Montag, 26. November 2012

Schnarchnasen-Wirtschaftsjournalismus?

In der heutigen Ausgabe des Spiegel (Seite 95) behauptet der Gründungschefredakteur der FTD und (bis zur Pleite) spätere Kommunikationschef von Lehman Brothers, Andrew Gowers, zur Einführung seines damaligen Blattes: Die deutsche Wirtschaftspresse war ein verschnarchter, konservativer Haufen. Interviews wurden hier in dem Stil geführt: "Verehrter Herr Konzernchef, können Sie uns mal in eigenen Worten schildern, warum Sie so toll sind?"
Bei allem Respekt vor den Leistungen von Gowers und der FTD: Hier wird ein Mythos aufgebaut, der nicht den Tatsachen entspricht. "Ich glaube", so Gowers, "wir haben die Kultur des deutschen Wirtschaftsjournalismus verändert."
Das liest man in diesen Tagen der Trauer viel, aber ich halte lediglich eine These für richtig: Die FTD hat dem Handelsblatt gut getan. Alles andere ist Unsinn. Gerade in der Anfangszeit von Gowers musste die FTD sich permanent wegen fehlerhafter Berichterstattung selbst korrigieren. In dieser Zeit wurde einer der Grundsteine für das spätere Scheitern gelegt, weil die journalistischen Fehler der FTD damals die gesamte Wirtschaft gegen sich aufbrachten. Die anfänglich steile  Auflagenkurve der FTD erhielt hier den ersten bösen Knick.
Waren die Wirtschaftsjournalisten vor der FTD eine Generation von Schnarchnasen? Das ist Unsinn. In den neunziger Jahren gab es bei Capital regelmäßig  Aufregergeschichten, insbesondere im Unternehmensressort. In fast jeder Ausgabe wurden geheime Konzernzahlen veröffentlicht, die Konzernchefs maßlos ärgerten und zu Diskussionen bis zum G+J-Vorstand führten.Ich erinnere mich an Daimler, Henkel, Lufthansa, Telekom oder die preisgekrönten Enthüllungen zum Subventionsbetrug bei der Vulkanwerft. In der Wirtschaftswoche war es nicht anders. Dort gab es früher und bis heute regelmäßig Investigativgeschichten, vom Berliner Garski-Skandal, der den Regierenden Bürgermeister stürzte, über zahlreiche Unternehmensgeschichten bis hin zu heftigsten Attacken gegen die Deutsche Telekom. Einem Mann wie Stefan Baron, in den neunziger Jahren Chefredakteur der WiWo,  kann man nun wirklich nicht Schnarchnasen-Journalismus vorwerfen. Und dem heutigen Chefredakteur Roland Tichy erst recht nicht. Ich erinnere mich, wie er als Wiwo-Korrespondent als erster herausgefunden hat, dass Mannesmann den Zuschlag für das D2-Netz bekommen sollte. Und später hat er permanent die Telekom geärgert. Im  Manager Magazin hat man schon immer Schlüsselloch-Geschichten gelesen, mit der Rubrik "Missmanagement" wurde das Magazin überhaupt erst groß. Vielleicht meint Gowers Handelsblatt und FAZ,  aber auch für diese Medien, würde ich die Kritik nicht so pauschal gelten lassen. Mag sein, dass es damals etwas gemächlicher bei diesen beiden Medien zuging, aber ich bin sicher, auch hier lassen sich genügend Enthüllungsgeschichten vor dem Launch der FTD finden. Aber muss man die Leistungen der Wirtschaftspresse immer nur an Enthüllungen messen, die letztlich nur einen kleinen Prozentsatz der Berichterstattung ausmachen? Ich sehe es so: Enthüllungen sind das Salz in der Suppe, aber nicht die Suppe selbst. Die muss immer noch mit Liebe angerichtet und gekocht werden. Und sie muss denen schmecken, die sie kaufen, den Lesern in der Wirtschaft. Deswegen war übrigens die Verlegerin Angelika Jahr immer so erfolgreich. Siehe das interessante Porträt von Melanie Amann in der FAZ am Sonntag von gestern:


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