Einmarsch in den Irak zum Wahlkampfthema machte. Und später dann in den Aufsichtsrat der russischen Gazprom wechselte.  Das wäre ja eine ganz menschliche Erklärung, finde ich. Die Aufregung hier zeigt ja auch, dass es gelungen ist, uns zu ärgern.
Und sonst? Im Westen nichts Neues. Spioniert wurde schon immer, und dass die Botschaften voller Spione sind, weiß auch jeder. Mit Google und Facebook haben die Amerikaner inzwischen das Ausspähen privatisiert. Wozu also die ganze Aufregung?





Freitag, 11. Oktober 2013

Zur Huffington Post in Deutschland

Irgendeinen Grund muss es haben, dass die Huffington Post trotz des vielfältigen Medienangebots im Internet weltweit 77 Millionen Leser hat, davon 43 Millionen in den USA.  Was steckt dahinter?
Zumindest für die Gründerin Arianna Huffington hat es sich gelohnt, seit AOL dafür 315 Millionen Dollar zahlte. Ansonsten hat die Huff Post seit der Freischaltung 2005 noch keinen Gewinn erwirtschaftet.
Der Start in Deutschland unter dem Chefredakteur Sebastian Matthes wurde kritisch begleitet, einmal, weil viele Medien alles was aus der Focus-Schmiede kommt zu Unrecht mit intellektueller Arroganz sehen. Zum anderen wettern die Verlage und viele Journalisten gegen das Blog-Modell, weil die Autoren dafür kein Geld bekommen.
Gerade haben diverse Medien angefangen, Bezahlmodelle einzuführen und jetzt kommt mit der Huff Post das Gegenprogramm. Als kostenlose Internetzeitung mit einem starken Werbevermarkter wie Tomorrow Focus, dürfte es mit dieser Marke in kurzer Frist zu sehr hohen Userzahlen kommen, die selbst Spiegel Online und anderen Newsportalen echte Konkurrenz machen.  Glaubt jemand ernsthaft, dass sich dann noch echte Bezahlmodelle durchsetzen lassen?  Ich glaube es jedenfalls nicht und würde als Verleger die Finger davon lassen. Zu gerne wüsste ich, wie die Bilanz von "Bild plus" aussieht.

Dass die Huff Post für ihren investigativen Journalismus kürzlich einen Pulitzerpreis bekommen hat, liest man kaum. Ihr Modell beruht nämlich auf einer nahezu perfekten Kombination aus Nachrichten, eigenen Geschichten und Blogs. Es gibt also durchaus bezahlte Geschichten, es gibt alle Nachrichten, und zwar kostenlos und es gibt einen bunten Strauß von Blogs - viele davon durchaus lesenswert und kontroverse Diskussionen auslösend.
Die deutschen Verlage hatten acht Jahre Zeit, ein ähnliches Modell aufzusetzen. Ich erinnere daran, wie der Kölner Verlag DuMont Schauberg die schon recht erfolgreiche "Netzeitung" gekauft und daraus ein Sparmodell gemacht hat, statt zu investieren. Die Netzeitung hatte ich 2003 gemeinsam mit Michael Maier gekauft und zwei Jahre später, nachdem die monatlichen Werbeumsätze von 40 000 auf 200.000 Euro gesteigert werden konnten, an das norwegische Medienunternehmen Orcla verkauft, die es dann wiederum an die BV Deutsche Zeitungsholding verkaufte - und die wiederum verscherbelte es im Januar 2009 an DuMont weiter. Im Dezember 2009 machten die Kölner daraus ein automatisiertes Newsportal, das niemanden mehr interessiert.

Was die Huffington Post von vielen deutschen Portalen unterscheidet, ist ein grundsätzlich anderes, kundenfreundliches Web 2.0 - Verständnis. Es ignoriert die intellektuelle Vormundschaft des deutschen Journalisten gegenüber den Lesern und hebt mit den Gastkolumnisten vielseitiges Wissen und kontroverse Ansichten ins Angebot. Die Kritik am angeblich zu bunten Layout halte ich für überzogen. Wichtiger ist, dass der Leser Kommentare lesen kann, die es bisher in Deutschland nicht gab. Dass Chefredakteur Sebastian Matthes zuvor das Ressort Technik und Innovation der Wirtschaftswoche geleitet hat, ist keine schlechte Expertise. Innovation ist gefragt, die politische Relevanz bringen die Blogger mit. Warten wir also mal die ersten Zahlen ab. Ich bin sicher: Die HuffPost wird sich hier fest etablieren.

P.S. Interessant ist, dass die amerikanische Ausgabe linksliberal ist, was eigentlich nicht zu Hubert Burda passt. Da Arianna Huffington ihren Vorsatz, deutsch zu lernen, nach eigenen Worten aufgegeben hat, wird sie das vielleicht gar nicht wissen. Immerhin wird ja auch viel aus dem amerikanischen Text übersetzt, wie beispielsweise der Blog des Kolumnisten Nicolas Berggruen, der sich nicht zu Karstadt, sondern zur europäischen Schuldenkrise äußert ("Wachstum anschieben").


Montag, 23. September 2013

Unschön, die Häme über die FDP

Die Häme, die sich gestern in Form eines tosenden Beifalls in den Parteizentralen von SPD, Grünen und Linken für den Absturz der FDP äußerte, sollte wohl das Ventil für die eigenen Stimmenverluste sein. Aber ich frage mich, warum gönnt man das den Liberalen? Warum ist es ein Grund zum Jubeln, dass diese Partei nicht mehr im Bundestags sitzt? Wäre der Beifall genauso groß, wenn Linke oder Grüne aus dem Bundestag flögen? Wohl kaum.
Für den deutschen Bundestag ist das Ausscheiden der FDP ein Riesenverlust, erst recht für Deutschland. Dieser Verlust kann nicht durch liberale Elemente in der CDU oder gar der SPD ausgeglichen werden. Die FDP hat allerdings auch nichts Wahrnehmbares von ihren Kernthemen in der Koalition mit Angela Merkel durchsetzen können.  Mit der zu erwartenden großen Koalition droht ein politisches Kartell, das in Steuer- und Wirtschaftsfragen kein ernstzunehmendes Korrektiv mehr hat. Zu befürchten ist mehr, statt weniger Staat.
PS: Viele engagierte Politiker und ihre Mitarbeiter im Bundestag verlieren ihren Arbeitsplatz. Das sollte die Jubler nicht vergessen. HIER das Organigramm der FDP-Bundestagsfraktion.



Freitag, 20. September 2013

Wahlen, Umfragen, Erwartungen

In der Soziologie spielt der Begriff der Erwartung eine zentrale Rolle. Ich bin kein Soziologe, aber klar ist dass Erwartungen mal als Prognose wahrgenommen werden, mal als normative Haltung: Ich erwarte einen bestimmten Wahlausgang. Oder, normativ: ich erwarte, dass du dich anständig benimmst. An der Börse geht es darum, die allgemeinen Erwartungen einzuschätzen. Wenn zum Beispiel alle erwarten, dass der Ölpreis steigt, wird er fallen, weil sich alle vorher eingedeckt haben und plötzlich kein Käufer mehr zu finden ist.
Nun wird am Sonntag gewählt. Umfragen führen zu Erwartungen. Die Journalisten bei Maybritt Illner gestern erwarteten alle, dass Merkel Kanzlerin bleibt, manche erwarten ein knappes schwarz-gelb, manche eine große Koalition. Keiner glaubt, dass Steinbrück Kanzler wird.
Wenn sich alle so einig sind, obwohl die Umfragen ausdrücklich auf Fehlertoleranzen hinweisen, die bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen das Ergebnis auf den Kopf stellen können, dann kann es zu echten Überraschungen kommen, und ich habe das Gefühl, dass die Umfragen dieses Mal ganz schön schief liegen könnten. Bei 1000 Befragten kommt auf einen Ergebnisbereich  eine Fehlertoleranz von 2 bis 2,5 Prozent. Aus 11 Prozent können dann 9 Prozent werden, aus 4 Prozent 5 usw. Die Journalisten wissen das, trotzdem haben Sie alle ziemlich gleichgerichtete Erwartungen, und das ist echt umfragebedingt. So gesehen hätten wir einen langweiligen Wahlabend vor uns. Aber ich glaube das nicht. Überraschungsmoment werden die kleinen Parteien sein. 

Was wäre eine Überraschung?
  • Die FDP bekommt 7 Prozent. Oder sie bekommt weniger als 5 Prozent und fliegt raus.
  • Die Grünen fallen auf 7 Prozent. Oder sie kommen auf 12 Prozent
  • Die Linke bekommt 10 Prozent. Oder sie fällt auf unter 7 Prozent
  • Die AfD kommt in den Bundestag. Oder sie bekommt nur zwei Prozent
Jede dieser Überraschungen hätte Konsequenzen, in alle Richtungen. Deswegen freue ich mich riesig auf eine spannende Wahlnacht. Und erwarte nichts, außer einem interessanten Fernsehabend und den ganzen Analysen, warum es doch anders gekommen ist, als erwartet.

Mittwoch, 11. September 2013

Julia Jäkel marschiert

In ihrem heutigen Interview mit der FAZ hat Julia Jäkel, die energische neue Vorstandsvorsitzende des Gruner+Jahr-Verlages ihre neue Strategie vorgestellt. Eine interessante Lektüre, nachzulesen HIER. Gruner+Jahr wird zu einer Plattform von "Communities of interest"umgebaut. Es bedeutet, dass sich der Traditionsverlag auf seine Kernkompetenz konzentrieren will, nämlich journalistische Inhalte mit hoher Qualität. Die sollen dann durchweg digitalisiert werden und in allen verfügbaren Formen besser und vielfältiger vermarktet werden, Print eingeschlossen, mit einem starken Schwerpunkt auf E-Magazine und Apps. Dafür verzichten die Anteilseigner Bertelsmann und Jahr auf einige hundert Millionen an Gewinnausschüttungen. Es wird also kräftig investiert.
Was ist von diesem Konzept zu halten?
Wäre ich ein Journalist beim Stern, müsste ich mich fragen, was ich bisher falsch gemacht habe. Die Journalisten sind ja die gleichen, und einige werden den Verlag nach dem jetzt angekündigten Umzug von München nach Hamburg wohl auch verlassen.
Was schief gelaufen ist, lässt sich dem FAZ-Interview nicht entnehmen. Dass Anzeigenkunden künftig pfleglichere Artikel bekommen werden, schließt Julia Jäkel vehement aus und verweist auf den Stern: "Im „Stern“ ist gerade eine Serie gelaufen, in der von den Optikern bis zu den Fluglinien eine Branche nach der anderen auseinandergenommen wurde. Ist das vielleicht anzeigenfreundlich?" (So kann man ärgerliches schönreden). Also kein Wohlfühljournalismus, richtig so. Es scheint also beim "Qualitätsjournalismus" zu bleiben, den alle Verlage wie eine Monstranz vor sich her tragen. Nun, ich glaube das gerne, aber es wird nicht mehr ausreichen. Qualität in Form von guten Geschichten bekomme ich in vielen Medien. Aber was bekomme ich an Mehrwert, wenn ich mich für den Stern entscheide? Hier kommen jetzt die Communities ins Spiel. Das Gesundheitsressort des Stern schreibt dann nicht nur für den Stern, sondern tauscht sich intensiv mit den Erfahrungen der Community "Gesundheit" aus - so verstehe ich das jedenfalls.
Die Bildung von solchen Communities of Interest ist der absolut richtige Ansatz - wenn er konsequent umgesetzt wird. Diese Strategie bedeutet nämlich, die Leser gleichberechtigt - auch als als Autoren , Kritiker oder Produktentwickler - zu beteiligen und sie nicht als Empfänger selbst definierter hochqualitativer Kost herablassend zu erdulden. Deswegen funktioniert ja auch das G+J-Portal Chefkoch.de, mit dem Geld verdient wird. Da machen die Leser mit ihren schönsten Rezepten mit. Das Dreieck Stern-GEO-Brigitte hat den Verlag immer über die Maßen dominiert. Dort sitzen viele Journalisten, die sich gegenseitig Qualitätsjournalismus bescheinigen, während ihnen der Austausch mit Lesern eher zeitraubend und lästig ist. Julia Jäkel macht damit Schluss, wie mir scheint.
Wie man das ändern kann, hat SPIEGEL-Autor Cordt Schnibben gerade gezeigt, der online über 1000 Leser ein neues Bild einer gedruckten Tageszeitung entwerfen ließ. Communities wie beispielsweise die 190.000 aktiven User der Münchner Fidorbank funktionieren, wenn sie nicht nur ein paar Kommentare zu Artikeln ablassen können, sondern wenn sie zusätzlich aktiv über die "Interests" diskutieren, sich, ihre Geschichten und ihre Erfahrungen einbringen und nicht nur ungebildete Rezipienten oder Marketing-Zielgruppe sind.
Viele Unternehmen haben Angst davor, sich und ihre Produkte einer permanenten Bewertung und Diskussion (wie etwa im weit entwickelten Reisebereich) auszusetzen. In den Verlagen nimmt das Umdenken jetzt endlich Gestalt an. Es geht darum, endlich die Emanzipation des Lesers anzunehmen.


Donnerstag, 5. September 2013

IBAN: Wer hat sich das bloß ausgedacht?


Soeben habe ich meine Einkommensteuer-Vorauszahlung überwiesen und stieß dabei auf die neue IBAN Nummer des Finanzamtes Idar Oberstein. Sie lautet 

DE31570000000057001516.

Bis ich diese Zahl in mein Onlinebanking eingegeben habe, hatte ich mich mindestens dreimal vertippt. Die Nullen schienen fast unüberwindlich. Ich habe sie dann auf dem Papier mit Zwischenstrichen aufgeteilt, bis ich herausgefunden habe, dass es acht Nullen sind, die sich da mitten in der IBAN festgesetzt haben. Zum Glück habe ich das direkt als Vorlage gespeichert und brauche das beim nächsten Mal nicht wieder mühsam einzutippen. 
Ich stelle mir allerdings den millionenfachen Erst-Eintipp-Vorgang vor, der derzeit in allen Unternehmen stattfindet. Die ganzen Lastschriften müssen ja umgestellt, Briefbögen neu gedruckt werden. Es ist wie ein neues Konto anlegen, es allen Geschäftspartnern mitzuteilen und allen Kunden. Wer einmal Rechnungen ausgestellt und dann die Kontodaten verändert hat, weiß, wie lange es dauert, bis das neue Konto bei allen Geschäftspartnern wirklich angekommen ist. Es wird also nicht nur bei Lastschriften sondern auch bei normalen Rechnungen vieles zurückkommen wegen falscher Kontonummer.


Merken kann man sich diesen Zahlenwurm nicht mehr (allerdings wissen wir ja, dass er sich aus Bankleitzahl und bisheriger Kontonummer zusammensetzt). Aber die zwei Ziffern hinter dem DE sind dann doch unterschiedlich. Meine zwei Konten bei der gleichen Bank haben hier zwei unterschiedliche Ziffern, was ich jetzt erst herausgefunden habe. Wieso? Was für ein Arbeitsbeschaffungsprogramm, das uns die EU da untergejubelt hat. Ich wüsste zu gerne, ob diese Umstellung wirklich notwendig war.
In Wikipedia lese ich, dass die USA der entscheidende Treiber für die Standardisierung der IBAN waren, das aber selbst noch nicht umgesetzt haben. Aha! Und weiter:"Während die IBAN grundsätzlich als eine global eindeutige Bezeichnung eines Kontos definiert ist, kann diese Funktion derzeit noch nicht für alle Konten der Welt genutzt werden. Hintergrund ist die zurzeit nur für 61 Länder und Territorien erfolgte Definition der IBAN-Strukturen (Stand Juli 2012). Das ECBS erwartet, dass der Prozess der weltweiten Akzeptanz fünf bis zehn Jahre (!!) dauern kann. Mindestens bis dahin ist es notwendig, die gegenwärtige Darstellung von Bankverbindungen (BIC und Kontonummer) ISO 9362 in Ländern ohne IBAN für die sichere Abwicklung des internationalen Zahlungsverkehrs weiter zu verwenden."

Jetzt weiß ich auch, warum den Banken zu internationalen Überweisungen nichts Kostensparendes einfällt. Sie sind zu sehr mit dem alten System beschäftigt. Mit den neuen E-Wallets oder Bitcoins ist es schon jetzt möglich, mit dem Smartphone Geld sicher und ohne Einschaltung einer Bank per Email, Facebook oder SMS in alle Welt zu überweisen. Ich glaube, dass IBAN-Technologie von gestern ist, weshalb die USA sich wahrscheinlich nicht besonders anstrengen, diese Standardisierung mitzumachen. Mit Bitcoins werden schon jetzt täglich bis zu 300.000 Transaktionen weltweit getätigt, während die amerikanische Notenbank monatlich 80 Milliarden Dollar zusätzliches Geld druckt. Was ist sicherer??? Ausprobieren statt zu zweifeln! Mit Western Union kann man übrigens auch fast kostenlos Geld nach Amerika überweisen. Bei meiner Volksbank kostet so was mindestens 45 Euro. Irgendwie haben wir hier geschlafen, weil die Deutschen zutiefst behörden- und damit auch bankgläubig sind - oder keine Alternative sehen, wenn sie an ihren Bankberatern zweifeln. Innovativ ist anders...

Dienstag, 27. August 2013

Die Akte Wulf

20.000 Seiten umfassen die Unterlagen, auf deren Basis die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Christian Wulff erhebt, den ehemaligen Bundespräsidenten.  Im Mittelpunkt der Anklage stehen ca. 750 Euro angeblicher Vorteilsannahme, für die Wulff ein Werbeschreiben an Siemens verfasst haben soll. 750 Euro gegen 20.000 Seiten Staatsanwaltschaft.
Das ist doch unglaublich. Wenn so wenig von den Vorwürfen übrig bleibt, haben wir es mit einem handfesten Behördenskandal zu tun. Und übrigens auch mit einem Medienskandal. Wir erinnern uns an BILD und Spiegel, die investigativ darum wetteiferten, Wulff zur Strecke zu bringen.
Das Gericht hat die Anklage zugelassen, aber die Staatsanwaltschaft Hannover hat sich schon vor Eröffnung des Verfahrens bis auf die Knochen blamiert. Sie hat eine politische Karriere zerstört, eine Ehe, und einen Menschen. Das ist nicht zu fassen. 750 Euro - und wie viel haben die Ermittlungen insgesamt gekostet, die 20,000 Seiten? Wulff hat viele Kommunikationsfehler begangen, aber er hat ein Recht darauf, fair behandelt zu werden wie jeder Bürger. Das war hier mit Sicherheit nicht der Fall. Das Gericht sollte ihm jetzt einen lupenreinen Freispruch gewähren. Alles andere wäre Irrsinn.


Aufruhr beim SPIEGEL

Es ist das ureigene Recht eines Chefredakteurs, sich seine Stellvertreter auszusuchen. Wolfgang Büchner, zuvor Chefredakteur von dpa, hat sich Nikolaus Blome als Stellvertreter ausgesucht. Die Ressortleiter des SPIEGEL und die Mitarbeiter KG(die 50,5 % der Stimmen des SPIEGEL besitzt) sind geschlossen dagegen.

Nikolaus Blome ist ein hervorragender Journalist - einer der besten in Deutschland.  Er ist Absolvent der Henri-Nannen-Journalistenschule, mit dem "Theodor-Wolff-Preis" und weiteren Preise ausgezeichnet. Seine Medienkarriere ist makellos. Er ist ein politisches Schwergewicht als Leiter des Hauptstadtbüros von BILD. Mit seinem Mut zur Meinung hat er zwar nicht immer richtig gelegen - etwa als öffentlicher Verteidiger des gescheiterten Guttenberg. Das passiert freilich auch Spiegel-Redakteuren gelegentlich. Sein Kontrahent bei Phoenix in "Augstein und Blome", Jakob Augstein, hat ihn jedenfalls kennen und schätzen gelernt.
Und nun blockt eine ganze Redaktion. Es erinnert mich an 1983, als Johannes Gross nach der Affäre um die angeblichen Hitler-Tagebücher gemeinsam mit Peter Scholl-Latour die Chefredaktion des Stern übernehmen sollte. Die Redaktion protestierte heftigst, sie befürchtete einen "Rechtsruck" (heute kaum zu glauben). Gross trat den Posten gar nicht erst an, Scholl-Latour schmiss nach einem Jahr hin. Und seitdem steckt der Stern permanent in der Krise.

Büchner und Blome werden deswegen bald zurücktreten, bevor sie überhaupt angetreten sind, das scheint mir sicher. Doch damit löst der SPIEGEL sein Problem nicht: Dass die Mitarbeiter die Mehrheit dieses Magazines bestimmen, hat auch Augstein in seinen letzten Jahren bereut. Redakteure, die Chefredakteure verhindern oder verhindern können, schaufeln sich auf die Dauer ihr eigenes Grab.
Nach dem Rauswurf von Mascolo und Blumencron, jetzt also der nächste Streit.  Kein Wunder, dass der Spiegel in den letzten Monaten einen dramatischen Zuwachs an Langeweile produzierte.
Vor einigen Jahren habe ich einmal einen Wiener Philharmoniker gefragt, wozu diese Besten aller Besten überhaupt einen Dirigenten brauchen.
"Wir werden sonst immer langsamer - bis hin zum Stillstand", so seine Antwort. Das passt sicher auch für den SPIEGEL.

Freitag, 23. August 2013

8 Milliarden Überschuss - Steuern senken!!

Der Staat hat im ersten Halbjahr 8 Milliarden mehr eingenommen als ausgegeben. Durch die niedrigen Zinsen kann er außerdem wunderbar umschulden und hochverzinsliche Anleiheschulden gegen niedrigverzinsliche umtauschen. Das bringt 40 Milliarden Entlastung.  Die gute Konjunktur hat die Kassen der Sozialversicherungen gefüllt. Zwei Millionen weniger Arbeitslose bedeuten für den Staat und die Sozialversicherungen enorme Einsparungen.
Und jetzt erkläre mir einer, warum einige Parteien die Steuern erhöhen wollen und keine Partei die Steuern senken will.  Wegen der Eurokrise! Und weil Griechenland bald wieder Geld braucht? Und vor allem, weil keiner weiß, was die Zukunft bringt. Alles Ausreden.
Steuersenkungen bringen die richtigen Impulse für die Wirtschaft. Gerade dann, wenn neue Risiken drohen, muss dafür gesorgt werden, dass die Wirtschaft weiter unter Dampf bleibt. Wann sonst kommen wir jemals von dem hohen Steuersockel runter, der vor allem Selbstständige, Freiberufler und die angestellte Mittelschicht trifft?
Wahrscheinlich hat Gabriel von seinen Vertrauten im Bundesfinanzministerium vorab gesteckt bekommen, dass es erstmals seit langem einen Überschuss im Staatshaushalt gibt. Anders ist sein Schwenk in Sachen Steuererhöhung nur schwer zu erklären.
Also wenn das Bundesfinanzministerium zur Zurückhaltung aufruft, dann halte ich dagegen: Das muss gefeiert werden! Glückwunsch an die Bundesrepublik Deutschland! Und jetzt bitte: Runter mit den Steuern!

Montag, 19. August 2013

Wahlkrampf

Irgendwie zünden die Bundestagswahlen nicht. Der Wahlkampf schleppt sich dahin. Die Umfragezahlen verändern sich seit Monaten kaum.  Es ist sowenig los, dass sich der Bundestag selbst zu Wahlaufrufen per Anzeige genötigt sieht - erstmals?
Schon bei den letzten Wahlen hatten wir mit etwa 70% die niedrigste Wahlbeteiligung seit Gründung der Bundesrepublik.

Wo stehen wir also: Hier eine Überblick über alle Wahlergebnisse:
http://de.wikipedia.org/wiki/Ergebnisse_der_Bundestagswahlen

2009 verteilten sich die Stimmen 2009 so:
27. September 200970,9CDU/CSU 33,8SPD 23,0FDP 14,6 (ja!) Grüne 10,7Linke 11,9
Laut Emnid ergab die letzte Umfrage vom 18.August (Sonntagsfrage):
CDU/CSU: 40% - SPD 24% - FDP 6% - Grüne 12% - Linke 8%
Die Piraten kommen danach auf 4 und die Euro-Abschaffer AfD nur auf 1%.
CDU/CSU plus FDP wären 46%.
SPD plus Grüne wären 36% plus Linke wären 44%.
Das ist kein großer Vorsprung, aber es würde für schwarz gelb reichen.
Die SPD hat auf die Mitte gesetzt, und ist damit austauschbar gegen die sozialdemokratisierte Angela Merkel. Auch wenn mir eine Mitte-SPD lieber ist als eine Linken-SPD: Es war ein strategischer Fehler,
sich in der Mitte zu positionieren. Steinbrück ist zwar Mitte, aber die Partei ist eher links. Ein Bündnis mit den Linken wird auf Dauer nicht zu vermeiden sein. Gabriel wäre mit Sozialneid-Kampagnen erfolgreicher als Steinbrück. Der holt jetzt auch noch Schröder zu Hilfe, nachdem dessen erfolgreiche Agenda 2010 lange als Übel bekämpft worden ist.
Die FDP hat sich offensichtlich wieder berappelt. Rösler ist wieder da, Brüderle auch und Westerwelle setzt auf den seriösen Außenminister.
Im Fernsehen habe ich noch keine Wahlwerbung bemerkt. Stattdessen Canvassing und ewig dauernde 150-Jahr-Feier bei der SPD. Vielleicht liegt es an den Haustürbesuchen, dass man die die SPD kaum öffentlich wahrnimmt.
Angela Merkel setzt auf Langeweile, und das mit Erfolg. Selten so ein langweiliges Interview wie gestern im ZDF gesehen. 
Ich glaube, diese ganze NSA-Geschichte hat das Medienpulver so in Anspruch genommen, dass den Journalisten langsam der Wahlkampf-Stoff ausgeht. Was soll man denn auch noch berichten? Dass die Grünen sich als Steuererhöhungspartei profilieren möchten, ist ja bekannt. Sonst noch was wichtiges?



Mittwoch, 14. August 2013

Facebook - die unbegriffene Dimension, ein Rückblick

Die Berichterstattung über Facebook sagt viel über den ewig pessimistischen deutschen Wirtschaftsjournalismus. Als das Unternehmen an die Börse ging, rieten hierzulande alle vom Kauf ab, weil eine Bewertung von 100 Milliarden US abseits jeder deutsche Vorstellung lag. Heute gehört Zuckerbergs Startup zu den fünf wertvollsten Unternehmen der Welt.

Im Handelsblatt schrieb Anfang 2013 Axel Postinett aus San Francisco, nachdem der Kurs unter den Ausgabepreis gefallen war: "Es sollte die Krönung einer beispiellosen Unternehmensgeschichte werden, der Börsengang des Jahrhunderts, der Beweis, dass im Silicon Valley einfach alles möglich ist. Aber herausgekommen ist ein Desaster, dessen Schockwellen heute noch spürbar sind im Reich der digitalen Glücksritter. Eine Mär von Größenwahn der Wall Street, Raffgier, Pleiten, Pech und Pannen. Am Ende machte der Facebook-Börsengang vor genau einem Jahr einige wenige unfassbar reich und viele andere arm." 
Schön dramatisch, schön daneben.
Und die Wirtschaftswoche titelte 2012: "7 Gründe, Facebook nicht zu kaufen".  Anleger, die diesem Rat gefolgt sind, haben satte Gewinne verpasst.

Zu den wenigen, die 2012 einen Facebook-Erfolg für möglich hielten, gehörte übrigens FAZ-Ressortleiter Carsten Knop. Er schrieb kurz vor dem Börsengang: 

"Bisher hat Facebook noch gar nicht richtig angefangen, diese Datenmenge für die Werbetreibenden zu erschließen. Aber was passiert, wenn das gelingen sollte? Der gesamte Werbemarkt auf der Welt hat ein jährliches Volumen von mehr als 580 Milliarden Dollar. Davon entfällt derzeit nur ein Bruchteil auf Facebook. Aber Facebook ist neben Google das Unternehmen, das mit Recht behaupten kann, die werbetreibende Wirtschaft am besten vor den sogenannten Streuverlusten bewahren zu können, die entstehen, wenn Werbung Menschen erreicht, die sich für sie gar nicht interessieren."

Inzwischen nutzen 1.2 Milliarden Menschen Facebook. Der Gewinn stieg von April bis Juni im Jahresvergleich von 719 Millionen auf 2,1 Milliarden US-Dollar. In einem Quartal! Die Werbeeinnahmen legten um 63 Prozent auf 6,2 Milliarden US-Dollar zu. Der Kurs der Aktie liegt inzwischen bei etwa 112 $, ein Plus von 253% seit dem Börsengang. Neueste Kursziele liegen bei 170 $.

Den Deutschen fehlt die Phantasie, und Begeisterung gilt als verdächtig. Deswegen haben es Startups in Deutschland viel schwerer, Finanzmittel einzuwerben als amerikanische Gründer, denen die Millionen nur so hinterher geworfen werden.
Ganz besonders schwierig ist es für deutsche Medien, die Erfolgsaussichten von Startups richtig einzuschätzen. Zwar schreiben inzwischen alle Wirtschaftsmedien über Fintechs, Insuretechs und Startups. Doch selten treffen die Berichte den Kern der jeweiligen Geschäftsmodelle. Und begeistern lässt sich ohnehin niemand. Das ist ja unjournalistisch.

In Deutschland ist die erste Frage: "Wozu braucht man das?"
In den USA fragt man: "Was kann ich damit machen?"  

Zu den wenigen, die in Deutschland in amerikanischen Dimensionen erfolgreich sind, gehören die Samwer-Brüder. Ihre Firma Rocket Internet ist ständiges Ziel deutscher Zweifler, weil der Aktienkurs gefallen ist. Doch Oliver Samwer lässt sich davon nicht beeindrucken. Er macht sein Ding, und ich bin sicher, das wird eine große Erfolgsgeschichte werden.
Auch bei Amazon konnten sich deutsche Medien nicht vorstellen, dass die permanenten Verluste irgendwann in einen größeren Gewinn münden könnten. Im zweiten Quartal 2016 kletterte der Überschuss im Jahresvergleich von 92 Millionen auf 857 Millionen Dollar. Warum? Weil Amazon ein zweites Standbein aufgebaut hat, und seine Server an Unternehmen vermietet (Cloud-Business).
Das hatte in Deutschland kaum einer im Visier.

Ich mochte Facebook von Anfang an.
Im Mai 2012 schrieb ich zum Börsengang in diesem Blog:

"Die Begleitung des Börsengangs von Facebook durch die deutschen Medien hat mich irgendwie gestört. Da legt ein erst im Februar 2004 gegründetes Unternehmen einen 100-Milliarden-Börsengang hin und die deutschen Journalisten maulen herum. ... In all den Beiträgen erfahren wir zuwenig über das Geschäftsmodell, mit dem Facebook immerhin schon eine Milliarde Jahresgewinn erwirtschaftet hat.Wer hätte beim Google Börsengang 2004 gedacht, dass das Unternehmen mit einem damaligen Umsatz von 1,5 Milliarden US Dollar acht Jahre später 10 Milliarden Gewinn machen würde? Trotzdem haben Anleger am ersten Börsentag über 100 Dollar hingeblättert und damit später einen prächtigen Gewinn erzielt."

Tatsächlich stürzte der Kurs des Unternehmens anschließend ziemlich ab. Und alle sahen sich bestätigt. Nun steht der Kurs wieder bei 37 Dollar oder etwa 30 Euro - wie beim Börsengang. Denn Facebook hat riesige Fortschritte bei der Smartphone-Werbung erzielt. Und wir werden noch diverse Überraschungen erleben. Ich würde mich nicht wundern, wenn der Kurs in drei Jahren bei 200 steht, denn dieses Unternehmen ist weit mehr als ein "soziales Netzwerk".

Tatsächlich wird Facebook immer mehr zu einer wichtigen Informationsquelle. Früher dachte ich, Facebook ist etwas für Freunde und Familie. Ich hielt es für eher unwahrscheinlich, dass sich Kollegen und Geschäftspartner bei Facebook mit mir "befreunden" wollten. Beruflich hatte ich mich auf Linkedin konzentriert. Hier gehört mein Profil angeblich zu den 5% der meistbesuchten, hat mir Linkedin mitgeteilt :-) Tatsächlich habe ich in diesem Jahr über Linkedin vier neue Kunden gewonnen. Linkedin ist deshalb für mich unverzichtbar. Aber was kann ich mit Facebook anfangen?

Inzwischen habe ich meine Meinung zu Facebook geändert und begonnen, diverse interessante Medienleute einzuladen. So gut wie alle haben meine Einladung angenommen, und nun bemerke ich plötzlich, wie sich die Qualität der Inhalte auf meinem Facebook-Zugang massiv verbessert. Morgens die FAZ, das Handelsblatt, die Süddeutsche und die Welt. Mittags Facebook. Hätte ich mir vor drei Jahren nicht vorstellen können.

Der Input ist plötzlich hochspannend, die Hinweise auf das, was man gelesen oder gesehen hat, sind intelligent, unterhaltsam, und wichtig. Und ähnlich wie bei Twitter, nur langsamer (man kann besser mitlesen) gibt es einen Nachrichtenfluss, der mich in dieser Qualität überrascht hat.

Junge Leute lesen deshalb keine Zeitung mehr. Was sie gelesen, gehört und sich zu sagen haben, tauschen sie auf Facebook aus. Wenn sie erwachsen sind, wird sich dieses Verhalten nicht ändern. Also muss man Facebook neu einordnen: Es ist ein immer wichtigeres Informationsmedium, das jeder nutzen kann. Es ist ein Distributionskanal für journalistische Beiträge mit interaktivem Input. Es ist ein virales Rennauto, das Informationen schnell von einem zum andern trägt. Es inspiriert durch Medienvielfalt: Text, Bild, bewegtes Bild,Ton - wenn die Teilnehmer sich nicht auf Tralala beschränken.

Heute morgen las ich den interessanten Kommentar von Stefan Kolle im Handelsblatt. Er schrieb sinngemäß, dass werbeintensive Konzerne wie Coca Cola inzwischen eigene Redakteure einsetzen, um Social Media zu nutzen: "Strategie Content 2020". Und "Warum sollen wir Fernsehsender reich machen, wenn es andere Wege gibt", zitiert Kolle den Marketingchef von Nike. Facebook wird deshalb mit Werbung reich werden.Und seine Aktionäre auch. Nicht weil man da so nett chatten kann, sondern weil es ein Informationsmedium geworden ist. Das ist die von vielen noch nicht begriffene Dimension.

Mittwoch, 7. August 2013

47.000 digitale Abos für die WELT. Braucht man dann noch eine Printausgabe?

Folgenden Beitrag habe ich heute auf meiner Facebook-Seite geposted:

47.000 digitale Abos für die WELT sind nicht schlecht. Aber man sollte auf dem Teppich bleiben: Ein Abo der Welt kostet 44,90 inkl. ePaper, Die WELT Smartphone- und Tablet-App sowie alle Artikel auf WELT Online. Bei den digitalen Abos handelt es sich um folgende Angebote:"Die WELT Digital Basis“ für 4,49 Euro im Monat: Web, Smartphone-App und „Die WELT Digital Komplett“ für 12,99 Euro im Monat: Web, Smartphone- und Tablet-Apps. Mal ganz grob: Digitale Abos bringen also nur zwischen 10 und 30% der Einnahmen des normalen Abos. Zwanzig „WELT“-Texte darf jeder Leser im Monat frei lesen, beim 21 wird er zum Abschluss eines Abonnements aufgefordert. Die Frage ist: Sind 47.000 digitale Abos zusätzliche Einnahmen oder ersetzen sie bisherige Print Abos? Und braucht man eigentlich noch die Print-Ausgabe, wenn die Einnahmen aus digitalen Abos den derzeitigen Einnahmen aus Print entsprechen? Ich vermute, dass die Verluste der Welt erst dann vom Tisch sind, wenn die Welt nur noch digital erscheint. Je erfolgreicher der digitale Weg, desto überflüssiger die gedruckte Zeitung.

Dienstag, 6. August 2013

Der Verkauf der Washington Post

für 250 Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen hat Amazon-Gründer Jeff Bezos die Washington Post mit ihren 2000 Beschäftigten gekauft. Die Watergate-Enthüller! Was für eine Nachricht!
Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht?
Es kommt darauf an. Journalisten könnten sich verkauft fühlen, wenn beispielsweise Rudolf August Oetker die neue Osnabrücker Zeitung oder die Badischen Neuesten Nachrichten übernähme.
Oder was wäre, wenn BMW-Erbe Stefan Quandt die WELT kaufte?  
Dennoch, ich finde die Idee durchaus charmant: Newcomer als private Verleger statt unternehmensberatungsinfizierte Konzerne.
Verlegern alten Schlages kam es nicht wirklich auf Profite an, sondern auf Einfluss und Prestige, auf politische Tendenzen und auf die Wächterfunktion in einer Demokratie.
So hat Axel Springer seine Zeitungen gegründet, Rudolf Augstein den Spiegel, Gerd Buccerius die ZEIT und andere Verleger manche Regionalzeitung.Vielleicht ist es wichtig, dass Journalisten solche verlegerischen Ambitionen wieder mehr im Blick haben als die ständige Sorge vor einem Ende des Journalismus. Dass der Gründer von Amazon jetzt eine eigene Zeitung haben will, finde ich in jedem Fall spannend, es ist ja nicht das erste Mal: Der renommierte Boston Globe wurde gerade von einem Unbekannten namens John W. Henry gekauft, der auch mehrheitlich den FC Liverpool besitzt. Schon 2007 ging das Wallstreet Journal bekanntlich an Rupert Murdoch.
Wie sieht also der künftige Verleger aus? Wann kauft sich Zuckerberg die New York Times? Und wann Bill Gates die Financial Times? Milliardäre haben wir doch genug. Und vielleicht würden sich die Aldi-Brüder auf ihre alten Tage auch noch eine paar Regionalzeitungen gönnen, in denen sie ihre eigenen Anzeigen dann billiger schalten könnten?
Sind Milliardäre die Rettung von Print? Könnte sein, wenn wir nett zu ihnen sind. Aber nur mit Journalisten, die auch weiterhin gern auf bedrucktem Papier schreiben.
Ach ja, die Digitalisierung, fast vergessen. Nun, davon versteht Jeff Bezos zweifellos eine Menge, mal sehen, wie er damit umgeht..

Mittwoch, 31. Juli 2013

Zur Abberufung von Arno Balzer vom Manager Magazin

Gerd Schulte Hillen, der legendäre frühere Vorstandsvorsitzende von Gruner+Jahr, hat einmal in einer Runde von Chefredakteuren launig ausgerufen: "Nach zehn Jahren muss jeder Chefredakteur ausgetauscht werden." Das ist mir passiert. Und jetzt auch Arno Balzer, von dessen Abberufung heute im Kress-Report zu lesen war.
Ich kenne Arno gut, war er doch in den achtziger Jahren bei der Wirtschaftswoche in meinem Ressort "Wirtschaft und Politik" zusammen mit anderen, die es zum Chefredakteur brachten: Roland Tichy, Bernd Ziesemer, Gabor Steingart (damals noch Volontär). Auch Emilio Galli Zugaro, der oberste Kommunikations-Strippenzieher bei der Allianz, war in diesem Ressort als Korrespondent.
Das Manager Magazin gehört zum Spiegel-Verlag. Indirekt ist auch Gruner+Jahr beteiligt.
Arno Balzer war damals Wolfgang Kaden nachgefolgt, der das Blatt viele Jahre erfolgreich geführt hatte. Balzers Verdienst es, das Blatt bislang mit ruhiger Hand durch die Krise der Wirtschaftspresse geführt zu haben, ohne den Markenkern zu beschädigen. MM hatte der Versuchung widerstanden, den Börsenhype zu nutzen und deshalb kaum Auflage verloren, als es mit der Börse abwärts ging. Der promovierte Volkswirt Balzer hat sich publizistisch zurück gehalten. Ein Fehler wie ich meine, Chefredakteure sollten ihre Meinung konsequent nach außen vertreten. Dennoch: Die Geschichten sind wie eh und je lesenswert, auch wenn die Schlüssellochperspektive den Betroffenen nie gefiel. Manager mögen MM nicht wirklich. Dafür ist das Blatt bei den Unternehmensberatern stets hoch im Kurs. Von dort kommt auch manch exklusive Information.
Der MM-eigene Schreibstil ist meist gut mit Humor gewürzt, Häme zwischen den Zeilen eingeschlossen. Journalisten wie Klaus Boldt liest man, weil sie nicht nur informativ sind, sondern auch Lesespaß bringen - was die meisten Wirtschaftsjournalisten nicht beherrschen. Jeder Einstieg von Boldt ist zelebriert und die Schlusspointe fehlt nie. Der Unterhaltungswert der investigativen Geschichten ist bei MM nach wie vor hoch.
Doch die dramatischen Anzeigeneinbrüche seit einigen Jahren haben auch dieses Wirtschaftsmagazin stark getroffen. Das erste Halbjahr muss eine Katastrophe gewesen sein.
Jetzt stellt sich die Frage, wie das Blatt noch Geld verdienen kann. Was ist die Perspektive? Das Problem ist, dass MM allein nicht stark genug ist, die Anzeigenkrise der Wirtschaftsmagazine finanziell zu überstehen. Wachstum wäre im Ausland möglich, doch Auslandsaktivitäten hat der Verlag versäumt. Neugründungen hat es keine gegeben, was wohl am Redaktionsstatut des Spiegel-Verlages und seiner MM-Tochter liegt. Die Spiegel-Mitarbeiterschaft kennt nur den Spiegel, und sonst nichts.
MM hat kaum Nebeneinnahmen. Der Harvard Manager ist wohl profitabel, reißt es aber auch nicht. MM-Online gehört als Teil von Spiegel-Online immerhin zu den gefragten Nachrichtenportalen, ist aber auch nicht im Spitzenfeld. Karsten Stumm macht dort einen guten Job.
Veranstaltungen gibt es, aber meines Wissens keine, die wie beim Handelsblatt richtig Geld bringen.
Ein neuer Chefredakteur wird wenig ausrichten können, wenn dem Verlag letztlich das Geld für Investitionen fehlt.
Vor einigen Jahren hatte ich ein Treffen mit dem damaligen Spiegel-Geschäftsführer Karl Dietrich Seikel. Ich hatte ihm vorgeschlagen, mit Hilfe eines Finanzinvestors die FTD und Capital zu übernehmen und daraus einen von MM geführten neuen Wirtschaftsverlag unter dem Dach des Spiegelveralges zu formen. Der Spiegel hätte Vertrieb und Anzeigenverkauf übernommen, der Finanzinvestor hätte den Deal finanziert und Gruner+Jahr hätte einen eleganten Weg gefunden, die defizitäre FTD loszuwerden - ohne die Beteiligung am Spiegel aufzugeben und somit indirekt weiter beteiligt zu sein. G+J hätte Impulse und Börse Online verkauft. Die FTD hätte der Finanzinvestor nach einer Weile an die Handelsblatt-Gruppe verkauft. Im Gegenzug hätte der Verlag die Wirtschaftswoche hereingenommen. Mit MM, Capital und Wiwo und mit der Vertriebs- und Anzeigenpower des Spiegel-Verlages wären die Zukunftsaussichten heute für alle drei Blätter wohl besser.
Es gab dann auch wohl Gespräche zwischen Holtzbrinck und G+J, die aber bekanntlich ohne Ergebnis blieben. Nun bin ich gespannt, wie lange MM, Capital und Wirtschaftswoche noch ohne weitere Einschnitte durchhalten. Es wäre uns allen zu wünschen, dass diese Medien mit ihren hervorragenden Journalisten durchhalten. Allen dreien ist zu empfehlen, Nebengeschäfte massiv auszubauen und den digitalen Bereich zu modernisieren: Insbesondere mehr bewegte Bilder, mehr Interaktion mit den Usern, mehr Einbeziehung von Blogs.




Dienstag, 30. Juli 2013

Alpha-Tiere in Konzernen

Vor langer Zeit gab es einmal die Deutschland AG. Sie hatte den Zweck, die Perlen der deutschen Industrie vor unerwünschter Einmischung aus dem Ausland zu schützen. Damals war das Wort Hedgefonds nur wenigen bekannt. In Deutschland gab es weder Private Equity noch die Einmischung von großen Fondsgesellschaften in die Unternehmenspolitik. Die Deutsche Telekom war noch eine Abteilung des Postministeriums. Aufsichtsräte waren vor allem schöne Posten. Wirkliche Kontrolle ging von ihnen nicht aus, jedoch dienten sie vor allem der Personalpolitik. Man traf sich in Baden-Baden in Oetkers Brennerschem Parkhotel, bei den Salzburger Festspielen und in Bayreuth zu den Wagner-Festspielen. Begehrt war auch ein Wochenende in Glyndebourne, dem Opernhaus auf der grünen Wiese, 50 Meilen südlich von London, wo die größten Dirigenten wie Sir Simon Rattle, Claudio Abbado oder Kurt Masur den Ehefrauen etwas Abwechslung brachte, und in der Pause zwei Stunden Picknick auf der grünen Wiese mit Kaviar und Champagner angesagt waren. Die Medien waren meist außen vor, man war unter sich, und regelte, was zu regeln war.
Die Alpha-Tiere von damals waren ein Closed Shop. Am stärksten ausgeprägt im Ruhrgebiet, wo die sogenannten Stahlbarone das Feld beherrschten. Dienstvilla, Fahrer und Golfplatz waren die verbindenden Elemente.
Gerhard Cromme ist in der Deutschland AG aufgewachsen, musste aber gleichzeitig den Wandel einer Industriegesellschaft miterleben, in der Internetbuden mehr wert sind als gediegene Stahlkonzerne, in der das Mauscheln hinter verschlossenen Türen nicht mehr funktioniert. Unwürdige Abgänge wie die von Pierer, Löscher, Schulz und anderen waren in den achtziger Jahren kaum denkbar. Man erinnert sich aber auch nicht an derart große Desaster wie sie Thyssen in Brasilien, Bosch mit dem Solarengagement oder Siemens mit Korruption, Windparks, Zügen und Kernkraft vorgeführt haben.
Das Doppelinterview von Löscher und Theisen (mit der Forderung nach einer Umkehr der Energiewende)  im Handelsblatt hat uns vorgeführt, wie Topmanager denken. Nur, anders als früher, die Rolle rückwärts funktioniert nicht mehr. Der Einfluss der Wirtschaftsriesen auf die Politik ist stark geschrumpft. Auch wenn die Kanzlerin Reden vor dem Bundesverband der Deutschen Industrie hält: Dessen Einfluss auf politische Entwicklungen geht gegen Null.
Jedes Unternehmen braucht eine starke Führung. Je mehr Intrigen und Indiskretionen nach außen dringen, desto schlechter steht es um den ganzen Laden. Einen Konzern mit 430 000 Mitarbeitern zu steuern, funktioniert nur mit eine charismatischen Persönlichkeit, die motiviert, Interessen zusammenbindet, dem Management zuhört und klare Ziele umsetzt. Den Finanzvorstand Kaeser zum neuen Chef auszurufen, ist ein einfallsloser Fehler, der nur als Übergang taugt. Siemens braucht eine neue Unternehmenskultur. Und nicht nur Siemens. In vielen großen Unternehmen ist Umbruch angesagt. Führen muss neu gelernt werden.





Donnerstag, 25. Juli 2013

Döpfners waghalsiger Schritt

Die Nachrichten aus Berlin sind schon ein Hammer. Mit dem Verkauf von Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost und HÖRZU durchschlägt mein früherer Praktikant Mathias Döpfner einen gordischen Knoten, um den Konzern endgültig neu auszurichten. Er leiht der Funke Familie Geld, um drei Traditionsblätter mit Anstand loszuwerden und den Weg für einen durchdigitalisierten Konzern freizumachen.

Um das zu verstehen, muss man einen Blick in die Vergangenheit werfen.
Die Berliner Morgenpost war meine erste journalistische Station. Am 1.11.1977 begann ich dort mein Volontariat. Als ich dort anfing, waren die 68er Straßenschlachten, der Mord an Benno Ohnesorg durch den Polizisten Kurrat, der sich später als Stasi-Mitarbeiter herausstellte, längst vorbei.

Doch die Berliner Morgenpost blieb weiterhin so etwas wie eine Speerspitze gegen das Unrechtssystem der DDR. Mein damaliger Kollege Michael Ludwig Müller - von der linken Szene als "Springer-Müller" gehasst, schrieb fast täglich mutig gegen die linksextremen Entwicklungen an den Berliner Universitäten an. In seinem kürzlich erschienenen Buch "Die DDR war immer dabei" hat er noch einmal nachgezeichnet, wie die Stasi in der linken Studentenszene mitgemischt hat. Manch 68er verklärt heute gern, was damals zu den Ursprüngen der RAF gehörte. Man erinnert sich an brennende Auslieferungswagen der Bildzeitung, wilde Straßenschlachten, Anschläge und mehr. Und immer wieder an Menschen, die wie Peter Fechter im Feuerhagel der Vopos in den Stacheldrähten verbluteten.
Axel Springers Haus in der Kochstraße, direkt an der Mauer, war ein Bollwerk gegen alle Versuche der DDR, West-Berlin einzuschüchtern. Die Springer-Medien, auch Welt und Bildzeitung, waren so gesehen tatsächlich Kampfmedien eines kalten Krieges. Zugleich waren sie die intensivsten Mitstreiter für eine Aussöhnung mit dem jüdischen Volk und Israel. Jeder Redakteur muss bis heute in seinem Arbeitsvertrag unterschreiben, das Existenzrecht Israels anzuerkennen.
Dafür wurden Springer-Journalisten beschimpft und gehasst, aber sie haben den Menschen im Osten - genauso wie Gerhard Löwenthal im ZDF - immer die Hoffnung auf Freiheit gegeben. 1989 wurde diese Hoffnung spektakuläre Realität. Alle Medien, die das Regime umschmeichelt hatten, zum Beispiel nachweislich Theo Sommer als damaliger Chefredakteur der ZEIT, schwenkten plötzlich um. Springer brauchte nicht umzuschwenken, der Verleger hatte immer auf die richtige Perspektive gesetzt.

Das Hamburger Abendblatt wiederum war im Hause Springer immer die erste Adresse für exzellenten Lokaljournalismus. Wer es dort zum Chefredakteur brachte, war Vorbild für das ganze Haus. Und die Hörzu schließlich mit ihrer "Goldenen Kamera" - dem damals begehrtesten Fernsehpreis - brachte den, wenn auch leicht angestaubten Gala-Flair in eine Stadt, die viele für eine sterbende hielten. Ich erinnere mich an den letzten Artikel, den Hans-Ulrich Jörges Mitte der achtziger Jahre als Korrespondent der Agentur Reuters geschrieben hat. Er hatte genau diese Überschrift: "Berlin - eine sterbende Stadt".

Mathias Döpfner hat diese Vergangenheit jetzt verkauft. Das ist sicherlich keine gute Nachricht für die betroffenen Redaktionen, denn wo verkauft wird, fallen Späne. Wenn alles im Lot wäre, bräuchte man nicht zu verkaufen. Also geht es wieder um Synergien, Kosteneinsparungen und Entlassungen.

Wir sehen bei Holtzbrinck, dass sich der Kauf von Printmedien durchaus lohnen kann. Was aber in allen Printmedien fehlt - wir lassen das Beispiel Landlust mal beiseite - ist die Wachstumsperspektive. Ein regionaler Verleger, der nicht die ganzen Overheadkosten eines Konzerns mitschleppen muss, kann heute immer noch sein Auskommen mit einer guten Regionalzeitung haben. Und die ZEIT hat einen Aufschwung völlig gegen den Trend geschafft.
Der Megatrend läuft jedoch dagegen. Das hat Döpfner erkannt. Sein früherer Chef Gerd Schulte-Hillen hatte ihm einmal den Rat gegeben: "Wenn sie eine Erkenntnis haben, müssen Sie auch handeln." Das hat Döpfner jetzt getan, nicht ohne seine Besten zuvor noch mal nach Silicon Valley zu schicken. Die sind von dort offensichtlich restlos überzeugt zurück gekommen. Springer macht im digitalen Bereich schon über eine Milliarde Umsatz. Das ist eine gute Basis. Man wird sehen, ob die Bezahlmodelle für BILD und Welt funktionieren, ich habe da große Zweifel. Aber darum allein geht es nicht.
Der entscheidende Punkt ist, dass sich Medienhäuser strategisch nicht auf klassischen Journalismus beschränken dürfen. Ein Medienhaus definiert sich heute anders. Immobilienportale, Holiday-Portale und ähnliches verdienen mehr Geld als klassische Redaktionen. Die Texte der T-Online-Redaktion sind sicher kein Schwergewicht, aber natürlich auch Journalismus. Und das Anzeigenaufkommen schrumpft im Printbereich dramatisch. Content ist bei Immoscout eher Begleitmusik, aber dennoch schreiben auch hier Journalisten Texte.  Digitale Verleger und ihre Journalisten müssen eben akzeptieren, dass Blogger, Foren-Teilnehmer und alle, die ihre Fotos oder Videos ins Netz stellen, Teil ihres Konzepts sein müssen. Das Bevormundungs-Gen hat in dieser Welt ausgedient. Die Banken haben das noch nicht richtig gelernt. Aber vielleicht lernen es jetzt die Journalisten?








Montag, 22. Juli 2013

Bruno Wu und TM

Wie heute in der Süddeutschen nachzulesen, hat Thomas Middelhoff einen chinesischen Geschäftspartner gefunden, mit dem er in Medien investieren will. Der Chinese heißt mit Vornamen Bruno. Mit Nachnamen Wu.

Um jegliche Spekulationen zu vermeiden: Es handelt sich nicht um meinen Decknamen, obwohl die Buchstaben W und U in meinem Nachnamen vorkommen. Was nicht heißt, dass ich nicht gerne Wu wäre, denn der scheint ja eine Menge Kohle zu haben. 

Sehr heiß hier... :-)
Bruno

Gastkolumne: Solarwatt warnt vor der Rolle rückwärts


Im Handelsblatt hat Solarwatt-Chef Detlef Neuhaus energisch
vor der  "Rolle rückwärts" gewarnt, nachdem die Chefs von Eon und Siemens massive Korrekturen von der Regierung verlangt hatten. Der Pionier der Solarindustrie, der exklusiv mit BMW kooperiert und neuerdings den solarbetriebenen Carport für den neuen BMW i3 anbietet, hat kürzlich sein Programm auf intelligente Systeme umgestellt, die auf dezentrale Eigenversorgung ausgerichtet sind. Der Stromverbraucher wird durch regenerative Solarnutzung unabhängiger von den Netzen,spart langfristig Geld und bringt die Energiewende voran.  Detlef Neuhaus sieht die Solarwirtschaft auf gutem Wege: "Wir haben die Herausforderungen angenommen".


Die Bevölkerung steht zur Energiewende

Von Detlev Neuhaus, CEO Solarwatt

"Zwei bedeutende Wirtschaftsführer haben die Energiewende massiv in Frage gestellt. Im Handelsblatt fordern sie "grundsätzliche Korrekturen", denn die Lage sei "sehr ernst". Dieses bemerkenswerte  Interview hat in der Politik ein vergleichsweise mildes Echo gefunden. Wer will es sich schon mit den ganz Großen der Branche verderben? Tatsächlich wird hier versucht, die eigene Fehlstrategie den erneuerbaren Energien anzulasten. Dagegen möchte ich entschiedenen Widerspruch anmelden!" Die erneuerbaren Energien müssten sich dem Markt stellen“ verlangt der Eine und  baut zugleich ein Drohszenario auf, wonach steigende Strompreise quasi vorprogrammiert seien. "Verlierer sind vor allem die kleinen Kunden, die immer mehr für Energie zahlen", ergänzt  der Andere. Und zwischen den Zeilen ist überall zu lesen: Wir brauchen die Rolle rückwärts. Konstruktive Vorschläge, wie die Energiewende geschafft werden kann, fehlen leider gänzlich. 

Jahrzehntelang haben die großen Stromversorger von quasi regional monopolistischen Strukturen gelebt und wenig  für den lange geforderten Ausbau und die Sicherheit der Netze getan. Jetzt klagen sie darüber, dass sie für eine seit mehr als 10 Jahren bekannte Hinwendung zu den Erneuerbaren Energien, nichts getan haben. Und sie kritisieren massiv die Förderung der erneuerbaren Energien und ganz besonders die Photovoltaik, als den Treiber für die höhere Belastung der privaten Verbraucher und Verantwortlichen für mögliche Netzüberlastungen.  

Astronomische Summen für Kohlesubventionierung, für das bis heute ungelöste Problem der Atommüllendlagerung und den Polizeischutz der Kastortransporte sowie  inzwischen über 2.400 von der EEG-Umlage befreite Unternehmen (u.a.  Fast-Food-Unternehmen) finden in den Ausführungen leider keine Berücksichtigung. Dabei befindet sich die Solarindustrie in einem dramatischen Umstrukturierungsprozess. Sie hat sich dem Markt gestellt und einen Preisverfall bei den Modulen von rund 70% verkraftet. Viele Unternehmen stellen sich um: Weg von der Massenproduktion hin zur Systemtechnik. Die Einspeisung von selbst erzeugtem Strom ins Netz zur Erzielung einer Rendite konnte nur ein Übergangsmodell sein. Das Thema heißt nun Dezentralisierung der Stromerzeugung und des Stromverbrauchs. Die Fortschritte hier sind gewaltig. Mit den neuen Technologien können heute Häuser bis zu 80 Prozent durch den eigen erzeugten Strom versorgt werden.  Das bedeutet für den privaten Kunden weniger Stromkosten und mehr Unabhängigkeit, für den Energieversorger Netzstabilität und Netzentlastung. Und die Entwicklungen stehen gerade beim Thema Energiemanagement erst am Anfang. Kooperationen und ein konstruktives Miteinander von Solarindustrie und Energieversorgern sind hier gefragt. Ideen dafür gibt es.
Erneuerbare Energien sind inzwischen ein klarer Standortvorteil für Deutschland, denn weltweit wird immer mehr in diese Energien investiert. Zwischen April und Juni wurden laut Bloomberg weltweit 53,1 Milliarden US-Dollar  in neue Windparks, Solaranlagen oder auch in Börsengänge von Betreiberfirmen investiert, 22 Prozent mehr als im Vorjahr. Und es sollte schließlich nicht vergessen werden, dass die Mehrheit der Bevölkerung hinter der Energiewende steht."