Donnerstag, 11. Oktober 2012

Barschel und kein Ende

25 Jahre nach seinem Tod ist Uwe Barschel immer noch ein Thema. Gestern besuchte ich auf der Frankfurter Buchmesse die Pressekonferenz des ehemaligen Lübecker Ermittlungschefs Heinrich Wille. Vorgestellt wurde sein im Grunde altes Buch "Ein Mord, der keiner sein durfte"dessen Text nach seinen eigenen Aussagen von 2007 stammt und das bereits 2011 im Schweizer Rotpunktverlag erschienen ist. In dem Buch fehlen Antworten und Hinweise auf die wichtigste Fragen: Wer war der Mörder, wenn es denn ein Mord war? Wer hatte Interesse am Tod Barschels? Und wer wollte verhindern, dass Wille den Mordfall aufklärte?

Ich kannte Barschel. Als Bonner  Korrespondent der Wirtschaftswoche habe ich ihn gelegentlich interviewt. Ich kannte auch den Mann, der dem Spiegel die Geschichte verkauft hatte, dass Barschel ihn mit der Bespitzelung von Björn Engholm beauftragt hatte: Reiner Pfeiffer. Deswegen interessiert mich diese ganze Geschichte.
Pfeiffer war Redakteur eines kleinen Bremer Wochenblättchens namens Weser-Report, für das ich gelegentlich Kolumnen schrieb. Ein äußerst windiger Typ, wie ich erst später erfuhr. Er lieferte dem Spiegel eine Skandalstory liefert, die bis heute gravierende Lücken hat. Bei Wikipedia lesen wir über ihn: "Obwohl Pfeiffer immer wieder behauptet hatte, Ministerpräsident Barschel sei der Auftraggeber dieser zum Teil kriminellen Machenschaften gewesen, wurde später seitens verschiedener Ermittlungseinrichtungen die Glaubwürdigkeit Pfeiffers hierzu in Frage gestellt. Ferner gelang es nicht, die Urheberschaft Barschels zu beweisen." Nicht nur der Tod Barschels ist bis heute unaufgeklärt, auch die sehr obskure Rolle Pfeiffers, der später dann auch noch in der "Schubladenaffäre" (50.000 Euro für Pfeiffer aus einer Schublade des SPD-Landesvorsitzenden Janssen) die SPD in Schwierigkeiten brachte.

Irritiert hat mich gestern, wie locker der frühere Staatsanwalt Wille mit den Informationen aus Stasiquellen umging: Die Stasi scheidet für Wille aus, sie habe die Medien auch nicht instrumentalisiert.  Dennoch berichtete er viel über die damaligen Informationsflüsse: Der Chef-Toxikologe der Stasi sei der Hauptinformant für den Stern gewesen. Mit ihm habe er viel telefoniert, seit er sich geoutet hat. (Wieso läuft dieser Giftmischer immer noch frei herum?) Wille schwärmte von seiner Zusammenarbeit mit Spiegel und Stern, während er sich von dunklen Mächten gemobbt und in seiner Arbeit behindert sieht. Immer wieder der Hinweis auf Dinge, die er nicht hätte schreiben können. Dass  Stern-Reporter Knauer noch vor der Polizei am Tatort Fotos machte, kann kein Zufall gewesen sein. Er verschwand später im Kulturteil des Magazins.
Wie die Stasi sehr wohl Medien instrumentalisierte, bewies der angebliche Brief des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten an den damaligen Parteifreund CDU-Finanzminister Gerhard Stoltenberg, in dem Barschel ihn der Mitwisserschaft in der Affäre bezichtigte und mehr Unterstützung forderte. Dieser von "Panorama" und vom "Stern" veröffentlichte Brief von 1987 machte viel Furore und belastete Stoltenberg bis zu seinem Rücktritt 1992. Er stellte sich 1991 als lupenreine Fälschung der Abteilung X HVA des Auslandsnachrichtendienstes (Stasi) der DDR heraus, die den Brief verschiedenen Redaktionen zugespielt hatte.
Wille gibt an, die Gauckbehörde habe nicht alle Unterlagen geliefert, die sie über die Vorgänge hatte. Im Fernsehen sei ein Fax aus den Akten der Gauckbehörde gezeigt worden, das ihm nicht zugänglich gemacht worden sei. Und dann: Der BND habe versucht, die Ermittlungsbehörden zu instrumentalisieren. Dunkle Mächte waren wohl am Werk, deutet Wille mit Stichworten an: Vielleicht Israel, Iran, Südafrika, U-Boote. Die frühere HDW-Werft in Kiel baute U-Boote für den Export.
Beweise gibt für geheimdienstliche Hintergründe gibt es nicht. Vorstellbar ist vieles. Aber was ist die Wahrheit? Viel spricht für einen Mord, aber warum rollte man den Fall nicht noch einmal auf? Wille lieferte noch einmal ein paar Details, die einen Mord als plausibel erscheinen lassen: Zum Beispiel ein leeres Whisky-Fläschchen, das ausgespült worden war und in dem dennoch ein starker Giftstoff nachgewiesen werden konnte. "Welcher Selbstmörder spült eine Flasche mit vergiftetem Whisky aus?", so Wille.
Der Spiegel (hier klicken) berichtete 1990 über zahlreiche ungeklärte Mordfälle, die mit der Stasi in Verbindung gebracht wurden. Ich empfehle hierzu auch das präzise aufklärende Buch meines Freundes und Kollegen Michael Ludwig Müller, "Die DDR war immer dabei - SED, Stasi & Co und ihr Einfluss auf die Bundesrepublik". 
Das Kapitel Stasi ist noch längst nicht abgeschlossen.

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