Samstag, 20. Oktober 2012

Bertelsmann: Rabes schwarzer Tag

Gruner+Jahr bleibt für Bertelsmann ein Problemfall. Dass die Jahr-Familie ihre Gruner+Jahr-Anteile nicht gegen Bertelsmann-Anteile und schon gar nicht gegen RTL-Anteile eintauschen wollte, ist für den mit soviel Vorschusslorbeeren gestarteten Bertelsmann-CEO Thomas Rabe ein herber Rückschlag. Im Grunde ist gleich sein erstes, von ihm öffentlich propagiertes Projekt gescheitert. Es bleibt vorerst alles beim Alten.
Dass Bertelsmann nun den Geldhahn für die Neuausrichtung der selbstbewussten Hamburger Tochter weit öffnen wird, ist eher unwahrscheinlich. Die Jahr-Familie hat zwar jetzt verhindert, dass Bertelsmann die Option eines Verkaufs von G+J  nicht ziehen kann, doch das ist ein Pyrrhussieg, der den Hamburger nur eine Atempause verschaffen wird. Langfristig wird sich der Druck kontinuierlich verstärken und das werden vor allem die Redaktionen mit weiteren Kostensenkungsrunden zu spüren bekommen.
Rabe hatte den Wunsch nach Übernahme der Jahr-Anteile in der FAZ unter anderem damit begründet, dass die RTL-Sender enger mit den G+J-Redaktionen zusammen arbeiten könnten.  Warum ginge das nicht auch ohne den vollständigen Besitz von G+J? Weil RTL und die G+J-Redaktionen völlig unterschiedliche Kulturen repräsentieren. RTL ist im Grunde Boulevard pur, die Bildzeitung unter den Fernsehsendern. Dagegen sprechen auch nicht die renommierten Nachrichtenformate und Figuren wie Peter Klöppel. Auch BILD hat hohe Nachrichtenqualität. Selbst wenn Stern-TV ein einigermaßen gelungenes Modell der Markenübertragung ist, die Redaktionen von Stern, Geo und Brigitte sind aus ihrer Sicht nicht kompatibel mit RTL. Die Journalisten in diesen Medien sind in einer anderen Welt zuhause. "Deutschland sucht den Superstar" oder "Dschungelcamp" sind für die Hanseaten unterste Schublade. Deswegen war wahrscheinlich auch Angelika Jahr gegen den Ausstieg. Man müsste die Redaktionen schon zur Kooperation zwingen, und das ginge nur ohne die Jahr-Familie.
Die dürre Pressemitteilung von gestern muss man gelesen haben. Soviel Verkleisterung habe ich selten in einer Presseinfo gesehen. In ROT habe ich deshalb erfunden, was nicht gesagt wurde:

" Bertelsmann und die Jahr Holding sind im Verlaufe ihrer Gespräche über die künftige Ausrichtung (bei denen es nicht um die Ausrichtung, sondern um die Machtverhältnisse ging) von Gruner + Jahr einvernehmlich zu der Entscheidung gelangt, dass sie Europas größtes Zeitschriftenverlagshaus (in der die Zeitung FTD das größte Problem ist) auch in Zukunft gemeinsam (genauso wenig wie in der Vergangenheit) weiterentwickeln werden. (Wir werden dabei wie bisher kein Geld geben, wenn es uns nicht sinnvoll erscheint). Die Anteilsverhältnisse an der Gruner + Jahr AG & Co KG bleiben (leider)  unverändert.

Thomas Rabe, Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann, erklärt: „Bertelsmann wird die mehr als 40 Jahre währende, erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Familie Jahr (jetzt doch)  fortsetzen. (Leider habe ich die Erfolgsaussichten für eine Anteilsübernahme völlig falsch eingeschätzt. Sonst hätte ich mich nicht öffentlich so positioniert.) Wir werden die starke Position von G+J im Mediengeschäft ausbauen, die Digitalisierung von Inhalten und Marken vorantreiben und die dafür notwendigen Mittel zur Verfügung stellen. (Mit diesem Versprechen hat die Jahr-Familie auf ganzer Linie gesiegt. Das werde ich nicht so schnell vergessen). Bertelsmann fühlt sich dem Qualitätsjournalismus als einem inhaltlichen Kern seiner Geschäfte auch in Zukunft verpflichtet.(Diese Selbstverständlichkeit musste ich auf Wunsch der Jahrfamilie nochmal ausdrücklich betonen. Sei´s drum.)

Winfried Steeger, Geschäftsführer der Jahr Holding GmbH & Co. KG, (spricht wie ein Sieger und) sagt: „In den intensiven (wir haben wirklich ganz lange miteinander gesprochen) und konstruktiven (Bertelsmann hat uns verstanden) Gesprächen mit Bertelsmann sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir die anstehenden (teuren) Herausforderungen für G+J am besten gemeinsam werden meistern können (indem Bertelsmann uns möglichst viel zahlt und möglichst wenig reinredet). Beide Gesellschafter kennen das Verlagshaus seit langem, vertrauen einander und werden (unter unserer Anleitung) G+J in eine gute Zukunft führen.“

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